CD: LE CHEVALIER JOSEPH BOLOGNE DE SAINT-GEORGE „PORTRAIT“ – THÉOTIME LANGLOIS DE SWARTE und das Orchestre de l’Opéra Royal; Château de Versailles Spectacles

Komponist, Spitzensportler, Revoluzzer: Der Chevalier lebt und taugt auch heute als Vorbild!
Joseph Bologne de Saint-George war der bedeutendste schwarze Komponist seiner Zeit. Und nicht nur das. Er führte ein alle sozialen Barrieren sprengendes pittoreskes Abenteurerleben mit Degen und Geige, Dirigierstab und in Offiziersuniform. Heute wäre er mit seinen spektakulären sportlichen, künstlerischen und militärischen Erfolgen, als Kämpfer gegen Rassendiskriminierung und Verfechter der Werte der Aufklärung zumindest ein social media Superstar mit Millionen Followern.
Da schadete auch nicht, dass er ein gar fesches Mannsbild gewesen sein muss, dieser universal begabte und aktiv sein Leben navigierende Chevalier de Saint-George. Auf zeitgenössischen Darstellungen, etwa vom Maler Alexandre-Auguste Robineau, macht er bella figura als Paris schnittigster, bewundertster und gefürchtetster Fechtmeister. Das war er schon mit 15 Jahren. Unnachahmlich elegant, unwiderstehlich unbesiegbar.
Seine Fähigkeiten beschränkten sich jedoch nicht auf Nahkampf und die Kriegskunst. Der französisch karibische Alleskönner, als Sohn eines reichen französischen Plantagenbesitzers und einer einst versklavten Afrikanerin, der jungen Nanon aus Senegal, wurde 1745 in Guadeloupe geboren. Er war ein begeisterter wie Aufsehen erregender Geiger, Dirigent und Komponist. Mit acht Jahren übersiedelte der Spross samt Familie ins kulturell aus allen Nähten platzende Paris, wo ihm der aufmerksame Vater eine jedem Aristokraten ebenbürtige Ausbildung zuteilwerden ließ.
Um die Ernte war es gut bestellt, die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: Als Chefdirigent leitete er Le Concert des Amateurs und den Klangkörper Concert de la Loge Olympique, der immerhin bei Joseph Haydn die sogenannten „Pariser Symphonien“ in Auftrag gab. Auch da hatte Saint-George seine flinken Finger mit im Spiel. Er dirigierte in den Tuilerien deren Erstaufführung und wurde von seinen tonsetzenden Zeitgenossen aufmerksam registriert.
Kein Wunder, dass die kunstsinnige Königin Marie-Antoinette den jungen Saint George zu ihrem Lieblingsmusiker und Hauslehrer erkor und zudem zahlreichen seiner Konzerte die Ehre gab. Auch andere Prinzessinnen in jüngerer Zeit jenseits des Ärmelkanals sollen ja ebenfalls den Reit- und sonstigen Künsten begabter Präzeptoren nicht abgeneigt gewesen sein.
Auf jeden Fall nominierte die österreichische Charismatikerin Marie-Antoinette Saint George 1776 als Direktor der Opéra Royal. Ein Unterfangen, dass sich aufgrund massiv rassistischer Interventionen des künstlerischen Personals der Oper nicht durchsetzen ließ. Das wiederum löste beim kämpferischen Saint George eine heftige politische Gegenreaktion aus. Er begann, sich philosophisch zu bilden und warb als Befürworter der Werte der Aufklärung für Gleichstellung. Um gegen jegliche Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe anzugehen, begann er sich für gesellschaftlich revolutionären Fortschritt zu erwärmen.
Ludwig Philipp II., Duc d’Orléans, nahestehend, wurde Saint-George der erste schwarze Freimaurer. 1790 trat er der Garde Nationale bei. Joseph Bologne wurde mit seiner „Légion de Saint-George“ oder „Légion franche des Américains et du Midi“, wie sie noch hieß, erster schwarzer Oberst in der Armee.
Aber da die Revolution bekanntlich ihre nicht ins Schema passenden Kinder frisst, wurde das Universalgenie für elf Monate eingesperrt. Le Chevalier de Saint George starb 1799 mit nur 53 Jahren an einer malignen Blasenentzündung. Da 1802 die Sklaverei auf Geheiß von Napoleon wieder eingeführt wurde, war es mit der Aufführung seiner Werke vorbei. Die Ende 1794 während der Französischen Revolution beschlossene Abschaffung dieses grausamen Menschenhandels währte erstmals nicht lange.
Bei diesem Leben und Werk war es kein Wunder, dass nicht nur die Musikforscher im 21. Jahrhundert verstärkt auf den Chevalier aufmerksam wurden, sondern auch das Kino bald auf den schmucken Mann, begnadeten Musiker und gesellschaftlichen Vorkämpfer erpicht war. Der aus Jamaika stammende Regisseur Stephen Williams verewigte 2022 in einer kitschigen historischen Filmbiografie das bewegte Leben von Joseph Bologne, Chevalier de Saint-George mit Kelvin Harrison Jr. In der Titelrolle.
