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CD „LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN“ – ILKER ARCAYÜREK, FIONA POLLAK; CAvi music, SWR 2

Lieder von Komponisten aus der K&K Zeit - Österreich, Ungarn, der Vojvodina und Tschechien

01.05.2020 | cd

CD „LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN“ – ILKER ARCAYÜREK, FIONA POLLAK; CAvi music, SWR 2

 

Lieder von Komponisten aus der K&K Zeit – Österreich, Ungarn, der Vojvodina und Tschechien

 Der Tenor Ilker Arcayürek, in Istanbul geboren und in Wien aufgewachsen, begibt sich mit dieser Programm-CD gemeinsam mit der Wiener Pianistin Fiona Pollak auf eine ganz persönliche musikalische Wanderschaft. Wanderschaft – also die entschleunigte Erkundung der Welt auf den eigenen Beinen – bedeutet immer die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, aber auch mit der in den Seelenkern dringenden Außenwelt. In der intensivsten Form begegnet dem für Emotionen offenen Reisenden die Liebe in all ihren Facetten als Sinnbild von erfüllendem und erfülltem Leben. Nicht selten beschreitet der Reisende einen Kreis, am Ende kommt er erschöpft „der Welt abhanden gekommen“ am Ausgangspunkt an.  

 

Schon mit seinem gelungenen Schubert-Liederalbum „Der Einsame“ hat Ilker Arcayürek gezeigt, wie sensibel und schonungslos ehrlich er mit Poesie, mit vertonter Lyrik umzugehen vermag. Da stürzt sich ein neugieriger und mutiger Künstler mit ausgebreiteten Armen im freien Fall in die Tiefe des Lebens und ihrer nur gleichnishaft ergründbaren Geheimnisse. Sein bronzen baritonal gefärbter Tenor ist von großer Wandlungsfähigkeit und Ausdruckskraft, was alle am Wegesrand aufgelesenen klingenden Ministuren in einem besonderen Licht blühen lässt.  

 

Ausgehend von Wien will Arcayürek mit Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ in einer höllisch hoch gelegenen Tenorfassung einen programmatischen Teaser setzen, „Prolog und vorausahnende Zusammenfassung des Kommenden“ zugleich. Mit „Frühlingsmorgen“ lässt er die fiktive  Geschichte des Gesellen anheben. Treiben unseren Sänger die dramatischen Spitzen Mahlers an die Grenze, zeigt er sich in Franz Léhars Liedern „Erste Liebe“ und dem Richard Tauber-Song „Wenn eine schöne Frau befiehlt“ von einer zauberhaften Leichtigkeit und geschmeidigen Eleganz dessen, der seine erste Liebe erlebt. Ganz nebstbei bieten die subtilen Interpretationen eine würdige Hommage an den Jubilar und Melodiencharmeur Léhar, dessen Geburtstag sich am 30.4.2020 zum 150. Mal jährte.

 

Besonders gut gefallen die Hugo Wolf Vertonungen „An die Geliebte“ (E. Mörike) und „Der Mond hat eine schwere Klag‘ erhoben“ aus dem Italienischen Liederbuch. ,Der Mond hat eine schwere Klag‘ erhoben, Und vor dem Herrn die Sache kund gemacht, Er wolle nicht mehr stehn am Himmel droben. Du habest ihn um seinen Glanz gebracht. Als er zuletzt das Sternenheer gezählt. Da hab es an der vollen Zahl gefehlt; Zwei von den schönsten habest du entwendet: Die beiden Augen dort, die mich verblendet.‘ Hier verbindet Arcayürek Wolfs tränenselige Betrachtung mit einem düsteren Vorwissen, dass Liebe nicht nur himmelhohes Jauchzen, sondern auch tiefen Schmerz bedeutet.  

 

Bei den in serbischer Sprache gesungenen Liedern „Elegie“ von Stevan Hristic und „Elégie d‘Automne“ von Miloje Milojevic spiegeln melancholische Introspektion und der große Opernton zugleich die Aufregung und das Auflehnen des Gesellen wieder. Was für Entdeckungen! Franz Liszt‘s „Im Rhein im schönen Strome“ nach einem berühmten Gedicht von Heinrich Heine (das in Robert Schumanns „Dichterliebe“ die wohl bekannteste Vertonung erfuhr) sublimiert die trüben Erfahrungen des Künstlers und wandelt sie als Überlebenselixir in abstrakte Schönheit. 

 

In Ilse Webers Schlaflied „Wiegala“ unterstreicht der Tenor sein Können mit stetig fließendem Legato und schwebenden Piani. Das Lied geht besonders unter die Haut. Ilse Weber, 1903 im tschechischen Witkowitz geboren, starb im Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau. Zuvor war die jüdische, der deutschen Sprachengruppe angehörige Tschechin, die sich für Kindermärchen und Kindertheater interessierte,  im Lager Theresienstadt interniert, wo sie als Krankenschwester der Kinderkrankenstube zugeteilt war. Man stelle sich vor, wie sie dieses Wiegenlied den armen, von den Eltern getrennten leidgeschundenen Kleinen vorsang. Die Gedanken daran sind nicht auszuhalten. Wer im Internet das sanfte schöne Gesicht der jungen Frau Weber betrachtet, den befällt ob ihres von den Nazis zu verantwortenden Schicksals ein namenloser Schmerz. 

 

Drei Lieder von Johannes Brahms („Heimweh III“, „Heimweh II“, „Auf dem Kirchhofe“) markieren die Rückkehr in die Heimat, von Gedanken an den Tod getragen. Mit dem Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Gustav Mahler endet der Kreis in Weltabgewandtheit. Wie wäre es bei dem zurückgelegten Weg auch anders möglich.

 

Ein bewegendes, ein wichtiges, ein anspruchsvolles, ein wundersam musiziertes Album! 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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