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CD LES NUITS DE PARIS – Tanzmusik von den Folies Bergère bis zur Oper – François-Xavier Roth dirigiert Les Siècles; Bru Zane

27.01.2023 | cd

CD LES NUITS DE PARIS – Tanzmusik von den Folies Bergère bis zur Oper – François-Xavier Roth dirigiert Les Siècles; Bru Zane

Ball-Dansomanie und Pariser Tschingderassabum – So könnte ein Wien abgekupfertes, rein französisches Neujahrskonzert mit vielen bislang unveröffentlichten Stücken klingen

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Das Tanzbein schwingen, das können die Wiener und die Pariser gleichermaßen gut. Nur dass die Märsche, Walzer, Polkas, Polonaisen etc. aus der Strauss-Dynastie, von Lanner & Co nicht zuletzt wegen der Popularität der Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker wesentlich bekannter sind als die hier auf dem Album großteils erstmals eingespielten Walzer, Seguidillas, Polkas, Galopps und Quadrillen.

Nichts weniger als ein großes Panorama durch all die spektakulären französischen Schöpfungen der Tanzmoden des 19. Jahrhunderts stand den Initiatoren des Albums, nämlich Dirigent François-Xavier Roth gemeinsam mit dem um Wiederentdeckungen so verdienten „Palazetto Bru Zane“ im Sinn.

Da repräsentieren die ‚Valse lente‘ aus Léo Delibes „Coppélia“, die ‚Valse au cabaret‘ aus Jules Massenets „Le Carillon“, das Ballett ‚Les Troyennes‘ aus Charles Gounods „Faust“, die ‚Valse‘ aus „Le timbre d’argent“ von Camille Saint-Säens oder die Ouverture zu Ambroise Thomas‘ „Raymond“ Musiken aus Balletten oder Tanzeinlagen für große Opern. Aber auch im Schatten dieser Giganten tummelten sich allerlei Begabungen, die damals populäre Ballette schrieben. Hier ist etwa die erotisch flirrende ‚Valse des âmes infidèles‘ (Walzer der untreuen Seelen) aus Théodores Dubois‘ Ballett „La Farandole“ zu nennen. Ernest Guiraud, der mit der ‚Valse de Colin-Maillard‘ aus dem Ballett „Gretna Green“ vertreten ist, ist in die Musikgeschichte als einer derjenigen unbedankten doch sehr talentierten Musiker eingegangen, die zuvörderst Werke anderer Komponistenstars ergänzt haben. In diesem Fall waren es George Bizets „Carmen“ und Jacques Offenbach „Les Contes d’Hoffmann“.

Abseits der berühmten Bühnen waren es Volkstheater; Café-concerts, Variétés, Revuen, unter ihnen „Les Folies-Bergère“, das „Alhambra“, das „Casino de Paris“ und das „Olympia“, die dankbare Abnehmer bunt kolorierter, bisweilen exotisch orchestrierter Tanzmusik waren. Als beschwingt Beispiele mögen aus Hervés Londoner Zeit ‚Espagnoles et Séguidille‘ aus „Paris Exhibition“ und die originelle ‚Valse du mal de mer‘ (Walzer der Seekrankheit) aus „Sports in England“ dienen. Im ersten Stück wird eine Melange internationaler Besucher bei der Weltausstellung in Paris präsentiert, bei „Sports in England“ werden dem selbsterklärenden Titel gemäß nicht alltägliche Sportarten vorgestellt. Amüsant!

Am Hof des Kaisers Napoleon III. wirkte Émile Waldteufel seit seiner Ernennung 1865 durch Kaiserin Eugénie als Direktor der Tanzmusik. Er war zuerst für musikalische Kurzweil in Biarritz und Compiègne zuständig und betreute später die großen Bälle in den Tuilerien. Auch der spätere Edward VII. nahm ihn für die Untermalung der Bälle von Königin Victoria im Buckingham Palace unter Vertrag. Waldteufel kommt mit drei prächtigen Stücken auf der CD zu Ton: dem Galopp „Grande Vitesse“, der „Valse de patineurs“ und der Polka „Bella Bocca“. Aus der Sicht von Alexandre Dratwicki & Étienne Jardin machen die „Mischung aus der französischen Vorliebe für das melodische Element, Erbe von Gounod und Bizet, dem bayerischen Tonfall und dem Geist der Bohémiens den Charme seiner Kompositionen aus.“

Freilich ging es andernorts bei den vielen Tanzveranstaltungen des einfachen Bürgertums volksnäher und deftiger zu. Da gab es Philippe Musard sowie Isaac Strauss, an die mit der „Ouistiti Polka“ (ouistiti ist eines meiner Lieblingsworte der französischen Sprache, wörtlich ist damit ein Pinseläffchen gemeint, als ‚ouistiti‘ wird aber vor allem ein kauziger Typ bezeichnet) der „Hébé Polka“,“ und der hin- und mitreißenden Quadrille über Themen von „Orphée aux Enfers“ von Offenbach erinnert wird.

Der einige Walzer des Albums, der von einer Frau komponiert wurde, ist „L’Amour s’eveille“ von Jeanne Danglas, ein spätromantisches Gustostück voller Charme und „köstlichen Harmonien“.

Die Nummern, die zwischen anspruchsvoller Konzertliteratur und populären Brettlflitzern changieren, werden auf der CD voller Anmut, schwindelerregender Walzerseligkeit, lebendig und ausdrucksvoll, wo es passt auch knallig rasant, gespielt. François-Xavier Roth und sein Originalklangorchester „Les Siècles“ sind wahre Stimmungskanonen, die ihr Publikum zu begeistern vermögen. Eine würdige und frechere Alternative zu den Wiener ‚Sträussen‘.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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