Nikola Meeuwsen stürmt den Brüsseler Olymp

Man stelle sich vor: Ein achtjähriger Junge sitzt gebannt vor dem Bildschirm und verfolgt, wie in Brüssel die pianistische Weltelite um Ruhm und Ehre kämpft. Jahre später sitzt derselbe junge Mann mit beeindruckender Spannweite selbst am Flügel im Studio 4 des Flagey-Gebäudes – und lässt die Konkurrenz hinter sich.
Nikola Meeuwsen hat den Königin-Elisabeth-Wettbewerb 2025 gewonnen. Das Label Fuga Libera hat nicht lange gezögert und veröffentlicht nun die Aufnahmen dieses Triumphs. Wer eine sterile Wettbewerbsdokumentation mit metronomischer Präzision, aber wenig Seele erwartet, wird angenehm überrascht. Meeuwsen spielt nicht bloß gegen eine Jury – er spielt für den Moment, in dem die Zeit zwischen Taste und Hammer stillzustehen scheint.
Sein Programm wirkt wie eine kluge musikalische Erzählung darüber, was auf dem Klavier heute noch möglich ist, wenn man die ausgetretenen Pfade reiner Virtuosität verlässt.
Den Auftakt bilden Felix Mendelssohns Variations sérieuses op. 54. Meeuwsen nähert sich dem Werk mit einer Ernsthaftigkeit, die dem Titel alle Ehre macht. Das Thema steht klar und fest im Raum, die Variationen entfalten sich ganz logisch, ohne dabei die innere Wärme zu verlieren. Besonders berührend gelingt der Übergang zur Coda: Wenn die linke Hand das Tremolo auf der Dominante anstimmt und das Thema in einer Mischung aus Adel und Leidenschaft zurückkehrt, entsteht jene Gänsehaut, von der der Pianist selbst spricht. Meeuwsen balanciert die Register mit traumwandlerischer Sicherheit und widersteht jeder Versuchung, Mendelssohn ins Biedermeierliche oder ins falsche Pathos zu drängen. Es ist ein Spiel von klarer Linie und feinster Nuance.
Der Sprung zu Franz Liszts Après une lecture du Dante markiert einen radikalen Kontrast. Wo Mendelssohn noch die Form wahrt, bricht bei Liszt die Hölle los. Meeuwsen entfesselt eine orchestrale Wucht, die den Flügel an seine Grenzen führt – doch nie auf Kosten der Transparenz. Die chromatischen Abstürze lassen die Verzweiflung der Verdammten spürbar werden, die lyrischen Episoden strahlen echte Hoffnung aus. Es ist eine Interpretation von großer geistiger Weite, die zeigt, dass dieser junge Musiker keine Angst vor dem Abgrund hat.
Dass Meeuwsen auch der Moderne mit echter Überzeugung begegnet, beweisen die beiden Etüden von Ana Sokolović. In Magla lässt er die Triller mit nervöser, atemraubender Energie schwirren – ein flirrendes Spiel mit Licht und Schatten. In Igra hingegen blitzt der Schalk hervor: Die dissonanten Sprünge werden mit Kraft und augenzwinkerndem Humor vorgetragen. Hier wird zeitgenössische Musik nicht zum notwendigen Übel, sondern zu lebendigen Charakterstücken.
Den krönenden Abschluss bildet Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 in Es-Dur KV 271, das sogenannte „Jeunehomme“-Konzert. Begleitet vom Orchestre Royal de Chambre de Wallonie unter Vahan Mardirossian zeigt Meeuwsen eine ganz andere Seite seiner Kunst: kess, frisch und von ansteckender Spielfreude. Solist und Orchester musizieren auf Augenhöhe, im besten kammermusikalischen Geist. Das Andantino besticht durch klaren Puls und eine Kantabilität, die direkt ins Herz trifft, ohne ins Kitschige abzugleiten.
Besonders charmant ist die Anekdote zum Finale: Im rasenden Rondo versank Meeuwsen derart in der Musik, dass er eine Phrase eine Oktave zu hoch ansetzte – weil er den Blick von der Tastatur gelöst hatte. Wer die Aufnahme hört, wird diesen Moment kaum als Fehler wahrnehmen, sondern als Ausdruck vollkommener Hingabe. Genau diese Freiheit macht Meeuwsen so sympathisch: Er ist kein Technokrat der Tasten, sondern ein echter Geschichtenerzähler.
Die Aufnahme aus dem Studio 4 im Flagey fängt diese Atmosphäre hervorragend ein. Der Klang ist präsent und natürlich, und er lässt dem Nuancenreichtum von Meeuwsens Pedalspiel – geschult bei Lehrern wie Enrico Pace und Frank Braley – genügend Raum. Man hört hier nicht nur einen Wettbewerbssieger, sondern einen Künstler, der bereits eine eigene, unverwechselbare Stimme gefunden hat: Klarheit ohne Sterilität, Fantasie stets im Dienst der Komposition.
Nikola Meeuwsen hat mit diesem Album eine starke Marke gesetzt, die weit über den Brüsseler Erfolg hinausstrahlt. Es bleibt zu hoffen, dass er sich diese Unbekümmertheit und musikalische Neugier bewahrt – auch wenn der Terminkalender nun deutlich voller werden dürfte. Ein Pianist, der Mozart vor lauter Seligkeit eine Oktave zu hoch spielt, ist genau das, was die Klassikwelt braucht.
Dirk Schauß, im April 2026
Live at the Queen Elizabeth Competition
Nikola Meeuwsen, Klavier
Fuga Libera, FUG869

