Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD JUSTUS EICHHORN „THE SOURCE“ – Debütalbum eines jungen aufstrebenden Pianisten; Deutsche Grammophon

29.09.2026 | cd

CD JUSTUS EICHHORN „THE SOURCE“ – Debütalbum eines jungen aufstrebenden Pianisten; Deutsche Grammophon

Technisch-virtuos bewundernswert, musikalisch-stilistisch unausgewogen, programmatisches Allerlei

gramo

„Meine eigenen Stücke entstehen meist aus Improvisationen, Ausgangspunkt sind dabei innere Bilder, deren Stimmung und Bewegung ich in Klang verwandle.“ Justus Eichhorn

Ein neuer Name in der Welt der Pianisten, ein Vertrag mit der Deutschen Grammophon. 2009 im thüringischen Weimar geboren, will Justus Eichhorn mit seinem Debütalbum an der „Quelle“ ansetzen und „die reiche Musikgeschichte seiner Geburtsstadt anhand von Werken von J. S. Bach, Felix Mendelssohn, Franz Liszt, Paul Hindemith, Franz Schubert, R. „Strauss, Vivaldi und Carl Czerny nachzeichnen.“

Vier Stücke mit den in typisch neoklassischer Manier Akkord an Akkord fügenden oder aus einfachen Melodien sich speisenden, meditativ einschmeichelnden Titeln „Silent Fields“, den auf einem Upright Piano hallig gespielten „Intermission“ und „Aurelian“ sowie das stilistisch an Minimal Music anknüpfende „Silent Fields“ steuert der Jungsolist kompositorisch selbst bei.

Beginnen wir bei den verblüffenden, auf Anhieb mitreißenden Kostproben aus dem musikalisch aleatorisch zusammengewürfelten Album: Mit der das Album eröffnenden Etude in g-Moll, op. 740/14 von Carl Czerny gibt Justus Eichhorn einen kleinen Einblick in seine virtuosen Fertigkeiten Und die sind beträchtlich. Eichhorn verfestigt diesen Eindruck mit Czernys Etude in B-Dur, op. 740/19, die in glitzernden Perlagen ihren Effekt nicht verfehlt.

Das Italienische Konzert in F-Dur, BWV 971, von Johann Sebastian Bach zeigt Justus Eichhorn als einen Pianisten, der mit angenehm trockenem Anschlag und strukturell gut durchleuchtet wesentliche Facetten von Bachs großer Kunst vor allem im Allegro und Presto bei strikt gehaltenen Tempi abbildet. Im sehr langsam gespielten Mittelsatz/Andante spart der Solist nicht mit eigenwilligen Rubati und einer gewöhnungsbedürftigen romantischen Geste. Letzteres gilt auch für das „Adagio“ aus Bachs Concerto in D-Dur, BWV 974, nach einer Invention von Alessandro Marcello.

Antonio Vivaldis „Largo“ aus dem Flötenkonzert in C-Dur, RV 443, lässt Eichhorn neblig verhangen in seltsam impressionistischer Manier abschnurren, während er bei Franz Liszts „Consolation Nr. 3“, „Liebestraum“ Nr. 3, „Pater Noster“ sowie Liszts Bearbeitung des Schubertschen Ständchens aus der Nr. 4 des „Schwanengesangs, D 957 völlig auf Emotionalität und sehnsuchtsvolles Schmachten setzt, also selbst in die Rolle des Bildes eines romantischen Künstlers zu schlüpfen scheint.

Völlig auf Gefälligkeit und kuschelig weich gezeichneten Sound ist Felix Mendelssohns „Lied ohne Worte“, op. 30/1, Andante espressivo, getrimmt, während Franz Schuberts „Heidenröslein“ in der Bearbeitung für Klavier solo von Alfred Cortot erzählerisch poetisch nachschöpfend in empfindsamer Kantabilität wesentlich mehr überzeugt.

Paul Hindemiths kurze Ausschnitte (Müdigkeiten, sehr langsam) aus dessen „In der Nacht…“, op. 15, „Träume und Erlebnisse“ treffen jenen introvertierten Kern, auf den sich der Pianist in seinen Ausführungen im Booklet des Öfteren bezieht, während das äußerst lebhafte Scherzo seiner Vortragsbezeichnung durchaus gerecht wird.

Richard Strauss, der in Weimar 1889 Kapellmeister des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach wurde und bis 1894 blieb, ist mit der Max Reger-Bearbeitung des Liedes „Morgen“ vertreten.

Das Album schließt pianistisch großartig mit dem literarisch von Nikolaus Lenau inspirierten Mephisto Walzer Nr. 2 von Franz Liszt. Justus Eichhorn kann hier endlich nach sehr vielen Soft-Nummern wieder seine brillante Pranke, seine musikantische Ader, detailreich aufgefächerte kontrastierende Stimmungen und ein pianistisches Temperament vorführen. Bitte das nächste Mal mehr davon!

Ende gut, alles gut? Nein, denn entweder will Eichhorn vorwiegend ein PR-breitentauglicher, klanglich gefälliger Unterhalter sein, der die träumerisch, lyrisch verbrämten Aspekte eines Teils des Publikums, der „Häppchen-Philosophie“ der Streaming Dienste sowie der immer mehr auf leichte Genießbarkeit gepolten „Klassik“-Radioprogramme erfüllt oder er will ein gnadenlos selbst bestimmter Pianist von Rang sein, der unter halsbrecherischer Bravour, individuellem Zugriff und struktureller Klarheit mit originellen Programmen überzeugt. Darauf gibt dieses Album mit einer teils zweifelhaften Weimar-Konnotation (Schubert?) nämlich keine Antwort.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken