CD LUDWIG van BEETHOVEN: CHAROSCURO QUARTET: Streichquartette Nr. 9, op. 59/3, Nr. 11, op. 95, Große Fuge op. 133; BIS Records
LUDWIG van BEETHOVEN: Symphonie Nr. 5, Ottavio DANTONE dirigiert die Accademia Bizantina; HBD-Sonus
Das Beethoven-Jahr wirft seine Schatten voraus. Am 26. März 2027 jährt sich der Todestag von Ludwig van Beethoven zum 200. Mal. In der Saison 2026/27 wird von vielen Musikinstitutionen weltweit dem Leben und Werk des Komponisten in allen Facetten in unzähligen Konzerten ein Schwerpunkt gesetzt. Da will sich natürlich auch die Tonträgerindustrie nicht lumpen lassen. So werden derzeit etliche Gesamteinspielungen der Symphonien oder der Streichquartette vorbereitet bzw. machen an der x-ten Station halt.
Ich will mich nun auf zwei aktuelle Veröffentlichungen beschränken: Das Chiaroscuro Quartet hält bei Vol. 5 mit den Streichquartetten in C-Dur, „Razumovsky“, op. 59 Nr. 3, in f-Moll, „Serioso“, op. 95 und der Großen Fuge, op. 133.
Unter dem Projekttitel „Beethoven Extended“ führt das italienische Barockensemble Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone Beethoven Symphonien auf und veröffentlicht diese im Rahmen ihrer bei Vol. 3 haltenden fortlaufenden Alben-Reihe „Imprinting“. Wir sind nun bei der „Fünften“ gelandet.

1) CHAROSCURO QUARTET: Beethoven – Streichquartette Nr. 9, op. 59/3, Nr. 11, op. 95, Große Fuge op. 133; BIS
Für mich liegt der nach dem Alban Berg Quartett denkbar aufregendste aller Beethoven Streichquartett-Zyklen im Endspurt. Das ist in der nunmehrigen Ausgabe exemplarisch nachzuhören. Das auf historischen Instrumenten mit Darmsaiten und Bögen der Zeit spielende Ensemble wurde 2005 in London von der russischen Geigerin Alina Ibragimova (Instrument von Andrea Amati, 1570) gegründet. Seither stehen sie und Charlotte Saluste-Bridoux (Geige von Carlo Tononi, 1720), Emilie Hörnlund (Bratsche von Willems, um 1700) und die Claire Thirion (Cello von Carlo Tononi, 1720) für einen vibratoarmen, hochexpressiven Klang.
Da kann man sich mit Fug und Recht vorstellen, wie sehr diese Musik in ihrer bis heute ungeheuerlichen Modernität und ihrem Zerklüftetsein etwa des dritten Razumovksy-Quartetts, vom Quartett „Serioso“ sowie der „Großen Fuge“ ganz zu schweigen, die damalige Zuhörerschaft verstört haben mag und dementsprechend unverständig bis beleidigt reagierte.
Seit 2016 nimmt das Chiaroscuro Quartet exklusiv für BIS Records auf. Dass das Chiaroscuro Quartett nichts mit einer wie auch immer gearteten romantischen Klangimagination auf dem Hut hat, muss nicht weiter erläutert werden. Es geht vielmehr mit einem chirurgischen Skalpell an die Werke, legt aller Fasern und Sehnen bis auf die Partiturskelette frei, um sodann in einem auf Wahrhaftigkeit bedachten nachschöpferischen Akt zu einem völlig anderen Ergebnis als die bisherigen Aufführungstraditionen zu gelangen.
Statt musikalisch unbeschwertem Genuss äußerste Radikalität, elektrisches Funkenstoben, nervöse Unruhe basierend auf einem obertonreicheren, auf harmonische Reibungen und rhythmische Kante fokussierter Klang. In den Piani setzt das Quartett etwa in der Großen Fuge auf einen kompromisslos fahlen und gespenstischen Sound.
Und ja, es legt, dem Namen Chiaroscuro alle Ehre machend, auf heftige dynamische und artikulatorische Kontraste zwischen einer spotartig belichteten Helligkeit und nachtschwarzer Dämonie, zwischen Behutsamkeit und Aggression, „lebendiger Glut und nüchterner Kühle.“
Von den für den russischen Botschafter in Wien Graf Andrej Kyrillowitsch Razumovsky und seinem von Ignaz Schuppanzigh geleiteten Hausquartett geschriebenen Quartetten steht auf der vorliegenden Edition das dritte des mittleren Beethoven zur Disposition. Eine chromatisch düstere Einleitung nach dem Beispiel von Mozarts „Dissonanzenquartett“ mündet in ein federndes, rhythmisiertes Allegro vivace voller vulkanischer Energie. Im a-Moll Andante liegen unterbrochen von einem Pizzicato Zupfen des Cellos slawische Melancholie und salonhaftes Protokoll nahe beieinander. Das Finale gehört laut Richard Wigmore „zu den extravagantesten aller Beethoven Eingebungen mit virtuos fugalen Texturen“.
Mein persönlicher Liebling des Albums ist das Streichquartett in f-Moll, op. 95. Aus dem Jahr 1810. Das „Quartetto serioso“ spiegelt des Komponisten zerrüttete psychische Verfassung nach der nicht zustande gekommenen Heirat mit Therese Malfatti. Die Musik scheint aus einer anderen Galaxie zu kommen, (Alp)Traumgebinden gleich, wo schroff Verworrenes auf entrückte Züge stößt. Für das Chiaroscuro Quartett ist es die zweite Aufnahme nach derjenigen aus dem Jahr 2013. Legendär ist, wie das Londoner Quartett im letzten Satz den Gegensatz von friedhofsnebeligem Larghetto espressivo über das Allegretto agitato bis zum abrupten Stimmungswechsel in der finalen, jeglicher Grübelei sich verwehrenden Coda interpretiert. Eine musikalische Psychoanalyse der archaisch wütenden, zivilisatorisch dünnen, bis in „Scheiß drauf“ Manier spöttisch-frohlockenden menschlichen Natur.
Die ursprünglich als Finale des B-Dur Quartetts, op. 130, 1826 uraufgeführte „Große Fuge“ steigert all diese Befindlichkeiten noch ins Unermessliche. Fuge, Doppelfuge, Variationen als kontrapunktisches Theater in Fortissimo, eine monumentale Mischung aus Groteskem und Leichtigkeit. Um noch einmal Wigmore zu zitieren: „Die mündet in eine Fuge in As-Dur, die unaufhaltsam zu einer neuen Stufe der Komplexität und dissonanten Spannung ansteigt, komplett mit schrillen Trillern.“ Bartók vorwegnehmend, hat Beethoven ein widerborstiges Werk geschaffen, das durch das Chiaroscuro Quartett in aller gletscherspaltigen Abgründigkeit und expressiven Radikalität eine beunruhigende Qualität erfährt.
Wenn es so etwas wie 100 von 100 Punkten gäbe, wäre das meine Wertung für das neue Beethoven Kamermusikalbum aus London! Warum? Weil die Interpretation historisch und zeitgenössisch zugleich ist, weil Beethovens als Verkünder unbequemer Wahrheiten bis heute unschlagbar ist. Da ist er mir tausendmal lieber als als idealistischer Utopist. „Alle Menschen werden Brüder“ klingt heute nur noch als Hohn.
Hinweis: Auch Igor Levit widmet sich mit seiner CD „Resistance“ auf seinem am 21.10. releasten Eigenlabel No Silence Werken von Ludwig van Beethoven/Liszt: Er stellt Liszts Klaviertranskription von Beethovens „Eroica“ Arnold Schoenbergs „Ode an Napoleon Bonaparte“ gegenüber.
