CD KEVIN PUTS: EMILY – NO PRISONERS BE – musiktheatralischer Liedzyklus nach Gedichten von Emily Dickinson für JOYCE DIDONATO und TIME FOR THREE; Platoon
Hommage an Emily Dickinson zu deren 140. Todestag
„No Prisoner be – where Liberty – [her]self – abide with Thee.“ Letztes Gedicht und Song des Albums

Kennen Sie „The Hours“, jenen Film nach Michael Cunningham’s gleichnamigen Roman mit Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep, der in der Folge von Kevin Puts für die Metropolitan Opera New York als Oper adaptiert wurde? Die Uraufführung 2022 sah die Primadonnen Renée Fleming, Kelli O‘Hara und Joyce DiDonato in den Hauptrollen. Ein Mitschnitt des lohnenswerten Unterfangens nach Virginia Woolfs Novelle „Mrs. Dalloway“ ist bei Erato erschienen.
Nun ist ein neues Opus von Kevin Puts mit dem aussagekräftigen Titel „No Prisoner be“ mit Joyce DiDonato als Gesangssolistin und dem Streichtrio Time for Three erschienen. Alle können sich unter diesem hymnischen „Kein Gefangener sein“ vorstellen, was sie wollen. Emily Dickinson, deren Todestag sich am 15. Mai 2026 zum 140. Mal jährte, und deren zumeist auf Notizzetteln verfassten Gedichte zu ihren Lebzeiten nie offiziell herauskamen, pflegte einen metaphysisch raffinierten, sich jeder Schublade entziehenden Schreibstil.
„No Prisoners be“, das auch bei den Bregenzer Festspielen 2025 auf der Werkstattbühne mit Joyce DiDonato als musikalische Reise in die poetische Welt von Emily Dickinson in 24 Liedern szenisch in der Inszenierung von Andrew Staples aufgeführt wurde, macht da keine Ausnahme. Die nunmehr publizierte Einspielung aus den Abeshouse Studios, South Salem, in New York wurde schon im Februar 2025 produziert.
Will man kein Gefangener sein, so dreht sich der Hauptgedanke logischerweise um den Begriff der Freiheit in einer weiten Auslegung. Jede Variante, die den einzelnen betrifft oder von der er träumt, darf sich in der autobiografisch konnotierten Erzählung der Dickinson angesprochen fühlen.
Wenn man die erste Verszeile „They shut me up in Prose“ als programmatisch begreift, geht es nicht zuletzt um schöpferische Ungebundenheit, Unkonventionalität, das Auflehnen gegen eine gesellschaftliche Erwartungshaltung des „Sosein“-Müssens im Ausdruck. Das zeigt sich in Rückblenden in die Kindheit oder starken Gegenwartsempfindungen. Erinnerungen an eine Lampe, ein Buch, eine Geranie, an die Abneigung, laut und aufdringlich zu sein, steigen wie Seifenblasen an die Oberfläche des Jetzt.
„The Soul selects her own Society then – shuts the door – to her divine Majority.“ Dickinson umrundet Gefühle der Seelenverwandtschaften, der Liebe, des Lebens – weil nicht Sterben -Könnens – der Einsamkeit wie intimer Fantastereien in wundersamen Gedichten. In ihren so ureigenen Sprachbildern und Fragen versetzt sie uns in eine sinnenreiche wie märchenhafte Sphäre und bei allen geheimnisvollen Abgründen in eine traumgewandte gegenweltliche Unwirklichkeit.
Die Gedichte der einzelgängerischen Dickinson sind jede Beschäftigung wert. In oft einfachen, klaren Worten ist sie im Grunde eine expressiv symbolistische, zudem – oder vielleicht gerade nach heutigen Maßstäben – ungemein zeitgemäße Künstlerin, deren individualistischer Geist sich in „No Prisoners be“ über jedes Eingesperrsein mokiert. Denn die Gedanken können überall hin. Sie vermögen es, sehnsuchtsvoll in Hoffnung oder verzagt zu kreisen, auch im engsten Raum noch ihre hochfliegenden Runden zu drehen.
Die Hörerschaft kann sich mit dem Auf und Ab, dem Mäandern zwischen der Formgebung innerer und körperlicher Verfasstheit, zwischen Bodenhaftung und Elysium, Lebenskraft und deren Schwinden, der Enge des Raums und der Unendlichkeit im Kosmos treiben lassen, der zeitlosen Gültigkeit des Texts folgen oder sich der tonalen, differenziert kommentierenden Funktion der Musik überlassen.
Dem Floaten in Worten und Klang wird der obertonreiche, deklamierend gehauchte, lyrisch empfindsame bis dramatische Mezzosopran von Joyce DiDonato, dem großartig aufspielenden und singenden Time for Three Ensemble mit Nicolas Kendall, Charles Yang (Violine, Gesang) und Ranaan Meyer (Kontrabass, Gesang) sowie dem „The Young People’s Chorus of New York City“ in erstaunlichem Maße gerecht.
Ob Kevin Puts Musik in ihrer zwischen Pop, Soul und klassischen Elementen gesetzten Gefälligkeit dem unendlichen Universum der Dickinson gerecht wird oder nicht, möge jede und jeder für sich selbst entscheiden. Nicht zu leugnen ist die Ernsthaftigkeit und das emotionale, sich von selbst mitteilende Engagement, die Begeisterung, mit der alle Mitwirkenden bei diesem seriösen Versuch ans Werk gehen.
Link zur Einspielungssitzung des letzten Songs:
https://www.youtube.com/watch?v=fF8jVMf7EmU&list=RDfF8jVMf7EmU&start_radio=1
Dr. Ingobert Waltenberger

