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CD KARL BÖHM und die STAATSKAPELLE DRESDEN, Edition Staatskapelle Dresden, Vol. 43 und Vol. 45, Edition Günter Hänssler

Karl Böhms erste Dresdner-Aufnahmen und der Mitschnitt seines Dresdner Abschiedskonzerts 1979

27.04.2019 | cd

CD KARL BÖHM und die STAATSKAPELLE DRESDEN, Edition Staatskapelle Dresden, Vol. 43 und Vol. 45, Edition Günter Hänssler

Karl Böhms erste Dresdner-Aufnahmen und der Mitschnitt seines Dresdner Abschiedskonzerts 1979

„Zum ersten Male das weltberühmte Dresdner Staatsorchester auf Schallplatte – zum ersten Male Generalmusikdirektor Dr. Karl Böhm, die größte Hoffnung des deutschen Dirigentennachwuchses.“ Electrola-Hauszeitschrift „Skizzen“ vom Juni 1935. Wenngleich dieser Werbetext die Fakten arg verfälscht – die erste Aufnahmesitzung der Staatskapelle Dresden fand 1923 unter der Leitung des von den Nazis 1933 vertriebenen Fritz Busch statt – so ist jetzt nachzuhören, dass in den 30-er Jahren mit Walzen-Direktmitschnitten Schellack-Aufnahmen in erstaunlicher Tonqualität produziert wurden. Von 1934 an bis 1942 war Karl Böhm an der Dresdner Oper und hat hier unter anderem die Uraufführungen der Richard-Strauss-Opern „Die schweigsame Frau“ 1935 sowie der ihm gewidmeten „Daphne“ 1938 geleitet. Sein Verhältnis zum Komponisten Strauss war persönlich eng, über 200 Briefe von Strauss an Böhm zeugen davon. In gemeinsamen Gesprächen und Wanderungen durch die Sächsische Schweiz und das Erzgebirge formte sich nicht nur Böhms enges Verständnis für Mozart weiter aus.

Der Dirigent Karl Böhm kann nach Anhören der CDs nur als das bezeichnet werden, was er war, als ein Wunder an musikalischem Instinkt, nobler und organisch geatmeter Phrasierung, vollendetem Bewusstsein für die Relation von Form und Inhalt. Er war der prägende Dirigent in meinen jungen Opernjahren. Elektra, Die Frau ohne Schatten, den Rosenkavalier und Ariadne auf Naxos habe ich alle unter seiner Stabführung zum ersten Mal gehört, mit dem argumentative schlecht begründbaren Gefühl, so und nicht anders muss das klingen. Später hatte nur noch Claudio Abbado auf mich eine ähnliche überwältigende Wirkung.

Die jetzt veröffentlichten Aufnahmen sind laut Tonmeister Holger Siedler, der das aufwändige CD-Mastering leitete, auch „heute noch Referenz, was Motivation, Musizierfreude, und auch die Bereitschaft zu Höchstleistungen seitens Musiker, Orchester, Dirigent und auch Tontechnik anbelangt.“ Es handelte sich in der Tat um Live-Mitschnitte ohne nachträgliche Manipulationsmöglichkeiten. Die Spontaneität, die Präzision, aber auch die von Karl Böhm teils hohe Risikobereitschaft, was Tempi, Dynamik und Dramaturgie der überwiegend kurzen Stücke anlangt, übertragen sich noch 80 bis 90 Jahre nach ihrer Entstehung in faszinierender Weise auf den Hörer.

Natürlich sind die aufnahmepolitischen Begleitumstände fürchterlich, wenn man sich vor Augen führt, dass die großen Schallplattenfirmen, nachdem 1937 in Deutschland alle Aufnahmen mit jüdischen Künstlern vom Markt genommen wurden, aus Kommerzgründen rasch die riesige Repertoire-Lücke mit Neuaufnahmen gerade der einnahmeträchtigen „leichten Klassik“ schließen wollten. Dieses gnadenlos harte Wissen im Hintergrund, kann die rein musikalische Seite der Aufnahmen beleuchtet werden: Das Hineinhören in die von einem rein musikalischen Standpunkt aufregenden Aufnahmen zeigt uns Karl Böhm als einen Genauigkeitsfanatiker, aber auch jemanden, der im Augenblick des Musizierens die Zügel schleifen lassen konnte zugunsten „sanglicher“ Ewigkeits-Momente, dramatischer Intensität, auf jeden Fall spannender Ergebnisse auch in einem Nebenrepertoire von instrumentalen Gassenhauern aus der Welt der Operette und der Oper. Das gilt auch für die überwältigenden Schubert Aufnahmen auf der Doppel-CD Vol. 45.

