CD: Lucie Vellère: The Music Comes as it Likes… Coline Dutilleul, Justine Eckhaut, Philippe Riga, Thérèse Malengreau Sonoro Quartet, Viride Kwartet, Chœur de Chambre de Namur, Thibaut Lenaerts Musique en Wallonie, MEW2513
Lucie Vellère im Rampenlicht: Eine farbensatte Wiederentdeckung

Mit einer Doppel CD rückt Musique en Wallonie eine Komponistin ins Rampenlicht, die sich zu Lebzeiten lieber im Schatten hielt. Lucie Vellère, 1896 in Brüssel geboren, war keine Person, die mit kreativen Feuerstößen hausieren ging. Sie schrieb einfach weiter. Still. Konsequent. Melodie um Melodie, immer in sanft geschwungener Weise, als hätte sie die Kurven einer Jugendstil Fassade studiert und in Töne übersetzt. Ihre Musik trägt den Duft impressionistischer Gärten, aber sie hält die Blüten mit klassischer Klarheit im Zaum. Man hört Debussy im frühen Licht, Ravel in reflektierter Eleganz, vielleicht auch einen Hauch ihres Kollegen Joseph Jongen, der wie ein diskreter, aber geschmackssicherer Nachbar durchs Fenster grüßt. Vellère stand nie gern im Mittelpunkt, aber diese Einspielung zeigt, dass ihre Musik seit Jahrzehnten nur darauf gewartet hat, endlich wieder gehört zu werden.
Schon die „Ballades de Paul Fort“ machen klar, worauf man sich einlässt. Coline Dutilleul setzt im ersten Lied zu einem Gesang an, der so weich und rund erscheint, als würde er im Wasser treiben. Justine Eckhaut lässt das Klavier leicht verhuscht glitzern, und man ist sofort im impressionistischen Kosmos daheim. „Harmonie lunaire“ ist keine Mondbesessenheit, sondern eine gepflegte Abendrunde mit silbrigem Witz. Die folgende „Ronde“ bricht den Zauber mit ein wenig Aufregung, was Dutilleul mit einem elegant verschmitzten Tonfall aufnimmt. Man spürt förmlich, wie sie innerlich die Ärmel hochkrempelt und trotzdem kultiviert bleibt. „La mort des voiles“ wird dann ernsthafter, breiter, dunkler. Eckhaut stemmt die tiefen Akkorde mit klarer Gravität. Das Pathos wirkt nie schwerfällig, sondern so bewusst gesetzt, dass es Vellères melodischer Linie zugutekommt.
„Faune“ beschreibt eine Natur, die nicht von wilden Fabelwesen bevölkert ist, sondern von Stille. Die Sängerin trägt den Text mit ruhigem Atem, und das Klavier öffnet kleine Lichtungen im Klang. Diese Art stiller Beobachtung kennt man aus Debussys Prélude, nur wirkt sie hier kammermusikalisch konzentrierter.
In „Vous m’avez dit, tel soir“ treten das Sonoro Quartet und das Viride Kwartet hinzu und weben einen schimmernden Streichergrund, der Dutilleuls Stimme sanft trägt. „O blanche fleur des airs“ schließt sich in gleicher Besetzung an und strahlt eine helle, schlichte Schönheit aus. Hier zeigt sich die kultivierte Zurückhaltung der Sängerin vielleicht am stärksten. Sie biegt keine Phrasen zurecht, sie trägt sie wie feine Porzellanfiguren durch den Raum.
„Égarement“ zieht uns wieder ins Duo zurück. Die kleinen inneren Erschütterungen, die der Titel verspricht, verkörpert Dutilleul mit einem leichten Anflug von Unruhe. Eckhaut reagiert prompt und steuert die Bewegung sicher. Das Gleiche gilt für die „Toi et moi“-Gruppe, die in Miniaturen wie „Dualisme“, „Méditation“ oder „Inquiètude“ das ganze Spektrum zwischen stillem Nachdenken und feiner Ironie bereithält. Die beiden Interpreten setzen die verschiedenen emotionalen Wendungen mit einer Selbstverständlichkeit um, die zeigt, wie gut ihnen Vellères Sprache liegt.
Die „Petits Poèmes“ bleiben im Duo und wirken wie kleine Polaroidbilder. „Verger“ knistert im Sonnenlicht, „Désespoir“ sinkt leicht ein, „Le temps fuit“ wispert im Vorübergehen. Dutilleul und Eckhaut halten diese Miniaturen knapp, präzise und mit zugleich zarter wie zielgerichteter Artikulation.
Mit der „Vieille chanson du dixième siècle“ schlägt Vellère ein neues Kapitel auf. Das Sonoro Quartet legt einen warmen, rituellen Teppich, über dem Dutilleuls Stimme zu einer Erzählfigur wird. Die „Berceuse“ bleibt in dieser Stimmung. Man könnte meinen, die Komponistin habe beim Schreiben eine Lampe mit bernsteinfarbenem Glas brennen gehabt.
Dann folgt das Streichquartett Nr. 4. Drei Sätze, drei Stimmungen, ein Ensemble, das vollkommen homogen agiert. Der Animé Satz ist lebendig ohne Eile. Das Sonoro Quartet meistert die kleinen harmonischen Schattenspiele mit derselben Ruhe wie die melodischen Schübe. Das Lamento spricht in langen Phrasen, die nie ins Tränenreiche kippen, und der Vif Satz bringt zum Schluss eine pointierte Energie, die zeigt, wie viel Selbstbewusstsein in Vellères Kammermusik steckt.
„Air de Syrinx“ eröffnet ein neues Klangfeld mit dem Chœur de Chambre de Namur und Thibaut Lenaerts. Der Chor singt kultiviert, klar, nie plakativ. Man hört eine feine Balance zwischen zarter Textur und kontrollierter Kraft. Lenaerts hält den Ensembleklang gut zusammen und erlaubt doch kleine Freiräume, die der Musik gut tun.
In den „Petites histoires“ betritt Philippe Riga das Spielfeld. Sein Klavierspiel hat etwas angenehm Erzählendes. Der Chor tritt wieder hinzu, die Miniaturen entwickeln eine Bühnenhaftigkeit, die jedoch nie laut wird. „Dame souris“ hat Witz, „Petite fée“ ein schimmerndes Eigenleben, und „Odelette“ wirkt wie ein kleines, bescheidenes Präludium zum Abschied. Riga steuert das alles souverän.
Die „Chansons enfantines“ bleiben im selben Geist. „Les soldats du roi“ marschieren charmant unbeholfen vorbei, „L’éléphant“ schnaubt gemütlich, und „On ne danse plus en rond“ kommt mit jener kindlichen Ernsthaftigkeit daher, die gleichzeitig rührt und schmunzeln lässt. Der Chor klingt locker, nie verkrampft. Lenaerts findet genau den richtigen Ton.
Mit den „Tanagras“ übernimmt Thérèse Malengreau das Klavier. Ihre „Danseuse“ schwebt elegant, „La porteuse d’offrandes“ wirkt wie ein gemaltes Relief, und die „Bacchante“ zeigt, wie viel Temperament Vellère hinter ihrer feinen Oberfläche verstecken konnte. Malengreau spielt das mit ruhiger Autorität.
Die „Promenade au bord du lac“ ist dann ein kleines Klavieralbum der Stimmungen. „L’heure tranquille“ hält, was der Titel verspricht. „Pétales sur la cendre“ schwebt wie feiner Staub, „L’eau profonde“ zieht in dunklere Tiefe. Besonders schön gelingt Malengreau die „Danse au clair de lune“, die nicht glitzert, sondern ruhig pulsiert. „La maison abandonnée“ und „L’île en feu“ runden diese Reise ab und zeigen erneut, wie farbig Vellère komponierte.
Die „Préludes pour la jeunesse“ sind ein Parcours durch spielerische Welten. „Bucolique“ duftet nach Feld, „Ombres chinoises“ tanzt mit Schatten, „Masques“ hat Humor, und „Voici l’automne“ raschelt glaubhaft. Malengreau bewältigt die stilistische Vielfalt mit Bestimmtheit. Die Mischung aus Klarheit und poetischer Wärme macht diese Stücke zu einem echten Vergnügen.
Zum Schluss die „Feuillets épars“. „Rêverie au crépuscule“ ruht in sich selbst. „Glissent les nuages“ gleitet wirklich, und „La terre s’est endormie“ schließt die CD mit einer Ruhe, die sich wie ein weiches Tuch über alles legt.
Was bleibt: Eine Aufnahme, die nicht einfach ein Repertoire aufpoliert, sondern einer Komponistin einen Platz zurückgibt, der ihr längst zusteht. Die Mitwirkenden arbeiten geschlossen, mit Leidenschaft und ohne Eitelkeit. Die Sängerin bleibt in jeder Phrase kultiviert, der Chor fein ausbalanciert, die Pianisten stilsicher und souverän, und die Streichquartette zeigen beste kammermusikalische Homogenität.
Zugängliche Musik, farbig, elegant, mit klarem Kopf und warmem Herzen. Und endlich wieder hörbar.
Dirk Schauß, im November 2025
Lucie Vellère: The Music Comes as it Likes…
Coline Dutilleul, Justine Eckhaut, Philippe Riga, Thérèse Malengreau
Sonoro Quartet, Viride Kwartet, Chœur de Chambre de Namur, Thibaut Lenaerts
Musique en Wallonie, MEW2513

