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CD LEONARDO VINCI: GISMONDO, RE DI POLONIA – Weltersteinspielung mit Max Emanuel Cencic, Yuriy Mynenko, Sophie Junker, Dilyara Idrisova und Aleksandra Kubas-Kruk; PARNASSUS

11.05.2020 | cd

CD LEONARDO VINCI: GISMONDO, RE DI POLONIA – Weltersteinspielung mit Max Emanuel Cencic, Yuriy Mynenko, Sophie Junker, Dilyara Idrisova und Aleksandra Kubas-Kruk; PARNASSUS

 

Veröffentlichung: Juni 2020

 

Es begann 2011 mit der sensationellen Einspielung und szenischen Aufführung von „Artaserse“. Leonardo Vinci, neapolitanischer Barockmeister, war damals wohl kaum jemandem bekannt. Das änderte sich zumindest in Alte-Musik Fachkreisen auf einen Schlag, als die Crème de la Crème der Countertenöre sich für die Ausgrabung dieser Oper engagierte. Phillppe Jaroussky, Franco Fagioli, Yuriy Mynenko, aber auch der dramatische deutsche Tenor Daniel Behle waren sowohl in Nancy als auch im Plattenstudio stimmkräftig mit dabei. 2015 folgte die erste Gesamteinspielung von „Catone in Utica“ (DECCA), wieder mit Cencic und Fagioli. 

 

Nun hat Max Emanuel Cencic auf seinem eigenen Label „Parnassus Arts Productions“ in Kooperation mit dem polnischen Adam Mickiewicz Institut die Gesamtaufnahme der Oper „Gismondo, re di Polonia“ publiziert, und das, nachdem wenige Tage vorher der argentinische Countertenorstar Franco Fagioli bei der Deutschen Grammophon ein Funken sprühendes, ausschließlich den Opern Leonardo Vinci gewidmetes  Arienalbum vorgelegt hat. 

 

 Gismondo, 1727 für Rom komponiert, basiert auf einem historischen Stoff aus Polen, natürlich durchzogen von Anspielungen auf die damalige zeitgenössische Politik. Wie so oft bei Opern des Spätbarock, geht es um den guten Herrscher (Gismondo) in Kontrast zu einem schlechten Pendant (Primislao). Einzelheiten der komplexen Handlung erspare ich dem Leser. Nur so viel: Das Libretto gibt genügend an quicken Drehungen und Wendungen her, um damit acht Protagonisten mit gehörig Arien- und Ensemblevorlagen zu versorgen. Die Oper besteht aus der Sinfonia, 28 Arien, einem Duett, einem Terzett und dem Schlusschor. Die Geschichte der Partitur (Abschrift) aus dem Archiv der Berliner Singakademie ist ebenfalls spannend, handelt es sich doch um ehemalige sowjetische Kriegsbeute, die erst 2002 den Weg aus Kiew nach Berlin zurück fand.

 

Die musikalische Sprache des Leonardo Vinci ist melodiös ausdruckstrunken und kann es mit den besten Opernschöpfungen des italienischen Barock aufnehmen. Die meisten Arien hat nicht der Titelheld (Max Emanuel Cencic mit heroisch bronzen leuchtendem Alt), sondern mit jeweils fünf Bravourstücken die komplexeren Charaktere Primislao (die grandiose polnische Sopranistin Aleksandra Kubas-Kruk jubelt ätherisch in höchsten Tönen), Cunegonda (Sophie Junker mit beseelt direkt ins Herz zielendem, wunderbar timbrierten lyrischen Sopran; sie wird im Herbst die Händel-Arien Solo-CD „La Francesina“ Händel’s Nightingale vorlegen) und Ottone (der betörend schön gurrende Yuriy Mynenko hat sich mit dieser Einspielung endgültig in die allerste Erie katapultiert) zu absolvieren. Aleksandra Kubas-Kruk in der Hosenrolle des Primislao ist kein Mezzo, sondern ein dramatischer Koloratursopran mit dem richtigen Biss und dennoch gefährlich verführerisch-femininer Ausstrahlung. Schon vor Mozarts Königin der Nacht war also bekannt, dass dieses Stimmfach sich besonders für die Bösen eignet.

 

Spannend ist der Hinweis im Booklet, dass es auch in der Oper „Gismondo“ standardisierte Gleichnisarien gibt, die als Kofferarien bezeichnet wurden, weil sie in jeder anderen Oper zum Einsatz kommen konnten  und unabhängig von Stück nur der Vorführung reiner Virtuosität dienten. Solche „Zirkusnummern“ sind Primislaos Sturm-, Ottones Nachtigallen- , Ermannos Hirsch- und Giudittas Flussarie. Natürlich ist das für den heutigen Hörer nur von philologischem Interesse, wir dürfen und an den koloraturblitzenden vokalen Schlachtrössern mit weit geblähten Nüstern begeistern. 

 

Gute Zeiten also für Freunde akustischer barocker Sinnenfreuden. Die nicht geringste Überraschung der CD ist das unglaublich gute polnische Originalklangensemble (oh!) Orkiestra Historyczna unter der musikalischen Leitung von Martyna Pastuszka und dem temperamentvollen Cembalisten Marcin Świątkiewicz. Da glänzen und glühen die Fanfaren der Trompeten und Hörner in der Sinfonia, schon das ein orchestrales Wunder als atemberaubender Auftakt. Neben Il Pomo d’Oro der für mich beste Klangkörper für solche neapolitanische Wonnen.

 

Die Besetzung ist von einer seltenen künstlerischen Geschlossenheit. Sie enthält die ideale Mischung aus bekannten Stars, aufstrebenden Vokalartisten und unglaublichen Entdeckungen. Neben den bereits erwähnten sind dies der junge Brite Jake Arditti als Ernesto und Nicholas Tamagna als Ermanno, die die glänzende Countertenorriege fachkundig komplettieren. Last but not least zeigt die russische Sopranistin Dilyara Idrisova in den vier Arien der Giuditta, zu welchen artistischen Höhenflügen sie fähig ist. Ein aufgehender Stern am nicht nur barocken Opernhimmel. 

 

Diese Oper ist eine weitere waschechte neapolitanische Entdeckung, so wohltuend und reichhaltig wie knusprige napolitanische Sfogliatelle mit Espresso und Nocello. Genießer aus aller Welt hört! 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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