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CD LISE DAVIDSEN „LIVE AT THE MET“ – Konzert vom 14. September 2023; DECCA

22.03.2026 | cd

CD LISE DAVIDSEN „LIVE AT THE MET“ – Konzert vom 14. September 2023; DECCA

Eine imposante Erscheinung, eine gloriose Riesenstimme mit einem Programm von Oper über Operette und Musical bis zu Liedern von R. Strauss, Schubert, Grieg und Sibelius

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Wagners Isolde hat die 39-jährige norwegische Heroine im März 2026 an der New Yorker Metropolitan Opera eindrücklich gestaltet. Ein individuell timbrierter robuster, dramatischer Sopran ohne Ausdauerprobleme. Das New York Magazine ließ den Reporter von „some of the best moments of Opera ‚I‘ve ever heard“ schwärmen, die New York Times von „an astonishing performance, the event of the season.“

Die Brünnhilden werden nach und nach folgen. So hat die Met einen neuen Ring-Zyklus in der Regie von Yuval Sharon mit Lise Davidsen als Brünnhilde und Yannick Nézét-Séguin als Dirigenten angekündigt. “Die Walküre“ ist für die zweite Hälfte der Saison 2027/28 vorgesehen, “Siegfried” soll 2028/29 und “Gotterdämmerung” 2029/30, folgen. Den gesamten Zyklen soll es – so nichts dazwischen kommt – ab 2030 geben. Zuvor wird Frau Davidsen aber noch die Met Saison 2026/27 am 22. September 2026 mit Lady Macbeth in Verdis “Macbeth“ eröffnen. Soweit Aktuelles und die spektakulären Zukunftspläne der Lise Davidsen.

Die aktuelle Veröffentlichung der Decca gilt einem LiveKonzert an der MET aus dem Jahr 2023 mit James Baillieu am Flügel. Schien Lise Davidsen in Puccinis ‚Vissi d’arte‘ aus „Tosca“ und der Arie ‚Morrò, ma prima in grazia‘ aus Verdis „Un ballo in maschera“ noch auf der Suche nach dem richtigen Stimmsitz (da rutschte ihr voluminöser Sopran schon mal ein wenig nach hinten), bot der Rest des mit 53 Minuten Spielzeit nicht sonderlich langen Konzerts vokal Polystilistisches in erfreulich gestalterisch facettenreicher Manier und imponierender stimmlicher Prachtentfaltung.

„Zueignung“, „Allerseelen“, „Befreit“ und „Morgen“ von Richard Strauss interpretierte Davidsen nicht zartpinselnd impressionistisch, primär lautmalend mit sorgsam gewählten dramatischen Akzenten wie einst Elisabeth Schwarzkopf, sondern als theatralische Miniaturen in arios erzählerischer Dichte. Dagegen überraschte Davidsen bei Franz Schuberts „An die Musik“ (D. 547), „Gretchen am Spinnrad“ (D. 118) und „Litaney auf das Fest“ (D. 343) mit differenzierteren Klangvisionen. An Wortdeutlichkeit und subtilerer Textdeutung könnte Davidsen allerdings durchaus noch einen Zahn zulegen. Wie nicht anders zu erwarten, bildeten die drei Kostproben aus den Fünf Liedern, op. 37 sowie das Lied Nr. 1 aus den Sechs Liedern, op. 36 von Jean Sibelius in Davidsen eine von den üppig aufgetragenen Stimmfarben her schillernde wie idiomatisch eindringliche Gestalterin.

Mein persönlicher Favorit der Aufnahme ist ‚Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland‘ aus dem ersten Akt von Emmerich Kalmans „Die Csárdásfürstin“. Da zeigt die sonst auf der Bühne darstellerisch eher zurückhaltende Sängerin (zumindest in ihrer Berliner Tosca war das der Fall) plötzlich unbändiges Temperament. Wer hätte gedacht, dass Davidsen als Sylvia Varescu „Bist du mein – musst mein du bleiben, musst mir deine Seel‘ verschreiben, muss ich Himmel dir und Hölle sein! Olala! So bin ich gebaut! Olala! Auf zum Tanz! Küss mich, ach, küss mich, denn wer am besten küssen kann – nur der wird mein Mann!“ so viel mitreißende Impulsivität aufbringt. Erstaunlich auch, dass in dem verträumten ‚I could have danced all night‘ der Eliza Doolittle aus Frederick Loewes „My Fair Lady“ Davidsen im Gegensatz zu Birgit Nilsson, die mit ihrer ganzen Brünnhildenwucht diese freudig erregte Jungmädchenfantasie erdrückte, hier passend zarte Töne anschlägt.

Als ‚Heimspiel‘ jubelte Davidsen ‚Dich teure Halle‘ der Elisabeth aus Richard Wagners „Tannhäuser“ in den dankbar die Grüße mit Ovationen quittierenden Saal der Met. Mit Edvard Griegs „Vären“ (aus den 12 Liedern, op.33) schloss ein Programm, das zwar stilistisches Allerlei bot, aber der Sängerin hinreichend Raum gab, sich ihrem Stammpublikum fachübergreifend zu präsentieren.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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