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CD LEONARD BERNSTEIN: MASS – DENNIS RUSSELL DAVIES dirigiert das ORF Vienna Radio Symphony Orchestra

Live Aufnahme aus dem Wiener Konzerthaus 2018; Capriccio

03.03.2020 | cd

CD LEONARD BERNSTEIN: MASS – DENNIS RUSSELL DAVIES dirigiert das ORF Vienna Radio Symphony Orchestra, live Aufnahme aus dem Wiener Konzerthaus 2018; Capriccio

Ich erinnere mich an eine Aufführungsserie von „Mass“ in deutscher Sprache an der Wiener Staatsoper 1981. Zehn Jahre zuvor, genau am 8.9.1971, war das „Theatre piece for singers, players and dancers“ des Leonard Bernstein in Washington uraufgeführt worden. Das Libretto setzt sich aus dem lateinischen Messtext sowie englischen Worten von Bernstein und Stephen Schwartz zusammen.

Wir hören keine Messe im landläufigen Sinn, sondern eine christliche Friedens- und Liebesbeschwörung, die unentschieden zwischen Musicalschmuseklang à la Jesus Christ Superstar („A Simple Song“) und expressiv durchschlagenden Chören durchmischt mit ungezähmten Broadway Tanzrhythmen („West Side Story“ schau oba) schwankt. Bernstein will hier musikalisch eindeutig zu viel. Gustav Mahler steht noch dazu bei den gemischten Chören/Kinderchören und den banalen Rummelplatzblasmusikeinschüben Pate. Das gesprochene Wort über Zweifel/Sinn/Hintersinn von Vertrauen in Gottes Willen und Größe in der Nachfolge von Schönbergs „Moses und Aaron“ darf auch nicht fehlen. Natürlich hat die pompöse Anlage und die Botschaft des Werks auch einen einfachen zeitgeschichtlichen Hintergrund: Bernstein hat Mass wurde für die Eröffnung des John F. Kennedy Centers for Performing Arts in Washington D.C geschrieben, der Vietnamkrieg war noch nicht zu Ende…. 

„Dear brothers (and sisters)“: Wen dieses Sammelsurium an Stilen von mittelalterlichem Choral bis Jazz, Blues, Pop und Gospel nicht stört, kann mit der vorliegenden trefflich musizierten Aufnahme glücklich werden. Dirigent Dennis Russell Davis hält die Fäden straff zusammen und kann so die Extreme der Partitur ungebrochen aufrauschen lassen. Das um E- und Bassgitarre, Synthesizer und Keyboards erweiterte ORF Vienna Radio Symphony Orchestra zeigt sich sattelfest in allen Gassen vom gewaltig orchestralen Tohuwabohu bis hin zum zartesten Flötengezirpe. Wirklich beeindruckend ist die Performance des Vokalensembles Company of Music (Einstudierung Johannes Hiemetsberger) für den Street Chorus. Der aus Prag stammende Schauspieler und Bariton Vojtěch Dyk, Frontmann der Band Nightwork und Sänger der Brünner Swing-Formation B-Side Band, gefällt als Zelebrant eindeutig besser als einst Franz Waechter an der Staatsoper. Die Wiener Singakademie (Einstudierung Heinz Ferlesch) agiert professionell und ausdrucksstark, klingt in den höchsten Lagen  (Tenöre, Soprane) aber bisweilen angestrengt.  Die Opernschule der Wiener Staatsoper (Knabensolisten Gustav Harms, Emil Lang, Nicolas Rudner) zeigt sich top. Insgesamt referenzwürdig.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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