CD/LPs LEONARD BERNSTEIN „MAESTRO“ – Original Soundtrack des Netflix-Films; Deutsche Grammophon

„Diese unerschrockene Liebesgeschichte handelt von der lebenslangen komplexen Beziehung zwischen der Musiklegende Leonard Bernstein und Felicia Montealegre Cohn Bernstein.“ – so beschreibt Netflix im Teaser die ab 20.12. per Bezahlstreaming zugängliche Filmbiografie „Maestro“. Bradley Cooper führte Regie und schlüpfte auch in die Hauptrolle, wobei er mittels eines monatelangen Dirigiertrainings den typischen Bewegungen seines Idols so nahe wie nur möglich kommen wollte.
Immerhin hat der Bernstein im Film bis aufs Haar ähnliche Mime eine über sechs Minuten lange Sequenz aus Gustav Mahlers zweiter Symphonie, und zwar das Finale des fünften Satzes, darstellerisch auszudeuten. Zumindest pantomimisch, denn für die musikalische Leitung des Soundtracks zeichnet Yannick Nézet-Séguin mit dem London Symphony Orchestra&Chorus verantwortlich. Carey Mulligan verkörperte die Schauspielerin Felicia Montealegre Bernstein.
Da die Deutsche Grammophon den Soundtrack gesondert vom Film auf CD und Vinyl anbietet, habe ich, ohne den Film gesehen zu haben, versucht herauszufinden, was die Filmmusik ohne bewegte Bilder „kann“.
Zuerst ist es wichtig, festzuhalten, dass es sich um einen echten Soundtrack aus dem Film handelt. Das heißt, die Musik wird nicht in Form von eigenständigen Nummern abgelöst vom Filmgeschehen präsentiert, sondern überwiegend in einige in amerikanischem Englisch gesprochene Szenen/Dialoge eingepasst, in teils sehr kurzen Ausschnitten serviert.
Das Ganze beginnt mit einem Gähnen und einem Telefonat Bernsteins vom Bett aus, ein Trommelwirbel aus der Symphonischen Suite „On the Waterfront“ peppt die Szene dramatisch auf. Denn gleich werden wir erfahren, dass der 25-jährige Bernstein als Einspringer für Bruno Walter und als erstes Dirigat vor Publikum überhaupt ein Konzert in der Carnegie Hall leiten wird (14.11.1943). Das New York Philharmonic Orchestra erfährt vom Einspringen des Assistenten für den Chef ohne Probe. Unter anderem stand Schumanns „Manfred Ouvertüre“ auf dem Programm, die mit einer Pause beginnt und daher, was den Einsatz betrifft, durchaus heikel ist.
Zwischendurch immer wieder viel Text. Der Galopp „Fancy Free“ mit Victoria Ruggiero am Klavier leitet über zum Pas de deux aus „Loneley Town“, bevor die ersten Vocals mit Nick Blaemire, Mallory Portnoy und Kate Eastman (Carried away‘ aus „On the Town“) ziemlich vibratosatt auf das Kommende einstimmen. Ein erotisch hingehauchtes ‚You’ve got the look that leaves me weak‘ (Loesser& Hollaender) und drei Mikroexcerpts aus „Trouble in Tahiti“, „Candide“ (Paris Waltz) und „Facsimile“ (Molto Adagio) beschließen Seite A der ersten LP.
LP 1 Seite B: Geflüster vor „Lancy Free“ Enter Three Sailors (hier dirigiert Bernstein himself das New York Philharmonic), Var. 3 (Danzon) und ‚New York, New York‘ aus „On the Town“. Zwischen „Anniversaries for Orchestra“: X und Songfest: To what you said (Solo 3) ist ein ausführliches Interview mit Bernstein und Felicia aus dem Film eingeschoben.
Unnachahmlich südstaatenjazzig, wie das Louis Armstrong Quintett und das Lewisohn Stadium Symphony Orchestra Armstrongs „St. Louis Blues“ (Concerto grosso) intoniert, das unsanft übergeht zu Gustav Mahlers todtraurigem ‚Adagietto‘ aus dessen Fünfter Symphonie, wiederum vom echten Bernstein geleitet, der hier die Wiener Philharmoniker dirigiert.
Bradley Cooper als Bernstein probt den Chor ‚Make our Garden Grow‘ aus „Candide“ mit einem in den Sopranstimmen scheppernden Philadelphia Symphonic Choir. Der knackig von Nézét Séguin musizierte Prolog zur „West Side Story“ lässt die schreckliche Chornummer rasch wieder vergessen.
Die Hälfte der ca. 63 Minuten Gesamtspielzeit ist absolviert.
LP 2 Seite A: Summen, Feuerzeuggeklicker, Klavier. Der Hörspieltrack legt nahe, dass Bernstein gerade komponiert. Federleichte Soprane (Malaki Bayoh, Ann De Renais) ein Tenor (Philipp John Sheffield) und ein Bariton (Samuel Oladeinde) geben gemeinsam, diesmal mit dem brillanten London Symphony Chorus, die längste Kostprobe des Soundtracks: das XVII. Pax Communion aus Bernstein „Mass“ (‚Secret Songs‘).
Melodramatisch geht es mit Waltons „Facade“ Sir Beelzebub (Carey Mulligan, Zachary Booth, Rezitation) weiter, bevor Mahlers weltumarmendes Auferstehungs-Finale der Zweiten Symphony (in sehr breiten Tempi Nézét-Séguin, die Soli stimmschön von Rosa Feola – Sopran und Isabel Leonard – Alt – interpretiert; London Symphony Chorus ebenfalls top) wohl den musikalischen Höhepunkt des Albums ansteuert. Danach wieder Original-Bernstein mit dem Prolog zur Zweiten Symphony („The Age of Anxiety“), bevor die Soulsängerin Shirley Ellis mit dem witzigen „Clapping Song“ von Lincoln Chase (‚Clap Pat, Clap Slap‘) begeistert.
LP 2 Seite B: Klavier: melancholisches ‚Postlude‘ zu „A Quiet Place“. Bernstein alias Bradley Cooper probt Beethovens „Achte“ Symphonie in F-Dur. Nézét-Séguin dirigiert ein behäbiges „The Orchestra Now“. Es folgen die beiden längsten Excerpts mit Musik von Bernstein, und zwar ‚Psalm 23‘ aus den „Chichester Psalms“ sowie als einzigem wirklichen Reißer die Ouvertüre zur Operette „Candide“. Mit einem knappen Sopransolo ‚Din Torah‘ (Ann De Renais) aus der „Kaddish“ Symphony kommt der Soundtrack zu seinem Ende.
Ohne den Film zu kennen, erleben wir eine Aneinanderfolge von inkohärenten Sprach- samt (teils sehr reduzierten) Musikszenen, wovon letztere (ausgenommen die historischen Originaltapes) künstlerisch zwar achtbar sind, aber kaum Begeisterungsstürme auslösen. Es handelt sich grosso modo um ein Fanprodukt zum Film, den man kennen sollte, bevor man sich den Soundtrack erinnerungshalber zu Gemüte führt. Die CD/die LPs taugen jedenfalls nicht – ungeachtet der vielen lobenswerten Raritäten, die angespielt werden – um einen quer- oder überblickenden Eindruck zu Bernsteins Schaffen bzw. Wirken als Dirigent/Komponist zu bekommen.
Trailer zum Film: https://www.netflix.com/de/title/81171868
Start bei Netflix: Mittwoch, 20.12.
Dr. Ingobert Waltenberger

