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CD „LINES OF LIFE““ – BENJAMIN APPL singt Lieder von György Kurtág, Franz Schubert und Johannes Brahms; Alpha

16.02.2025 | cd

CD „LINES OF LIFE““ – BENJAMIN APPL singt Lieder von György Kurtág, Franz Schubert und Johannes Brahms; Alpha

apl

Sinnerfüllend und rekordverdächtig

„Kurtag eröffnete mir neue Welten, er lehrte mich, mich als Musiker und Interpret neu zu definieren, festgefahrene Ansichten über Gott, die Musik und die Welt zu hinterfragen, zu suchen und auf vorschnelle Erkenntnisse zu verzichten.“ Benjamin Appl

Den ungarischen Komponisten György Kurtág im Detail vorzustellen, erübrig sich.  Opernfreunde in Wien und Berlin hatten erst jüngst die Gelegenheit, Kurtágs 2018 am Teatro alla Scala  uraufgeführte Oper in einem Akt „Fin de Partie“ nach einem Text von Samuel Beckett, Scènes et monologues, in aktuellen Inszenierungen kennenzulernen. Diejenige in Wien feierte am 16. Oktober 2024 in der Regie von Herbert Fritsch Premiere, in Berlin zog man an der Staatsoper Unter den Linden am 12. Januar 2025 nach (Regie Johannes Erath).

Vielleicht nur so viel zur Vita: Entscheidende musikalische und literarische Impulse erhielt Kurtág an der Franz-Liszt-Musikakademie. Ab 1957 absolvierte er Studien bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen in Paris, wo er auch via Pierre Boulez die Zweite Wiener Schule (Arnold Schoenberg, Alban Berg, Anton Webern) kennen und schätzen lernte. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts war Kurtág Composer in residence bei den Berliner Philharmonikern, sodann am Wiener Konzerthaus und lebte für einige Jahre in den Niederlanden.1999 siedelte er nach Paris, von 2001 bis 2015 schlug er in Saint-André-de-Cubzac bei Bordeaux seine Zelte auf. Ab 2015 finden wir ihn wieder in Budapest zu Hause, wo er ein kleines Appartement im Budapest Music Center bewohnt.

Die erste Begegnung zwischen dem deutschen lyrischen Bariton Benjamin Appl und Kurtág kam infolge einer „Interessentensuche“ für ein Festival im Februar 2020 in Dortmund zustande. Und zwar war man auf der Suche nach einem geeigneten Liedinterpreten für Kurtágs „Hölderlin-Gesänge“. Man traf sich erstmals am 7. Mai 2019 im Budapest Music Center. Ein Treffen mit Folgen, könnte man sagen. Denn nicht nur, dass das Ehepaar Márta und György Kurtág gemeinsam sofort Appl als den richtigen „Menschen“ für die komplexen, nur von einer Solostimme ohne jegliche Begleitung vorzutragenden Hölderlin Vertonungen erkannten, sondern es entstand nach dem Tod von Kurtágs Frau Márta die Idee, die Hölderlin-Gesänge mit Kunstliedern der deutschen Romantik zu kombinieren und als Programm für Aufnahmen zu projektieren.

So kam es zum gegenständlichen Album mit dem Titel „Lebenslinien“, das im Februar, März und Mai 2024 im Budapest Music Center im steten Beisein des Komponisten aufgenommen wurde. Auf dem Programm stehen in einander durchdringender Verflechtung Kurtags „Circumdederunt“, Schuberts „Ganymed“, D. 544, Kurtags insgesamt sieben Lieder nach Texten von Friedrich Hölderlin (das letzte Lied der sechs Hölderlin Gesänge, Op. 35A, ist auf einen Text von Paul Celan verfasst) und die Vier Lieder nach Gedichten von Ulrike Schuster mit Schuberts „Totengräbers Heimweh“, D. 842, „Im Frühling“, D. 882, „Dass sie hier gewesen“, D. 775, „Der Wanderer an den Mond“, D. 870, „Litanei auf das Fest Allerseelen, D. 343“ und der „Jüngling an der Quelle“, D. 300. Beim letztgenannten Lied und „Sonntag“, Op. 47/3 von Johannes Brahms wurde Benjamin Appl vom damals 98-jährigen György Kurtág selbst am Flügel begleitet.

Zum technisch-musikalischen wie von der Anstrengung nach künstlerischer Optimierung her Rekordverdächtigem dieses Albums ist zu sagen: Die Hölderlin-Gesänge hat Benjamin Appl mit dem als höchst anspruchsvoll, kritisch, detailversessen, nicht immer duldsamen wie probenausdauernd beleumundeten Komponisten erarbeitet. (Zitat, um eine kleine Vorstellung zu gewinnen: „Oft arbeiteten wir stundenlang an einem Takt, bereits beim Einatmen vor dem Singen der ersten Note unterbricht er häufig. Höchste Anforderungen an das eigene Selbstverständnis werden gestellt, teilweise bis zu meiner völligen körperlichen Erschöpfung.“)

Für die Aufnahmen der knapp 50 Minuten Musik (das Interview des Komponisten mit dem Sänger Appl dauert ca. 18 Minuten) wurden insgesamt acht Tage benötigt und unglaubliche 1.200 Takes aufgenommen. Die Auswahl der besten fanden Eingang in das nun in stupender gestalterischer Tiefe wie abgründiger Stimmschönheit sich zeigende Album. Diese Entschleunigung bei gleichzeitiger Intensität der Proben, diese totale Immersion in die innersten Geheimnisse der Musik von Kurtág und von Schubert haben sich ausgezahlt.

