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CD „LEGENDARY VOICES“ – Orfeo-Sonderedition zum 40. Geburtstag. Ein Stimmfest der Sonderklasse 

16.08.2020 | cd

CD „LEGENDARY VOICES“ – Orfeo-Sonderedition zum 40. Geburtstag

 

Ein Stimmfest der Sonderklasse 

 

Das Label ORFEO, mit hochwertigen Live-Mitschnitten aus Bayreuth, Salzburg oder Wien zum Kult für Sammler avanciert, feiert seinen 40. Geburtstag. Und wir feiern mit. Nach der Box “Legendary Conductors” und “Orfeo – 40th Anniversary (40 Ultimate Recordings)” sind nun die Diven jedes Geschlechts dran. Der Back-Katalog des Labels beschränkt sich nicht nur auf Mitschnitte, sondern das Label entfaltete vor allem in den 80-er Jahren eine rege Produktion von Studioaufnahmen mit vielen großen Künstlern, die uns heute träumen lassen.  

 

Die “Legendary Voices” starten 1980 mit Agnes Baltsa. Ein Vulkan, Madame 1000 Volt. Am 6. Mai 1979 hatte sie mit der Eboli in Verdis “Don Carlos” unter Herbert von Karajan für eine veritable Sensation an der Wiener Staatsoper gesorgt. Nicht alle am Stehplatz waren mit dieser völlig neuen Art von Mezzo sofort glücklich. Ein unverwechselbares, leicht herbes Timbre, eine üppige Tiefe, darauf aufbauend eine  robuste Mittellage und eine fulminanten (Sopran)Höhe. Baltsa war zu den präzisesten Belkanto-Verzierungen befähigt, konnte aber auch dramatisch mit explosiven Akut auftrumpfen. Ein Bühnentier, das im deutschen, italienischen, französischen Fach gleichermaßen reüssierte, und Komisches wie Tragisches gekonnt auf die Bühne zauberte. Richard Strauss, Mozart, Verdi, Massenet, Rossini, Donizetti. Auf der von Heinz Wallberg temperamentvoll dirigierten CD gefallen besonders Rosinas “Una voce poco fa”  aus dem “Barbier von Sevilla” und die “Cenerentola” – “Nacqui all’affanno. Non piú mesta”… Aber auch die große Arie der Bianca in Saverio Mercadantes Oper “Il Giuramento” oder “La luce langue“ aus Verdis “Macbeth” gelangen der jungen Griechin damals atemberaubend.

 

Mit Carlo Bergonzi & Dietrich Fischer Dieskau auf einer Duett-CD findet ein Gipfeltreffen zweier Mythen italienischen und deutschen Kunstgesangs statt. Bergonzi, für einige (und auch mich) der begnadetste Verdi-Tenor und -Stilist überhaupt und Fischer-Dieskau, der von sprachlichen Defiziten im Italienischen einmal abgesehen 1982 aus dem stimmlich Vollen schöpfen konnte. Zwei wirklich komplementäre Welten auf diesem einzigartigen Dokument in Duetten von Verdi (“La forza del Destino”, “Otello”, “Don Carlo”, “I Vespri Siziliani” oder Georges Bizets “Les pêcheurs de perles” harmonisch vereint. Auch so funktioniert Völkerverständigung. Ob das jedem/r gefällt, ist eine andere Sache. 

 

Franco Bonisolli, als Ritter vom hohen C war er natürlich ein Liebling des Wiener Opernpublikums. Der schon einmal Karajan das Schwert vor der Stretta in der Generalprobe zu “Il Trovatore” hinschmiss. Der wuschelköpfige Italiener riss mit seinem unbändigen Bühnentemperament und den sicheren Höhen hin, aber nervte bisweilen mit ungefähren Tönen in der Mittellage und überzogenen Portamenti. Hier ist er mit Mandolinentönen und Neapolitanischen Liedern zu hören. Strotzend vor Männlichkeit, mit der schönen Stimm’, den so leichtgängigen Höhen ohne jedes Gesäusle, heulen könnte man vor lauter Nostalgie. Ich will sofort nach Neapel und in meiner Lieblingspizzeria stranden. Reservieren gibts da nicht, in der L’Antica Pizzeria da Michele. Es ist das einzige Restaurant, das einmal unsere lächerliche Rechnung von 22 auf 20 Euro abgerundet hat. Passt schon, hat der Patrone lächelnd gesagt und wollte partout nicht mehr Geld haben. Da können Sie 1000 Jahre alt werden in Berlin und Ihnen wird das nicht passieren. 

