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CD KRZYSZTOF PENDERECKI: Hornkonzert, Violinkonzert, Adagio für Streicher; LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA live; LPO

29.03.2020 | cd

CD KRZYSZTOF PENDERECKI: Hornkonzert, Violinkonzert, Adagio für Streicher; LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA live; LPO

 

„What I see now and for about 30 years, nothing has moved in the avant-garde. We pushed music so far in the 60s that even for myself, for me, I closed the door behind me, because there was no way to do anything more than I have done. The pieces like ,Polymorphia‘, like ,Fluorescences‘, like ,Threnody‘ and since that time, nobody did music which is more progressive. Nobody wrote something fresh and new for the strings.“ Penderecki im Interview mit Bruce Duffie, 2000

 

In allen Nachrufen des heute verstorbenen polnischen Kultkomponisten ist zu lesen, dass seine Musik einem breiteren Publikum durch zahlreiche Filme bekannt wurde, darunter Suspense Thriller wie „Shining“, „Der Exorzist“, „Fearless“, oder Shutter Island“. Regisseure wie Martin Scorsese und David Lynch schätzten seine expressive, bisweilen plakative Klangsprache. 

 

An der Wiener Staatsoper gab es eine kleine Aufführungsserie der Oper „Die Teufel von Loudun“ im März 1973 als viel und erregt diskutiertes Gastspiel der Württembergischen Staatsoper. 1986 war nach den Salzburger Festspielen die dort produzierte Oper „Die Schwarze Maske“ drei mal an der Wiener Staatsoper zu sehen. Die für die Spielzeit 2018/19 vorgesehene Auftragskomposition „Phaedra“ konnte allerdings nicht mehr realisiert werden. Penderecki war insgesamt mit seiner Instrumentalmusik erfolgreicher als mit seinen Opern. 

 

Wichtig ist die Erkenntnis, dass Penderecki alle Extreme der Avantgarde durchschritten hat, bevor er sich wieder traditionelleren Schreibweisen zuwandte (siehe den einleitenden Interviewausschnitt). Eine (kluge) Entscheidung, die ihm den Rüffel einiger Komponistenkollegen, aber den Dank des Publikums bescherte.  

 

Wir wollen heute der Musik des Grandseigneurs aus Krakau unsere Aufmerksamkeit schenken. Das London Philharmonic Orchestra veröffentlicht aktuell aus seinen Archiven Live-Mitschnitte herausragender Konzerte. So auch geschehen am 14. Februar 2020, wo zwei Konzerte aus der Royal Festival Hall, die Michal Dworzynski am 27. November 2013 und Penderecki selbst am 14. Oktober 2015 geleitet hat, auf CD erschienen sind. 

 

Das Hornkonzert „Winterreise“ 2008 im Auftrag der Bremer Philharmonischen Gesellschaft und für den kroatischen Solisten Radovan Vlatkovic (der auch der Solist der Londoner Aufnahme ist) geschrieben, hat thematisch nichts mit Schuberts berühmtem Liederzyklus zu tun. Vielmehr bestimmen spätromantische Klänge (wer Wagner, Bruckner oder Mahler heraushört, irrt nicht) diese von seinem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Wohnsitz in Luslawice bei Tarnów inspirierte ,musica domestica‘. Die der Jahreszeit entsprechend alpin grundierte Landschaftsstimmung findet ihren kompositorischen Bezug nicht zuletzt in den galoppierenden Rhythmen und dem überschwänglichen Grundton der Waldhornkonzerte von Mozart und Strauss. Der überwiegend in der tiefen Lage gehaltene Hornpart wird in den Kadenzen wie ein Echo von Fagott, Englischhorn oder Bassklarinette gespiegelt. Nebel, ein melancholisches Adagio, ein Begräbnismarsch. Unheimliche Ungewissheiten unserer Existenz in traumhaft wechselnder Klangkulisse.

 

Beim „Adagio für Streicher“ handelt es sich um den dritten Satz von Pendereckis 1995 fertig gestellter Dritter Symphonie, 2013 für Streichorchester adaptiert. Was für ein zart sanftes endloses Sehnen im Nachhall von Mahlers ,Adagietto‘ aus dessen „Fünfter Symphonie“. Stupend, wie die Musiker des London Philharmonic Orchestra die vielen Soli mit Hingabe und klanglicher Bravour meistern. 

 

Das erste Violinkonzert, 1977 von Isaac Stern und dem Basel Symphony Orchestra uraufgeführt, wird auf dem Album vom ungarischen Virtuosen Barnabas Kelemen auf seiner Guarneri aufregend emotional gespielt. Im Duktus neoromantisch verankert, erinnert die düstere, wohl autobiographisch motivierte Klangsprache in ihrer existenziellen Dringlichkeit und satztechnischen Meisterschaft an Shostakovich. Äußerste Stimmungsschwankungen, von elegisch-lyrisch und feierlich bis hin zu den vertracktesten von Zorn und wilder Auflehnung getragenen Ausbrüchen der Violine bestimmen das gewaltige, über 40 Minuten lange Werk. Michal Dworzynski entlockt dem London Philharmonic Orchestra ein Pandämonium an Klängen, deren enorme Bandbreite irisierende Schönheit und schneidende Dissonanten eint. Was für ein kaleidoskopisches, keinen Abgrund scheuendes akustisches Tagebuch.

 

Die „Threnodie für die Opfer von Hiroshima“ aus dem Jahr 1960 gilt als eines der wichtigsten Werke des Komponisten. Die Widmung erfolgte erst nach der Entstehung, als Penderecki nach Assoziationen für den emotionalen Gehalt der Musik suchte. Der Hörer bleibt in Anbetracht des apokalyptischen Sternenhagels, dem roh brutal dissonanten Sound, fassungslos zurück. 

 

Eine wichtige Veröffentlichung, packend musiziert.  

 

Anmerkung: Zur Förderung junger Musiker gründete Penderecki in Luslawice das Krzysztof Penderecki European Center for Music.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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