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CD LUDWIG van BEETHOVEN: BAGATELLEN Gesamtaufnahme – TANGUY DE WILLIENCOURT; Mirare

Beethovens Minimundus

09.04.2020 | cd

CD LUDWIG van BEETHOVEN: BAGATELLEN Gesamtaufnahme – TANGUY DE WILLIENCOURT; Mirare

 

Beethovens Minimundus

 Schon beim gemeinsam mit Bruno Philippe musizierten Beethoven/Schubert Album (erschienen bei Harmonia Mundi) ist mir Tanguy de Williencourt äußerst positiv aufgefallen. Pianistische Technik und Können stehen bei ihm stets unter der Prämisse einer die tiefsten Gründe ausschöpfenden Werkschau, ohne beim neugierigen Sezieren der Noten in der Interpretation die Sinnlichkeit im Klang, die Spontanität in der Emotion und das Feeling für eine innere Dramaturgie der sich entwickelnden Motive auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu verlieren. 

 

In der Musik bedeutet Bagatelle banal ein kurzes Stück, ansonsten semantisch alles ohne wirkliche Bedeutung – Kleinigkeiten eben, so aus der Hand geschüttelt. Dass es sich bei den auf der CD vorgestellten Stücken aus allen Schaffensperioden von Beethoven anders verhält, ist neben der bezwingenden Meisterschaft von Williencourt einer der Gründe, warum diese CD in keiner Beethoven Sammlung fehlen sollte. Der große Bogen spannt sich von den Sieben Bagatellen Op. 33 über die elf Bagatellen Op. 119 bis zu den späten sechs Bagatellen Op. 126. Dazwischen ist noch Platz für das Allegretto WoO 53, das Allegretto WoO 61, ein Stück für Klavier WoO 54 mit der Bezeichnung „Lustig- traurig“, das Stück für Klavier WoO 60 „ziemlich lebhaft“, die Bagatellen WoO 52, 56 und 61a, und last but not least die wohl bekannteste aller Bagatellen, WoO 59, „Für Elise“. 

 

Williencourt sieht in den Bagatellen das intime und eindringliche Porträt von  Beethoven, der um sein Innovationsvermögen weiß. Sein Genie als Ganzes wird darin offensichtlich, denn jede Bagatelle offenbart eine Facette von Beethovens so reicher und vielschichtiger Persönlichkeit. Diese Bagatellen legen vorerst ihre Ursprünge im Klassizismus Haydns und Mozarts offen, „lassen allmählich die aufkommende Romantik erahnen, manchmal verweisen sie schon auf Schubert, und sogar auf Schumann oder Brahms. Einige Bagatellen treiben den Tonsatz in Richtung einer radikalen Moderne, die später Komponisten wie Bartók, Berg oder Webern beeinflussen sollte. Diese zweiunddreißig Bagatellen sind somit das diskrete Zeugnis eines Lebens, das ganz auf der Suche nach einem kraftvollen musikalischen Engagement beruht.“

 

Alle Stücke halten im Kern ein oder mehrere Wesenselemente Beethovenscher Kunst bereit, bilden aber auch die Verspieltheit (genial das quirlige, energiegeladene ,Allegro ma non troppo‘ aus den Bagatellen Op. 33) und die unbändige Experimentierfreude Beethovens (z.B.: ,Presto‘ Op. 33) ab. Als klingende architektonische Modelle erinnern mich diese Bagatellen an ein musikalisches Minimundus. Die exzeptionelle Form, die Originalität der Gestaltung und Verarbeitung, das Große im Wurf und Einzigartige in der Komposition sind voll ausgebildet, aber eben nur kleiner und kompakter als in den großen Symphonien und Sonaten. Wir hören hier quasi die Quintessenz der Kompositionsweise Beethovens auf 70 Minuten herrlichster Klaviermusik konzentriert.

 

Tanguy de Williencourt trägt einen nicht unerheblichen Anteil an der Faszination des Albums. Bergkristallgleich perlen die Läufe, mit Tigerpranke auf Samt gebettet. Die Anschlagskultur ist in ihrer Vielfalt und gestischen Präzision stupend. Passgenau geschneiderte Temporückungen sorgen für Dauerspannung. Selbst die scheinbar abgedroschene, von Generationen und Millionen an Klavierschülern verstümperte „Elise“ begeistert hier voller Charme, Duftigkeit und hintergründigem Geheimnis.

 

Anmerkungen zu den einzelnen Zyklen aus der Sicht des Pianisten 

 

Sieben Bagatellen Op. 33

Die sieben Stücke dieses ersten Zyklus stehen in der Nachfolge Mozarts und Haydns und zeugen von einem bereits voll ausgereiften Beethovenschen Stil. Diese Bagatellen, die in Form und Satz vollendet sind, tragen als gemeinsamem Nenner Dur-Tonarten, die ihnen Charme, Leichtigkeit und einen sorglosen Charakter verleihen.

 

Elf Bagatellen Op. 119

Opus 119 ist laut neuester Erkenntnisse in der Zusammenstellung eine zusammengewürfelte Kombination älterer und neuerer Bagatellen, deren Konzision jedes einzelne zu einer sich selbst genügenden Miniatur macht. Während der erste Teil (Nr. 1-5) in einem noch relativ klassischen Stil gehalten ist, verschiebt sich der zweite Teil (Nr. 6-11) in Richtung eines modernen, experimentelleren Tonsatzes; er öffnet eine Pforte hin zur späteren Schaffensperiode des Komponisten, derjenigen seiner letzten Streichquartette. 

 

Sechs Bagatellen Op. 126

Diese im zeitlichen Umfeld der Neunten Symphonie und der Missa solemnis entstandenen, völlig anders dimensionierten letzten Bagatellen, zum einen das unendlich Kleine hier, zum anderen das unendlich Große dort, nähern sich dem an, was Beethoven mit diesen Meisterwerken möglichst vielen Menschen vermitteln wollte. Die Perfektion dieses Zyklus ist auch auf seine klangliche Geschlossenheit und auf die Füller ihres musikalischen Ausdrucks zurückzuführen. Beethoven schrieb über diese Sechs Bagatellen Op. 126 – die letzten Klavierstücke, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden – in einem Brief an den Verleger Schott im Mainz: „6 Bagatellen oder Kleinigkeiten für Klavier allein, von welchen wohl manche etwas ausgeführter u. wohl die besten in dieser Art sind, welche ich geschrieben habe.“

 

Fazit: Die CD ist ein Muss für alle Freunde Beethovens und olympischer pianistischer Meisterschaft.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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