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CD: Legacies of the Spanish Golden Age Folias y Glosas Concerto Scirocco Giulia Genini, musikalische Leitung Arcana, A599

08.09.2026 | cd

Bläserfanfaren öffnen das Tor zum Goldenen Zeitalter

legacy

Man muss den Musikern von Concerto Scirocco ein Stück weit beneiden. Während sich andere Ensembles oft noch durch die Lehrbücher des Kontrapunkts arbeiten, genügte im Spanien des 16. Jahrhunderts ein klares Akkordschema, eine Prise pragmatischer Erfindungsgabe und der Mut zur Verzierung. Genau diesem Prinzip – den Folías – widmet sich die neue CD des Schweizer Ensembles unter der Leitung der Blockflötistin Giulia Genini. Das Ergebnis ist erfrischend unakademisch und von einer unmittelbaren Spielfreude geprägt.

Das Label Arcana hat den rund 55-minütigen Parcours durch die iberische Renaissance und den italienischen Frühbarock veröffentlicht. Wer hier einen distanzierten Vortrag über historische Aufführungspraxis erwartet, wird bereits in den ersten Takten eines anonymen Tiento del V tono eines Besseren belehrt. Zink, Schalmei, Posaune und Dulzian setzen mit präzise artikulierten Fanfaren ein – scharf und transparent, als stünden die Instrumente direkt im Raum.

Das Konzept ist einfach und wirkungsvoll: das Wechselspiel zwischen dem starren Ostinato des Volkstanzes und den virtuosen Ausgestaltungen, den Glosas. Was heute oft als Improvisation gilt, war für die spanischen und italienischen Musiker des 16. und frühen 17. Jahrhunderts selbstverständliche Praxis. Eine schlichte Melodie wie La Spagna wurde so lange variiert, bis den Tänzern der Atem ausging.

Diego Ortiz liefert mit seinen Recercadas über La Spagna die Grundlage. Amélie Chemin spielt die Viola da Gamba hier mit unaufgeregter Eleganz – klar geformt, ohne übertriebene Schwermut, die Töne präzise gesetzt. Besonders überzeugend ist das ständige Wechselspiel zwischen Alta und Bassa Cappella. Nach den lauten Bläsersätzen folgt oft ein zurückgenommenes Gespräch zwischen Tenorblockflöte und Vihuela. Wenn Giulia Genini in Josquins Mille regretz die Flöte ansetzt und das Stück in eine leise, konzentrierte Diminution überführt, entsteht ein Moment echter intensiver Kammermusik.

Die Homogenität des Ensembles beeindruckt. Die Musiker wechseln die Instrumente selbstverständlich: Priska Comploi greift von der Schalmei zur Blockflöte und legt dort ein beachtliches Tempo vor. Besonders lebhaft gerät die zweite Recercada von Bartolomé de Selma y Salaverde – Blockflöte und Gitarre treiben sich gegenseitig an, der Satz wirkt fast tänzerisch drängend.

Dass dieses Repertoire nicht an den Pyrenäen endete, zeigen die Beiträge von Michael Praetorius und Andrea Falconieri. Falconieris Folías echa para mi Señora Doña Tarolilla gehört zu den Höhepunkten der Aufnahme: Geige, Blockflöte und Theorbe umspielen sich in einem schwungvollen, bereits auf den Hochbarock vorausweisenden Dialog. Hier wird mit dem Material gespielt, nicht nur verziert.

Klanglich ist die Aufnahme direkt und relativ trocken, dabei angenehm warm. Auf künstlichen Hall wurde verzichtet – das Ensemble wirkt präsent und nah.

Natürlich neigt ein Programm, das so stark auf den harmonischen Mustern der Folía aufbaut, nach einer Weile zu einer gewissen Gleichförmigkeit. Concerto Scirocco begegnet dem durch ständige Umgruppierung der Besetzung und den Wechsel zwischen monumentalen Bläsersätzen und zurückhaltenderen Soli – etwa der Fantasia basso solo für den Bassdulzian. So bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten.

Zum Abschluss darf noch Tielman Susatos Spagnoletta vorbeischauen, bevor das Album mit der stillen Verzierungskunst über Mille regretz leise ausklingt – ohne großen Gestus, sondern mit einem eleganten Verblassen.

Concerto Scirocco liefert mit dieser Aufnahme keine musikwissenschaftliche Demonstration, sondern eine überzeugende Visitenkarte. Alte Musik erscheint hier nicht als Reliquie, sondern als lebendige Gebrauchs- und Unterhaltungsmusik auf hohem Niveau – gespielt von Musikern, die ihr Handwerk beherrschen und es mit unaufdringlicher Freude ausüben.

Dirk Schauß, im August 2026

 

Legacies of the Spanish Golden Age

Folias y Glosas

Concerto Scirocco

Giulia Genini, musikalische Leitung

Arcana, A599

 

 

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