 

Grace Bumbry, ein dramatischer Mezzo, ein Spinto-Sopran mit einer fabulösen Gesangstechnik und einer pastos barock samtigen, bruchlos geführten Stimme gesegnet. Eine aristokratische Bühnenerscheinung und Diva mit Biss. Was für eine Verdi-Sängerin! Ich erinnere mich an eine Eboli 1984 in Orange. Freitag der 13.7. und Vollmond war auch noch. Ja und da waren noch ihre Partner Caballé, Aragall, Bruson. Um 2h in der Früh war dann Schluss. Vergesse ich nie. Auf der CD sind es die Leonoren aus “La forza del destino”, und “Il Trovatore”, aber vor allem “´Pleurez mes yeux” aus Massenets “Le Cid” und “Depuis le jour où je me suis donnée” aus Charpentiers “Louise”, die von einer atemberaubenden Gesangskunst zeugen. Schwebende Piani sul fiato, Edelvibrato, eine Stimme wie ein melancholischer Gruß aus goldenen Operntagen. Kniefall. 

 

Brigitte Fassbaender hat das Wiener Publikum etwa gleichzeitig wie Trudeliese Schmidt als Octavian und Dorabella betört. Aber auch Fassbaenders unverwechselbare, scharfkantige Rollenporträts von Marina Mnischek, Orlofsky, Rheingold und Walküren-Fricka, Brangäne oder Klytämnestra haben begeistert. Auf dem von Hans Graf dirigierten Album ist Fassbaender in für sie rarem Repertoire zu hören: “Non e sì vago e bello“ aus Händels “Giulio Cesare”, die Arie des Orfeo aus Glucks “Orfeo ed Euridice”, der Sesto aus Mozarts “La clemenza di Tito”. Aber wer hätte Fassbaender so eine stilsichere und auf Linie gesungene Seguidille aus “Carmen”  zugetraut? Auch Dalilas “Printemps qui commence”, die Charlotte aus Massenets “Werther” und die große Waltrauten-Szenen aus Wagners “Götterdämmerung” sind Trumpf eines solitären Stimmwunders und einer großen Persönlichkeit. 

 

Über Edita Gruberová ist alles gesagt. Sie hat eine beispiellose Karriere hingelegt, basierend auf Talent, Disziplin, Disziplin und nochmals Disziplin. Am meisten begeisterten mich ihre komischen Rollen, die Adele (“Die Fledermaus”), die Rosina im “Il Barbiere di Sevilla”, die Norina in “Don Pasquale“ die Aminta  (“Schweigsame Frau”), die Fiakermilli (“Arabella”) und natürlich die Zerbinetta in Strauss’ “Ariadne auf Naxos”. Fast 100 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper alleine in dieser ihrer Markenrolle hat sie absolviert. Unglaublich. Wer allerdings die lange Urversion der spektakulären Koloraturarie “Großmächtige Prinzessin” hören will, dem sei diese CD wärmstens ans Herz gelegt. Fast drei Minuten mehr als Karl Böhm legt Lamberto Gardelli Gruberovà in die zwitschernde Gurgel. Denken Sie sich alle Superlative aus und Sie werden dieser besten aller Gruberova Zerbinetta-Aufnahmen gerade noch gerecht. Im Booklet ist die besondere Fassung allerdings nicht vermerkt.

 

Júlia Várady hat nach ihrem viel zu frühen Bühnenabschied 1997 noch auf der Konzertbühne gesungen und im Studio gearbeitet. Ich erinnere mich etwa an eine exzellente Odabella in Verdis “Attila” im Wiener Konzerthaus am 22.3.2001, wo ich als Bassist der Wiener Singakademie dabei war. Die ausschließlich Tchaikovsky gewidmete CD mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Roman Kofman enthält alle Sopranszenen aus den Opern “Eugen Onegin”, “Die Jungfrau von Orleans”, “Mazeppa”, “Charodeyka”, “Pique Dame” und “Jolanthe“. Várady war damals 60, gerade ihre schon schwerer gewordene Stimme fühlt sich ideal für dieses Repertoire an. Eine intelligente Sängerin, die mit ihrem dunkel leuchtenden Spinto die großen individuellen Dramen unverstellt vermitteln konnte. Heute ist Várady ein Mythos vor allem ihrer überlebensgroßen Verdi-Interpretationen wegen. Ein mit 78 Minuten Spiellänge auch vom Umfang her großzügiges Album.

 

Krassimira Stoyanova hat dieses schöne Raritäten-Album mit Ausschnitten aus Opern von Meyerbeer, Gomes, Halévy, Puccini und Verdi 2007 unter Friedrich Haider in München eingespielt. Ihr wahrlich luxuriös timbrierter Sopran ist so ziemlich das Beste, was in der Oper in den letzten 15 Jahren gehört werden konnte. Auch sie kann wie einst die Baltsa alles von den kleinen Verzierungen angefangen bis zum großen Strauss-Legato, der dramatischen Verdi Stretta bis hin zu verhangen melancholischen Farben. Lieder sind bei ihr ebenso gut aufgehoben wie das deutsche, italienische oder französische Fach, das auf der vorliegenden CD besonders gut mit Arien aus “Hérodiade”, “Les Contes d’Hoffmann” und “La Juive” bedient wird. Stoyanova ist für mich die wahre Primadonna unserer Tage, eine Könnerin ohne Allüren und ensembletauglich.