Als Komponist hinterließ der Geigenvirtuose Saint-George höfische, tänzerisch beschwingte Violinkonzerte, Symphonien und Symphonies concertantes, Kammermusik (Sonaten für Klavier und Violine), Konzertarien und Opern, darunter „L’Amant anonyme“ und „Ernestine“, aus denen im vorliegenden Portrait Symphonie, Arien und Ensembles (Léontine, Valcour, Ophémon) sowie Ballettmusiken vorgestellt werden.
Théotime Langlois de Swarte, selbst eine Offenbarung als Teufelsgeiger, wirkt auf diesem Portrait nicht nur als Dirigent, sondern auch als Instrumentalsolist beim Concerto pour violon et orchestre in C-Dur, op.3, Nr. 2, beim Streichquartett op. 1, Nr. 4 (Allegro moderato, Rondeau) und beim schmachtenden Adagio cantabile aus dem Violinkonzert Nr. 7 von Saint-Georges‘ Lehrer Antonio Lolli mit.
Wie de Swarte im Vorwort festhält, galt es für den Schöpfer, mit seinen Kompositionen zuvörderst auf den größten Effekt bedachtes Repräsentatives zu erfüllen. Man findet bei Saint-George außerdem, wie das der Dirigent ebenfalls betont, intimste Lyrismen sowie einen eindrücklichen Sinn für Theatralik, der sich besonders in den Kontrasten zwischen vokaler Deklamation und Orchesteropulenz manifestiert. Das Saint-George eine Art „schwarzer Mozart“ gewesen sein soll, ist ein völlig unsinniger Vergleich, der sich schon beim ersten Hören von dessen Musik, den typisch französischen Ballettklängen ad absurdum führt. Vielmehr wäre in Sachen Oper eine Nähe zu Gluck, zudem eine melodische Erfindungsgabe sondergleichen zu konstatieren.
Tauchen wir also mit diesem fast 100 Minuten Musik umfassenden Album auf 2 CDs in die aristokratisch höfische Musik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Paris ein. Unterstützt vom groß besetzten Orchestre de l’Opéra Royal und den Solisten Lauranne Oliva (Sopran), Bastien Rimondi (Tenor) sowie Victor Sicard (Bass) wird das Album sicherlich der kompositorischen Vielfalt des Musiker Saint-George gerecht. Das Konzept eines „Portraits“ mit den prägnant knappen Aperçus zielt darauf ab, dass ein ordentlicher Übersichtseindruck gewonnen werden kann.
Der aber hat es in sich: Ob die fetzige Wiedergabe der Symphonie in D-Dur zur opéra comique „L’Amant anonyme“ (1780) oder das brillant funkelnde, von de Swarte artikulatorisch kraftvoll, mit behändem Bogenstrich historisch informiert intonierte Violinkonzert bzw. die Ballette, alle sind Zeugen des kreativen Rundumgeistes ihres Erfinders.
Nicht minder nimmt die rhythmische, wie von Schicksalsschlägen hart durchwirkte, im Kern melancholische Empfindsamkeit des Molto adagio con sordini, der zweite Satz des Violinkonzerts op. 3, Nr. 2, für sich ein. Im Rondo wiederum befinden wir uns inmitten des ausgelassenen Treibens einer bunt spritzigen Gartenparty voller guter Laune und lockerer Unbeschwertheit.
Von den Vokalisten überzeugt mich insbesondere die französisch katalanische Sopranistin Lauranne Oliva. Sie verkörpert die Titelheldin der neuen Gesamtaufnahme von Cavallis „La Calisto“ mit dem Ensemble Correspondances unter Sébastien Daucé bei harmonia mundi. Vom traumhaft schönen Timbre her erinnert Oliva ein wenig an die junge Gheorghiu. Sei es die klassizistische Szene „Ernestine, que vas-tu faire“, die romantische Arie der Léontine „Son amour, sa constance extrême“ oder das hochdramatische Rezitativ „Enfin une foule importune“, Oliva spachtelt mit ihrem üppig ausgestatteten Füllhorn an Stimmfarben und ihren obertonreichen oberen Registern musikalisch eindringliche Bilder höchsten ästhetischen Zuschnitts. Bastien Rimondi (mit seiner bewegenden Interpretation der Konzertarie „Rose d’amour“) und Victor Sivard assistieren auf gefälligem Niveau.
Fazit: Ein vielseitiges und -schichtiges Künstlerportrait, ein lohnendes Rendez-vous mit einem außergewöhnlichen Mann, der in bewegten Zeiten sein Schicksal entschlossen in die Hand nahm. Die musikalische Wiedergabe überzeugt durch eine sofort packende musikalische Energie, ihre Stilsicherheit und solistische Exzellenz. Nicht zuletzt schmeichelt die herzerwärmende Poesie in den langsamen Sätzen der Seele, wie etwa das Adagio aus dem Violinkonzert Nr. 5 (Track Nr. 9, CD 2).
Dr. Ingobert Waltenberger

