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CD: Luciano Berio Coro Vito Žuraj Automatones Chor des Bayerischen Rundfunks Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Sir Simon Rattle, musikalische Leitung BR-Klassik, 900650

07.11.2025 | cd

CD: Luciano Berio Coro Vito Žuraj Automatones Chor des Bayerischen Rundfunks Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Sir Simon Rattle, musikalische Leitung BR-Klassik, 900650

Wer das aushält, liebt Dissonanzen – Rattle serviert Berio & Zuraj

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Es gibt CDs, die man einschiebt, und sofort breitet sich ein wohliger Klangteppich aus. Und es gibt CDs, die einem das Gefühl geben, man hätte den Staubsauger versehentlich im Orchestergraben geparkt. Diese neue BR-Klassik-Aufnahme fällt eindeutig in die zweite Kategorie. Zwei Werke, die so kompromisslos sind, dass man sie eher als musikalische Mutprobe betrachten muss: Luigi Berios Coro und Vito Žurajs Automatones.

Fast eine Stunde dauert dieser Brocken, und nach einer Minute fragt man sich unweigerlich: Sollte man dafür eigentlich Sitzfleisch oder Gehörschutz mitbringen? Berio stellt Chor und Orchester wie Spielkarten gegeneinander – jede Stimme hat ihr Instrument, jede Linie ihren Widerpart. Heraus kommt ein babylonisches Sprach- und Klanggewimmel, das zwischen genialem Weltenbau und orchestraler Massenkarambolage pendelt.

Die Texte – Neruda, Volkslieder, hebräische Fragmente, deutsche Floskeln – könnten auch aus dem Handgepäck eines vielsprachigen Rucksacktouristen stammen. Berio baut daraus eine Collage, die entweder nach globaler Utopie klingt oder nach einem Eurovision Song Contest, bei dem alle gleichzeitig auftreten.

Zwischendurch gibt es tatsächlich Momente von Schönheit: eine Solostimme, fast volksliedhaft, die kurz aufblüht – bevor sie von einer Lawine aus Chor und Orchester gnadenlos niedergewalzt wird. Der BR-Chor, von Max Hanft vorbereitet, singt mit eiserner Disziplin, und Sir Simon Rattle hält den Klangsturm zusammen, als würde er eine Boeing 747 bei Seitenwind landen.

Wer am Ende noch nicht geistig zusammengeklappt ist, wird mit einem seltsamen Gefühl zurückgelassen: erschöpft, überfordert, aber auch beeindruckt. Coro ist nicht schön. Aber es ist groß.

Kaum hat man sich von Berio erholt, schickt Vito Žuraj sein Orchester in die Arena. Automatones klingt, hier in der Uraufführung, als hätten Baukräne, Presslufthämmer und Industrieroboter beschlossen, eine eigene Gewerkschafts-Hymne zu komponieren.

Die sieben Abschnitte stürzen von polternden Schlagwerkattacken in gleißende Streicherflächen und zurück. Man schwankt zwischen dem Eindruck eines futuristischen Maschinenballetts und der Frage, ob man gerade Zeuge einer defekten Klimaanlage in Dolby-Surround wird. Žuraj interessiert sich nicht für Melodien, sondern für Energieausbrüche, die sich ständig selbst verschlingen.

Es ist faszinierend, aber auch gnadenlos: Automatones verlangt einem alles ab – dem Orchester, das mit chirurgischer Präzision jedes noch so abseitige Geräusch produziert, und dem Publikum, das nach dem dritten Satz hofft, die Pause möge länger sein als das Stück.

Wer diese CD durchhört, darf sich offiziell „Erlebnis-Avantgardist“ nennen. Für das BR-Symphonieorchester ist es ohnehin ein Meisterstück: Diese Musiker können wirklich alles, von Mozart bis Maschinenlärm. Und Sir Simon Rattle beweist einmal mehr, dass er nicht nur Sinfonien dirigieren kann, sondern auch klingende Nervenproben.

Aber seien wir ehrlich: Für das breite Publikum ist das hier ungefähr so attraktiv wie eine Steuererklärung im Doppelband. Wer den „schönen Klang“ sucht, wird fliehen. Wer dagegen die Zumutung liebt, findet hier zwei radikale Klangwelten, die so anstrengend wie faszinierend sind.

Kurzum: eine CD für Mutige, Masochisten – oder Menschen, die ihre Nachbarn loswerden wollen.

Dirk Schauß, im Oktober 2025

 

Luciano Berio
Coro
Vito Žuraj
Automatones
Chor des Bayerischen Rundfunks
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle, musikalische Leitung
BR-Klassik, 900650

 

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