Das künstlerische Ergebnis ist nicht anders als ein Mount Everest an Präzision in der musikalischen Umsetzung und Wahrhaftigkeit im Ausdruck, geadelt mit der unverwechselbaren Marke der Liedkunst des Benjamin Appl. Selbst die überstrenge Elisabeth Schwarzkopf hätte gejubelt, davon bin ich überzeugt.  

Appl vermag dem Hörer sowohl mit dem der napolitanisierten Gregorianik verpflichteten „Circumdederunt“ als auch den Liedern, die die postmodern spätromantisch verankerten Klangwelten eines Bartók oder A. Berg expressiv weiterdenken und immer wieder von ritualisierend-beschwörungsformelgleichen Vokalisen durchbrochen werden wie gotische Kirchenfenster, ohne instrumentale Unterstützung eindringlich zu vermitteln.

Hölderlins späte Gedichte aus dem sog. „Hölderlinturm“, Produkte einer hohepriesterlichen und philosophischen Mission von Dichtkunst als Mittler zwischen Göttlichem und Menschlichem unter formal-symbolistischer Nutzung des Vokabulars der Trias griechische Mythologie-geschichtliche Erinnerung-Christentum ist heute kaum noch begreifbar und noch weniger mit den Mitteln rationaler Sprachexegese zu ergründen. Auf die Frage Appls im Interview, dass das Gedicht „Im Walde“ unmöglich zu verstehen sein, sagt Kurtág, dass das der Grund gewesen sei, es in Musik zu setzen.

Und wirklich gewinnt die bisweilen seltsam asketisch verknappte wie dann wieder sprachbildreich wuchernde Lyrik des psychisch so angeschlagenen Poeten durch die Vertonung Kurtágs und der Interpretation von Benjamin Appl so etwas wie eine menschliche Erdung, eine Verwurzelung im Hier und Heute. Appl singt all diese Kurtág-Lieder mit höllisch schwierigen Intervallen und einem extrem strapazenreichen Tonumfang mit einer aus Respekt und den Mühen an Vertiefung erwachsenen Natürlichkeit. Der Klang des hellen Baritons und die strikte Wort-Tondurchdringung vermögen es dem Publikum, aus den Worten in ihrer doppelten Klanglichkeit fassbare Emotionen zu schöpfen. Und damit schließt sich der Kreis zu den frühromantischen, teils nichts weniger düsteren Liedern von Franz Schubert. Auch wenn Kurtág zu Protokoll gibt, dass er keine offenkundigen musikalischen Querverbindungen zu Schubert sehe (außer vielleicht in „An Zimmer“, das er für sein Bestes hält), so führt die geschickte Auswahl in ihrer Kontrastierung dazu, dass sehr wohl die künstlerische Überhöhung der extrem schwierigen Lebenswelten der beiden Künstler so etwas wie einen gemeinschaftlichen Blick in den Abgrund, und das nicht ohne eine sehnsuchtsvolle Lebensbejahung, erlaubt. Das Gefühl kennen wird doch, oder?

Benjamin Appl ist diesem Anspruch ein idealer Anwalt. Unter den weiteren Ausführenden sind ausdrücklich Pierre-Laurent Aimard (Klavier, György Kurtágs Ulrike Schuster-Vertonungen), James Baillieu (Schubert Lieder), wie schon erwähnt György Kurtág als Pianist, der Posaunist Csaba Bencze und der Tubaspieler Gergely Lukácz (Kurtág „Gestalt und Geist“) lobend zu erwähnen.

Am Schluss möchte ich noch einmal Benjamin Appl zu diesem Album mit fünf Weltersteinspielungen zu Wort komme lassen: „Dieses Tondokument einschließlich des deutschen Interviews mit György Kurtág soll einen Einblick in den unendlichen Kosmos des schüchternen Zauderers, strengen Selbstkritikers, tastenden Suchenden, introvertierten Hinterfragenden, uneitlen Intellektuellen, genialen Tondichter und außergewöhnlichen Menschen György Kurtág geben. Es reflektiert seine Sichtweise auf Werke des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Es ist, wie wenn man als Interpret durch die Lupe des großen zeitgenössischen Komponisten auf unsere Gegenwart blickt.“

Fazit: Ein großartiges, musikalisch kostbares, im Verständnis intimes Album, das Maßstäbe an vollendeter künstlerischer Vision im Liedgesang setzt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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