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CD: Leipziger Kantatenjahrgang Gaechinger Cantorey bei hänssler classic erschienen. Harmonische Wege zu Gott

16.12.2023 | cd

Leipziger Kantatenjahrgang Gaechinger Cantorey bei hänssler classic

Harmonische Wege zu Gott

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Seit Mai 2023 führt die Gaechinger Cantorey unter Leitung von Hans-Christoph Rademann in 23 Konzerten die 60 Kantaten des ersten Leipziger Kantatenjahrgangs von Johann Sebastian Bach auf. Sie entstanden 1723/24 im ersten Amtsjahr von Bach als Thomaskantor in Leipzig. Diese Edition umfasst zehn Doppelalben und wird voraussichtlich Ende 2024 abgeschlossen sein. Johann Sebastian Bach trat im Mai 1723 die vakante Stelle des Leipziger Thomaskantors an. Über 60 Werke dieser Art bekamen die Leipziger Gottesdienstbesucher bis zum Dreifaltigkeitssonntag des Folgejahres, dem 4. Juni 1724, zu hören. Die erste Leipziger Kantate, die Bach als neuer Thomaskantor komponierte, war „Die Elenden sollen essen“ BWV 75. Sie erklang am 30. Mai 1723 in der Nikolaikirche. Die Gaechinger Cantorey unter der inspirierenden Leitung von Hans-Christoph Rademann betont hier plastisch die spannende Dialektik des Kommens und Gehens, des Oben und Unten. Überfluss und Not sowie Sturz und Erhöhung spielen dabei eine entscheidende Rolle. Dynamischer Abstufungen stechen hier immer wieder reizvoll hervor. Der Charakter im Stil einer französischen Ouvertüre setzt sich gleich zu Beginn in plastischer Weise durch. Harmonien, Dissonanzen und verminderte Akkorde überzeugen in plastischer Weise. Auch die Affekte der Arien kommen in ihrer elektrisierenden Art nicht zu kurz. Elegisch meldet sich die Oboe d’amore – und auch der Kanon der unisono spielen Violinen zeigt hier besonderen Charakterisierungsreichtum. Bei „Jesu süße Flammen“ glänzt der Zauber der Trompeten. Hier überzeugen vor allem die Sopranistin Natasha Schnur, der Tenor Patrick Grahl  und der fulminante Bassist Tobias Berndt.

Hans-Christoph Rademann erkundet auch akribisch die harmonischen Geheimnisse der Bach-Kantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“. Hier steht ein Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium im Zentrum des  Geschehens. Es ist die Geschichte vom großen Abendmahl. Schwierige Sachverhalte werden mit ungewöhnlichen Harmonien subtil ausgeleuchtet. Das Wort „Natur“ findet im Accompagnato der Streicher  eine interessante Modulation. Der Disput der Menschheit über die Abkehr von Gott gelingt in Rademanns aufwühlender Interpretation in jeder Hinsicht überzeugend. Christus erscheint als „Licht der Vernunft“, als der Teufel in Gottes Haus sitzt. Es ist eine dramatische Zuspitzung, die hier in fesselnder Weise dominiert. Der anschließende Choral wirkt dabei ausgesprochen meditativ. Benedikt Kristjansson (Tenor) und Matthias Winckhler (Bass) kommen  bei der berühmten Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“  als ausdrucksstarke Solisten noch hinzu. Bach verwandelt hier in eindringlicher Weise Text in Musik. Der klangliche Zauber der Sinfonia prägt sich dabei ebenso tief ein wie der rauschhafte Charakter in Nr. 5 oder der Lobpreis der Erde im Trompetenglanz. Im Chor Nr. 9 erreicht Bachs kontrapunktisches Können seinen Höhepunkt im Rahmen einer nuancenreichen Choralbearbeitung, die die Gaechinger Cantorey unter Rademann wirkungsvoll herausarbeitet. Das eindrucksvoll aufsteigende „Kunst“-Motiv prägt die Interpretation der Kantate „Barmherziges Herze der ewigen Liebe“, wo vor allem der Choral in der Barmherzigkeitsbetrachtung in bewegender Weise hervorstrahlt. Durch die Oboe wird hier der rhythmisch erregte Streichersatz facettenreich ergänzt. Die Kantate „Ein ungefärbt Gemüte“ überrascht bei  dieser transparenten Wiedergabe mit erstaunlichem Klangfarbenreichtum und starker Intensität. Ein machtvoll musiziertes Bibelwort-Tutti steht dabei im Zentrum, Bach hat hier einen Satz aus dem Matthäus-Evangelium im Rahmen von Präludium und Fuge plastisch vertont.  Wieder wird alles vom majestätischen Klang der Trompete überstrahlt. Der abschließende vierstimmige Choral besitzt  etwas wunderbar Meditatives, unmittelbar Berührendes. Da wird Bachs Musik von innen heraus wiedergespiegelt. Selbst ein gewisser „opernhafter“ Ausdruck wird nicht geleugnet. Alex Potter (Altus) ergänzt das Solistenensemble in idealer Weise.

Alexander Walther

 

 

 

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