2) Beethoven – Symphonie Nr. 5, kombiniert mit Franz Schuberts Symphonie Nr. 4, die „Tragische“ Ottavio DANTONE dirigiert die ACCADEMIA BIZANTINA; HBD-Sonus
Mit der Reihe „Imprinting“ soll ein Leitfaden für das Verständnis der musikalischen Sprache der beginnenden Romantik aus den ästhetischen und philosophischen Umbrüchen der Zeit gegeben werden. Das schließt aber auch die traditionellen Gesten und expressiven Annäherungen aus dem 18. Jahrhundert als Teil der neuen künstlerischen Empfindsamkeit ein. Verschiedene miteinander verflochtene Lagen der Interpretation sozusagen. Wusste man noch im 17. und 18. Jahrhundert die ungeschriebenen Codes praxisnah zu entschlüsseln, ist das heute sicher nicht mehr der Fall. Seit etwa 70 Jahren beschäftigen sich Heerscharen an Musikologen, Dirigenten und Musikern aller Provenienz mit Fragen der kommunikativen Absichten und stilistischen Eigenheiten der Aufführungen sogenannter „Alter Musik“.
Ottavio Dantone geht es um die visionäre Kraft Beethovens sowie um die introspektive, narrative Dimension in Schuberts frühem symphonischem Schaffen. Beethovens „Fünfte“ in c-Moll, op. 67 aus den Jahren 1807/1808 lebt von ihrer mesmerisierend durchgehenden Spannung, einer rigorosen Durchführung samt dramatisch geschwungener Faust. Aber nicht nur das Martialische und ihr unwiderstehlicher Sog zeichnet sie aus. Die poetische
Gewidmet dem Grafen Andrej Kyrillowitsch Razumowsky, wurde sie als antinapoleonisches Statement interpretiert, was heute keinen Menschen mehr interessiert als vielmehr die generelle antityrannische Grundhaltung.
Ottavio Dantone gelingt mit der in Ravenna 1984 ins Leben gerufenen Accademia Bizantina eine dramatisch aufgewühlte, in den Tempi flott flitzende, vorwärtsdrängende Lesart ohne Wenn und Aber. Wie bei dem in der obersten Liga spielenden Ensemble auf Originalklanginstrumenten üblich, legt das durchhörbare Klangbild einzelne Stimmen frei, setzt auf charaktervolle Holzbläser und eine rhythmisch explosive Artikulation der Pauken. Die von Beethoven selbst vorgegebenen, irre rasanten Metronomangaben von 1817 werden gnadenlos umgesetzt. Das Ergebnis kann in der Nachfolge der Sichtweise von Sir Roger Norrington verstanden werden, pulsiert jedoch freier, ist elastischer, mediterraner und wie das Chiaroscuro Quartet auf dynamische Zuspitzungen, zudem ebenso auf den harten Gegensatz von zarten Piani und naturgewaltigen Ausbrüchen bedacht.
Unwesentlich anders geht Dantone Franz Schubert mit seiner als 19-jähriger verfassten „Tragischen“ in c-Moll, D. 417, an. Agogisch differenzierter bei grundsätzlich unvermindert am Zügel gehaltenen straffen Tempi. Aber mir persönlich klingt das Endergebnis ein wenig zu sehr Beethoven, wählt ein Quäntchen zu sehr die gleiche Klangästhetik. Wir stimmen mit Bernardo Ticci überein, wenn er im Booklet extemporiert, dass Schubert den finalen Triumph über die Dunkelheit rein der Musik überlässt, während bei Beethoven immer Ideale bzw. ethische Grundsätze mitschwingen. Da Schubert nie daran dachte, dass diese Symphonie öffentlich aufgeführt wird, ist die persönlich intime Note ein wesentlicher Bestandteil der grandios schönen Musik. Und genau das sollte man hören.
Dr. Ingobert Waltenberger

