Licht am Ende des Barocktunnels: Sonia Wieder-Athertons „OR“

Wenn eine Cellistin wie Sonia Wieder-Atherton ein Album „OR“ (Licht) nennt, ist kein gemütliches Kerzenschein-Ambiente zu erwarten. Hier geht es nicht um Deko-Beleuchtung, sondern um das physikalische und spirituelle Phänomen des Lichts – und um die Schatten, die es wirft. In einer radikalen, kühnen Neudeutung von Couperin und Vivaldi führt sie durch ein musikalisches Diptychon, das die Grenzen der Zeit einfach auflöst.
Das Vorher: Die Stille der Prophezeiung
Der erste Teil des Albums widmet sich François Couperins Leçons de ténèbres. Ursprünglich für Stimmen geschrieben, lässt Wieder-Atherton hier ihr Cello „singen“. Aber es ist kein einsamer Gesang. Begleitet von den nebligen, geisterhaften Klängen eines MS20-Synthesizers (Marius Atherton), entsteht eine Atmosphäre des Schwebens.
Es ist die Musik der „Prophezeiung“ – jener Moment, in dem die Katastrophe zwar schon am Horizont lehnt, aber die Tränen noch nicht vergossen sind. Besonders faszinierend: In der dritten Lektion spielt sie beide Cello-Stimmen selbst ein, die sich wie zwiespältige Zwillinge umgarnen. Das ist kein alter Barock, das ist Klangkunst, die den Atem anhält.
Das Jetzt: Vivaldi im Lärm der Welt
Nach der kontemplativen Stille Couperins folgt der Aufprall in der Gegenwart. Für den zweiten Teil, „Notre Temps“, greift sie sich Antonio Vivaldi. Doch wer hier die übliche „Vier Jahreszeiten“-Heiterkeit sucht, wird (glücklicherweise) enttäuscht. Wieder-Atherton transkribiert Arien und Konzerte für Cello-Ensembles, die sie teils im Overdub-Verfahren selbst schichtet.
Hier wird Vivaldi zur dramatischen Wucht. Unterstützt durch E-Gitarre und die Perkussion von Mahut, bricht das „Heute“ in die barocke Struktur ein. Es knistert, es reibt sich, es kracht. Wenn im abschließenden Le jugement der „Lärm der Welt“ hörbar wird, versteht man, was die Künstlerin meint: Vivaldi ist kein Museumsstück, er ist der Puls unseres jetzigen Chaos.
Der Sound: Ein Universum mit Weite
Aufgenommen in der Abbaye de Noirlac, profitiert das Album von einer außergewöhnlichen Akustik. Der Hall ist nicht einfach nur „da“, er ist ein eigenes Instrument. Er gibt dem Cello eine fast schon unheimliche Weite und lässt die elektronischen Einsprengsel wie ferne Sterne in einem dunklen Universum leuchten.
OR ist kein Album für zwischendurch. Es ist eine Einladung, sich für 78 Minuten aus der linearen Zeit auszuklinken. Sonia Wieder-Atherton beweist, dass man alte Meister nicht ehrt, indem man sie verstauben lässt, sondern indem man sie mit Synthesizern und Mut direkt ins 21. Jahrhundert zerrt. Ein meditatives, manchmal irritierendes, aber immer hell leuchtendes Erlebnis.
Dirk Schauß, im März 2026
OR
Couperin und Vivaldi
Sonia Wieder-Atherton
Alpha Classics, Alpha1203

