CD JULES MASSENET: Orchesterlieder II – PIERRE DUMOUSSAUD dirigiert das Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen; Bru Zane

Eine editorische Großtat bildet der Abschluss der Aufnahme aller Orchesterlieder von Jules Massenet. An die 50 Mélodies für Singstimme und Orchester sind es, die Massenet im Lauf seines Lebens schrieb und die nach intensiven Forschungen nach und nach aufgefunden wurden. Die erste Einspielungstranche erfolgte 2020. Hervé Niquet dirigierte damals das Orchestre de chambre de Paris.
Nun folgen 23 Lieder unter der Stabführung von Pierre Dumoussaud nach, wovon zehn gleichermaßen auf die Zyklen „Chansons des bois d’Amaranthe“ sowie „Expressions lyriques“ verteilt sind. Den erstgenannten Zyklus nach den Gedichten Amaranths Waldeslieder des Oskar von Redwitz-Schmölz gibt es als Sammlung von Chorwerken mit Klavierbegleitung, und in der Fassung für Solistenquartett in variabler Besetzung und Orchester. Massenet komponierte die fünf Stücke 1901 und orchestrierte sie 1902, ohne dass es zu einer Veröffentlichung gekommen wäre.
Die „Expressions lyriques“ wurden für die Opernsängerin Lucy Arbell geschrieben, einer Altistin, die auch als Widmungsträgerin von Opernrollen wie Perséphone (aus „Ariane“) und Posthumia (aus „Roma“) in Erscheinung trat. Wie fließend der Prozess der Erkundung, Edition und Aufnahme sich gestaltete, ist auch daran abzulesen, dass etwa das 1912 verfasste späte Lied „La Nuit“ erst knapp vor dem Abschluss des Projekts aufgefunden wurde.
Die stilistische Bandbreite der Gesänge erweist sich im Rahmen der typisch spätromantisch schwärmerischen Grundierung als ausgesprochen vielfältig. Der Duktus der Nummern reicht von volkstümlich, belcantistisch ornamentiert, melodramatisch unterlegt bis opernhaft ausladend. Bis auf die rein instrumentale Entracte -Sevillana aus „Don César de Bazan“ (track 5) handelt es sich bei allen Mélodies um Weltersteinspielungen.
Die Vokalbesetzung mit Hélène Guilmette (Sopran), Marie-Andrée Bouchard-Lesieur (Mezzo), Julien Henric (Tenor) und Thomas Dolié (Bariton) wird eher den dramatischen denn aufgrund des ausgeprägten Vibratos der Frauenstimmen den lyrisch verhalteneren Momenten gerecht. Die Instrumentalbegleitung lässt den Stimmen auch aufnahmetechnisch höflich den Vortritt:
Ein Raritätenalbum für eingefleischte Massenet Fans.
Dr. Ingobert Waltenberger