Auf zwei CDs sind die Ouvertüre zur „Fledermaus“, die Zwischenaktmusik aus der Operette „Tausend und eine Nacht“ von Johann Strauß, der „Kaiserwalzer“, die Ouvertüren zu Mozarts „Figaro“ und der „Entführung aus dem Serail“ zu hören. Weitere Ouvertüren und Konzertstücke vonBeethoven, Carl Maria von Weber, Albert Lortzing, Smetana, aber auch temperamentvoll, wenngleich nicht immer ausreichend geschmeidig dirigiertes italienisches Repertoire von Leoncavallo, Mascagni (im Osterchor der „Cavalleria rusticana“ ist Christel Golz als Santuzza zu erleben) und Verdi dürfen hier nicht fehlen. Die Aufnahmen aus der Sammlung Dr. Jens Uwe Völmecke umfassen auch die „Donna Diana“ Ouvertüre von Emil Nikolaus von Reznicek, die „Marche hongroise“ von Hector Berlioz, die „Marche militaire“ von Franz Schubert oder zwei „ungarische Tänze“ (Nr. 5 und 6) von Johannes Brahms. Ein Fach, dessen geforderte Leichtigkeit schon mal zur Seichtigkeit verleitet. Nicht so bei Karl Böhm, der diese Musik genauso ernst nimmt wir eine Symphonie von Bruckner oder eine Oper von Richard Wagner.

Ein Zeitsprung in das Jahr 1979, und zwar genauer zum 12. Jänner: Karl Böhm gibt sein Abschiedskonzert von Dresden mit einem reinen Schubert-Programm, der „Unvollendeten“ und der „Großen C-Dur Symphonie“. Der Rundfunk der DDR war mit seinen Magnetbändern bei diesen ereignishaften Aufführungen voller Energie und atemberaubender Binnenspannung dabei. Trotz des fortgeschrittenen Alters des Dirigenten strotzen die Wiedergaben nur so vor urwüchsigem Musikantentum – ein ausgelassene Tanzerei auf dem Land kommt einem beim Scherzo der C-Dur Symphonie in den Sinn – handfester Erdenhaftung gemischt mit jenem so wienerisch himmlisch-seligen Aufwärts-Staunen, das Schubert und nur Schubert seinen so ganz besonderen idiomatischen Platz zuweist.

Auf CD 1 dieses Vol. 45 hat Hänssler die Aufnahme von Schuberts Fünfter Symphonie vom aus dem Dresdner Hygienemuseum vom 12. Juni 1942 veröffentlicht. Es handelt sich um eine der frühesten Magnetbandaufzeichnungen überhaupt. Die Verwendung von Magnetbändern eröffnete den Rundfunk-Technikern neue Möglichkeiten. Die Rundfunkingenieure hatten jetzt „Tonschreiber“ und das zugehörige Equipment, das für Aufnahmen von bis zu 20 Minuten pro Band taugte. So wurden erstmals komplette Sätze von Sinfonien ohne Pause aufgenommen. Die hier vorgestellte Aufnahme von Schuberts 5. Sinfonie von 1942 ist die erste Magnetophon-Aufnahme der Dresdner Staatskapelle.

Als Nachtisch wird die zwanzigminütige Radiodokumentation „Karl Böhm über Karl Böhm“, eine Produktion des Norddeutschen Rundfunks mit Musikausschnitten aus dem „Rosenkavalier“ 1938 (Walzerfolge) und „Daphne“ 1939 (Finale mit Margarete Teschemacher) vom 6. Oktober 1956 serviert. Böhm erzählt hier über seine nicht immer friktionsfreie musikalische Ausbildung, seine Schulschwänzerei wegen der Proben zum Rosenkavalier und bringt die Bewunderung für Richard Strauss auf den Punkt. Musikalisch werden die beiden Doppel-CDs für die einen eine Offenbarung darstellen, für andere aber immer noch zumindest von hohem historischem Interesse sein.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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