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CD: Le chevalier de Saint-George Portrait Orchestre de l’Opéra Royal Théotime Langlois de Swarte, musikalische Leitung Chateau de Versailles, CVS130

24.05.2026 | cd

Théotime Langlois de Swarte bittet zum Duell

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Joseph Bologne de Saint-George besaß ein verdammt flinkes Handgelenk – und das gleich doppelt. Als Sohn einer versklavten Senegalesin und eines reichen Plantagenbesitzers auf Guadeloupe focht und geigte sich dieser Ausnahmemensch in die allerersten Kreise des vorrevolutionären Frankreichs. Mit fünfzehn schon als unbesiegbarer Fechtmeister gefürchtet, wurde er später Lieblingsmusiker und Violinlehrer von Marie-Antoinette. Ein Leben, das zwischen aristokratischen Salons, dem Dirigentenpult der besten Orchester und der Führung eines eigenen Reiterregiments während der Revolution hin- und hersprang, schreit geradezu nach einer angemessenen Würdigung.

Das Label der Opéra Royal Versailles liefert nun genau das: ein opulentes musikalisches Porträt auf zwei CDs, das diesem schillernden Freimaurer, Aufklärer und Vielbegabten endlich den roten Teppich ausrollt.

Am Pult und an der Solovioline steht mit Théotime Langlois de Swarte ein echter Virtuose unserer Zeit. Der Mann spielt mit einer derartigen Spielfreude, dass man das Grinsen förmlich durch die Lautsprecher sieht. Schon die eröffnende Sinfonie aus der komischen Oper Der anonyme Liebhaber zeigt, wohin die Reise geht: Das Orchestre de l’Opéra Royal musiziert mit einer frischen, historisch informierten Bissigkeit, dass der Staub von 250 Jahren innerhalb von Sekunden verfliegt.

Saint-George war nämlich kein zahmer Nachahmer der Wiener Klassik. Der oft bemühte Vergleich als „schwarzer Mozart“ hinkt nicht nur – er fällt bei diesen Werken spektakulär auf die Nase. Stattdessen hört man hier französischen Esprit, ballettgetränkte Rhythmen und eine elegante, fast schon kokette Melodieführung, die stellenweise an Christoph Willibald Gluck erinnert, aber immer unverwechselbar eigen bleibt.

Besonders im Violinkonzert in C-Dur op. 3 Nr. 2 zieht de Swarte alle Register. Sein Bogenstrich ist kraftvoll, die Artikulation messerscharf, die Virtuosität nie Selbstzweck. Im getupften Molto adagio des zweiten Satzes zeigt sich plötzlich eine zarte, melancholische Seite des Komponisten – fernab allen höfischen Glanzes. Das folgende Rondo dagegen klingt wie eine ausgelassene Gartenparty im Schlosspark von Versailles: Champagnerlaune inklusive, während im Hintergrund schon leise die Guillotine wetzt.

Ein besonderer Glücksfall der Aufnahme ist die Besetzung der Gesangspartien. Die französisch-katalanische Sopranistin Lauranne Oliva ist eine echte Entdeckung. Ihre Stimme hat ein cremiges Timbre, und sie besitzt dazu eine natürliche Präsenz, die einen sofort in die Opernhäuser des 18. Jahrhunderts katapultiert. Ihr Tenorkollege Bastien Rimondi singt die Konzertarie Rose d’amour auf wirklich bewegende Weise, und Bariton Victor Sicard gibt den Ensemblesätzen das nötige Fundament.

Besonders schön: Die Aufnahme beschränkt sich nicht nur auf die großen Orchesterwerke. Sie schlägt einen weiten Bogen über ein charmantes Streichquartett in c-Moll, eine intime Violinsonate in g-Moll bis hin zu einem wehmütigen Adagio des Saint-George-Lehrers Antonio Lolli. Diese kluge Mischung aus Prunk und Kammermusik ergibt ein rundes, lebendiges Bild des Komponisten.

Dass seine Musik nach seinem Tod 1799 so schnell in der Versenkung verschwand, lag übrigens nicht an ihrer Qualität. Als Napoleon 1802 die Sklaverei wieder einführte, war ein schwarzer Kulturheld im offiziellen Frankreich plötzlich höchst unpassend. Umso schöner, dass diese Aufnahme ihn jetzt so vielfältig zurück auf die Bühne holt.

Eine CD, die direkt ins Ohr geht und die Seele mit einer herzerwärmenden, stilistisch absolut sicheren Poesie streichelt. Théotime Langlois de Swarte und sein Team haben hier keine bloße Einspielung abgeliefert, sondern ein echtes musikalisches Fest. Dicke Empfehlung für alle, die gerne mal wieder etwas wirklich Gutes entdecken wollen.

Dirk Schauß, im Mai 2026

Le chevalier de Saint-George

Portrait

Orchestre de l’Opéra Royal

Théotime Langlois de Swarte, musikalische Leitung

Chateau de Versailles, CVS130

 

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