 

Adrianne Pieczonka punktet als einzige der Box mit einem reinen Wagner/Strauss-Programm. Sie verfügte 2005 über einen lyrisch frischen, jugendlich dramatischen Sopran. Ehrlich gesagt, das Timbre merke ich mir nicht unbedingt. Aber wenn Pieczonka aus “Lohengrin” “Einsam in trüben Tagen” oder “Euch Lüften, die mein Klagen” vorträgt,  geht das direkt zu Herzen. Pieczonka lässt die Tiefe frei strömen und singt engelsgleich pure Höhen. Überhaupt ist Natürlichkeit des Vortrags ein Attribut, das ihr zweifelsfrei zusteht. Richard Strauss gelingt prächtig, gleich ob Ariadnes Monolog “Es gibt ein Reich, wo alles rein ist” oder die anspruchsvolle Schlussszene der Gräfin aus “Capriccio”, “Kein andres, das mir so im Herzen loht”. Die Wesendonck-Lieder erklingen überaus belkantesk gesungen, hier fehlt es aber an Substanz in der Mittellage. Das Dirigat von Ulf Schimmer enttäuscht in seiner emotionalen Distanz. 

 

Piotr Beczala kommt die Ehre des letzten Albums der Box zu. Ein reines Verdi-Programm hat sich der polnische Startenor 2012 mit dem Polnischen Radio Sinfonieorchester unter Lukas Borowicz vorgenommen. Im Duett Carlo-Posa wird ihm von Marius Kwiecien, im Duett Manrico-Azucena von Ewa Podles stimmkräftig assistiert. Unbeschwert und ein Draufgänger wie einst Jan Kiepura, ist es eine pure Freude, ihm bei seinen tenoralen Höhenflügen zuzuhören. Dabei ist Beczala zudem eine reizvolle, schmelzreiche Mittellage eigen, ohne die bei Verdi sowieso nichts geht. Höhepunkt der CD ist Henris Arie “C’est Guy de Monfort…Ô jour de peine” aus “Les Vêpres siciliennes”. Manche Schluchzer und Schleifer, sei’s drum. Dieses Orfeo-Album ist jedenfalls Beczalas neuem, bei Pentatone erschienenen Solo-Album stimmlich und atmosphärisch haushoch überlegen. 

 

 

Inhalt der 10 CD-Box

 

Agnes Baltsa – Arien von Rossini, Mozart, Mercadante, Donizetti, Verdi, Mascagni (Münchner Rundfunkorchester, Heinz Wallberg / 1980)

Carlo Bergonzi & Dietrich Fischer-Dieskau – Duette von Verdi, Ponchielli, Bizet, Puccini (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Jesus Lopez-Cobos / 1982)

Franco Bonisolli – „O Sole mio“ – Neapolitanische Lieder (Orchestra dell’Unione Musiciste di Roma, Elvio Monti / 1983)

Grace Bumbry – Arien von Verdi, Cilea, Catalani, Massenet, Ponchielli, G. Charpentier, Gounod, Cherubini, Gluck (Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Stefan Soltesz / 1983)

Brigitte Fassbaender – Arien von Händel, Gluck, Mozart, Bellini, Tschaikowsky, Bizet, Saint-Saens, Massenet, Wagner (Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Hans Graf / 1983)

Edita Gruberova – Arien von Strauss, Thomas, Mozart, Bellini, Cherubini (Münchner Rundfunkorchester, Lamberto Gardelli / 1984)

Julia Varady – Tchaikowsky-Arien aus Eugen Onegin, Die Jungfrau von Orleans, Mazeppa, Die Zauberin, Pique Dame, Jolanthe (Münchner Rundfunkorchester, Roman Kofman / 2000)

Krassimira Stoyanova – Arien von Meyerbeer, Gomes, Verdi, Massenet, Offenbach, Halevy (Münchner Rundfunkorchester, Friedrich Haider / 2007)

Adrianne Pieczonka – Arien von Strauss & Wagner (Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer / 2005)

Piotr Beczala – Verdi-Arien aus Rigoletto, Il Trovatore, Les Vêpres Siciliennes, I Lombardi, La Traviata, Macbeth, Un ballo in maschera, Don Carlo, Requiem (Polish Radio Symphony Orchestra, Lukasz Borowicz / 2011)

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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