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CD „LES NOCES ROYALES DE LOUIS XIV.“ – VINCENT DUMESTRE dirigiert LE POÈME HARMONIQUE und den Choeur de la Compagnie La Tempête; Château de Versailles Spectacles

21.07.2022 | cd

CD „LES NOCES ROYALES DE LOUIS XIV.“ – VINCENT DUMESTRE dirigiert LE POÈME HARMONIQUE und den Choeur de la Compagnie La Tempête; Château de Versailles Spectacles

Musik zur Hochzeit Ludwigs XIV. mit Maria Theresa von Spanien aus dem Hause Österreich – so könnte es gewesen sein

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Schauplatz und Datum der königlichen Hochzeit: Kirche Saint Jean-Baptiste in Saint-Jean-de-Luz nahe der spanischen Grenze, 9.6.1660: Der 22-jährige König war einen Tag zuvor zum Lärm von Kanonen, Trommeln, Signalhörnern und Trompeten, Flageoletts und Musettes, Psalteren und Lauten genau an dem Ort angekommen, wo Kardinal Mazarin am 7.11.1659 den Pyrenäenfrieden mit Spanien nach Monaten an intensiven Gesprächen mit Don Lius de Haro schloss. Von 1635 an standen die beiden Länder ständig miteinander im Krieg. Daran änderte auch der Westfälische Friede von 1648 nichts, der dem Dreißigjährigen Krieg ein Ende setzte.

„Die von Mazarin inszenierte und in einer geheimen Klausel dieses Vertrags festgelegte Verbindung zwischen Ludwig XIV. und der spanischen Infantin hatte eine entscheidende Rolle bei den Friedensverhandlungen gespielt.“ (Matthieu Franchin). Mazarin musste sich etliche Listen und Ränke ausdenken, um an sein Ziel zu gelangen. Zuerst einmal brachte Mazarin Bewegung in die vom spanischen König Philipp IV. zögerlich angegangene Sache, indem er behauptete, Ludwig werde Margarete von Savoyen heiraten. „Esto n puede se, y no sera“ soll Philipp empört ausgerufen haben und seine Tochter stante pede Ludwig XIV. zur Hochzeit angeboten haben. Der wiederum war in Mazarins Nichte Marie Mancini verliebt, also musste die Begehrte vom Hofe fortgebracht werden.

Schon am 3 Juni wurde die erste Hochzeit zwischen Maria Theresa und dem Vertreter Ludwigs XIV., de Haro, in Hondarribia in Spanien geschlossen. Eine Infantin durfte nämlich nach altem Brauch nur verheiratet ihr Land verlassen. Nach Überreichung standesgemäßer Geschenke wurde am 9. Juni prunkvoll Hochzeit gefeiert, am nächsten Tag brach der Hof nach Paris auf.

Soweit die juristische Chronik: Friede und Hochzeit wollen aber auch gebührend gefeiert werden. Dazu gehört Musik. Von der Hochzeit selbst ist nur überliefert, dass die Messe von italienischen Musikern gesungen wurde und dass sich die königliche Truppe zu Fanfaren und Trompeten in die Kirche begab.

Keine Rekonstruktion: An diese Fanfaren soll das erste Musikstück des Albums, die „Sonneries pour les trompettes du Roi“ von Jean-Baptiste Lully erinnern. An dieses festliche Trompetenschmettern, an dem noch Oboen und Fagotte, Orgel und Trommeln beteiligt waren, schließt sich der Einzug der Delegationen mit einer Orgel „Prélude in d-Moll“ von Louis Couperin sowie das „Entrée pour la maison de France, „Les Espagnols“ und „Les Basques“ von Lully an. Letztere Orchesterstücke entstammen dem „Ballet des Muses“

Die Motette „O filii et filiae“ von Jean Veillot, eines der wenigen erhaltenen Musikstücke des Komponisten, will den Frieden mit Spanien in einer allegorisch bejubelten Auferstehung Jesu Christi ehren. „Der Friede könne nicht ohne das Bündnis von Sonne und Mond bestehen“. Als Huldigung für die Hochzeit und der neuen Königin ist das Programm der Friedensmotette „Jubilate deo“ von Jean-Baptiste Lully aufzufassen. „Bewundernswert harmonisch, nie dagewesen, unvergleichliche Wohlklänge, die die königlichen Ohren bezaubern“, wurde damals geschwärmt. Und tatsächlich umranken sich nach einer feierlich einleitenden Symphonie in g-Moll ein großer und ein kleiner Chor von fünf und vier Stimmen auf das lieblichste. Selbst Ludwig soll entzückt gewesen sein und sich das schöne Stück in der Kapelle des Louvre an die zehn Mal angehört haben.

Der Akt der Hochzeit selbst wird auf der CD mit zwei Nummern aus dem „Livre d’Orgue contenant Cent Pièces de tous des Tons de l’Église“ von Guillaume-Gabriel Nivers, einer fünfstimmigen „Sinfonia grave“ von Salomone Rossi und – als Hauptwerk – mit dem „Magnifikat“ des Venezianers Francesco Cavalli begangen. Das prächtig doppelchörige Werk in elf Sätzen im deklamatorischen Stil (Recitar cantado) samt der virtuosen achtstimmigen Fuge „Esurientis implevit bonis“ spiegelt die Jubelstimmung, die damals geherrscht haben muss, imaginär wider.

Nach der Kirche war natürlich nicht Schluss mit Gesang und Tanz, Ausgelassenheit und melancholischen Momenten. Diese profanen Festivitäten werden auf dem Album mit der italienischen Arie „Lasciatemi morire“ aus der Oper „Xerse“ von Francesco Cavalli eröffnet. Danach folgen zwei kleine Vokalkompositionen „Après une si longue guerre“ von André des Rosiers und „O France“ von Nicolas Métru sowie final Juan Hidalgos spanische Arie „Dos zagalos venian“ aus der Oper „Celos aun del aire matan“, einem Auftragswerk zur Feier des Friedens von 1659 und der Hochzeit der Infantin. Nebstbei handelt es sich um die erste nachgewiesen rein in spanischer Sprache gesungene Oper.

Musiziert wird dieses fiktiv zusammengestellte Programm vorzüglich: Vincent Dumestre dirigiert das Instrumental-Ensemble „Le Poéme Harmonique“ und den „Choeur de la compagnie La Tempête“ elegant, schwung- und temperamentvoll. Als stilistisch versierte und technisch erstklassige Solisten brillieren Ana Quintans (Sorpan), Victoire Bunel (Mezzo), David Tricou (Haute-Contre), Serge Goubioud (Tenor) und Virgile Ancely (Bariton).

Wir als Hörerschaft baden entspannt im barocken Jubel zur illustren königlichen Verbindung, lassen mit Vanitas-Einsprengseln die Zeit innehalten und genießen als klingende petits fours die beispielhaften italienischen und spanischen Opernausschnitte. Die Hochzeit hätte musikalisch so begleitet worden sein, oder auch nicht. Sei’s drum: Zu bestaunen ist einmal mehr, auf welch hohem Niveau und mit welch traumwandlerischen stilistischen Präzision in Frankreich heute Barockmusik interpretiert wird. Dem renommierten Label Château de Versailles Spectacles ist mit dieser königlichen Hochzeit wieder einmal ein programmatisch und musikalisch überaus anregendes Album gelungen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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