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CD: Joseph Haydn Vol.18 Il Maestro di Scuola Kammerorchester Basel Giovanni Antonini, musikalische Leitung Alpha Classics, ALPHA1092

02.12.2025 | cd

CD: Joseph Haydn Vol.18 Il Maestro di Scuola Kammerorchester Basel Giovanni Antonini, musikalische Leitung Alpha Classics, ALPHA1092

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Antonini lässt Haydn springen

Es gibt CDs, die wirken wie ein Überraschungsbesuch von jemandem, der immer gute Laune mitbringt. Man macht auf, hat vielleicht noch den Einkaufszettel in der Hand, und plötzlich steht Haydn im Flur, grinst breit und sagt: „So, jetzt spielen wir mal wieder ein bisschen.“ Genau diesen Effekt hat die neue, mittlerweile 18. Folge der Haydn2032-Reihe. Giovanni Antonini und das Kammerorchester Basel haben sich erneut zusammengesetzt, um dem alten Joseph ein frisches Politurbad zu gönnen. Und wie sie das tun, ist schon nach wenigen Takten klar.

Die C-Dur-Sinfonie Nr. 56 öffnet nicht dezent die Tür, sondern tritt energisch ein. Pauken und Trompeten melden sich im Breitformat und erklären unmissverständlich, dass man bitte zuhören möge. Die Akustik gibt dem Ganzen Platz, der Klang fächert sich weit auf. Das Kammerorchester Basel spielt, als hätte es eine interne Absprache getroffen: Wir schenken diesem Satz so viel Drive, dass sich Haydn selbst verwundert am Kopf kratzen würde. Allegro di molto meint hier nicht Bewegung, sondern Schwung mit Ansage. Trotzdem bleibt alles elegant, nichts poltert, nichts wird zum Selbstzweck.

Das Adagio zeigt dann die Zartbesaitung, die dieses Ensemble so gut beherrscht. Die Streicher singen mit ruhigem Atem, die Holzbläser stehen ihnen innig zur Seite. Das Tempo lässt genug Raum für Phrasen, die wirklich tragen dürfen. Kein Zug am Arm, keine gekünstelte Spannung, sondern ein klarer, atmender Satz, der genau deshalb so rührt. Das Menuett nimmt sofort die Zügel in die Hand, energisch, aber verspielt. Und das Finale ist ein Sturm, den man gern mitmacht. Ein Prestissimo, das einem über die Füße läuft, aber mit solcher Übersicht gestaltet wird, dass man jedes Detail im Auge behält. Die Zusammenarbeit zwischen Antonini und dem Kammerorchester Basel wirkt dabei so selbstverständlich, dass man kaum merkt, wie hoch der Anspruch ist.

Weiter geht es mit der E-Dur-Sinfonie Nr. 29, die hier eine andere Farbe bekommt. Die Streicher legen den Boden, auf dem die Bläser mit hörbarem Selbstbewusstsein tanzen. Holzbläser und Hörner formen das Klangbild entscheidend, dirigieren gewissermaßen das Geschehen. Das Andante hat ein wunderbar unangestrengtes Tempo. Man fühlt sich wie bei einem Spaziergang durch eine helle Wandelhalle: genug Bewegung, um lebendig zu sein, genug Ruhe, um die Details zu bemerken. Die Melodiebögen laufen einander zu, ziehen sich zurück, antworten. Ein Satz, der durch Natürlichkeit wirkt.

Im Menuett zeigen die Streicher, wie man große Abschnitte wirklich ausspielt. Das Kammerorchester Basel phrasiert darum, als sei das selbstverständlich, ist es aber nicht. Das Trio bringt einen Moment der Entspannung, bevor das Finale antritt. Und dieses Finale Presto ist eine Freude. Die Präzision der rhythmischen Akzente macht den Satz zu einem kleinen Motor. Alles läuft rund, aber nie glatt. Man hört Musikalität, nicht Mechanik. Diese Interpretation zeigt, wie lebendig frühere E-Dur-Haydns sein können, wenn man sie nicht als Pflichtübung, sondern als Spielfläche versteht.

Nun steht die Es-Dur-Sinfonie Nr. 55, „Il maestro di scuola“, an. Der Spitzname sorgt oft für falsche Erwartungen, denn hier unterrichtet kein grummeliger Schulmeister, sondern einer, der heimlich Spaß an der eigenen Überzeichnung hat. Der erste Satz wird rustikal eröffnet, rhythmisch klar, tänzerisch, und mit genug Augenzwinkern, dass man sich beim Zuhören unwillkürlich schmunzeln sieht. Antonini und das Kammerorchester Basel treffen genau diesen Ton zwischen Parodie und Ernsthaftigkeit.

Das Adagio bewegt sich auf Zehenspitzen. Die Idee wirkt wie ein spontaner Einfall Haydns, der sich selbst damit überrascht hat. Die Basler spielen es mit schlanker Eleganz, wodurch der Satz leicht schwebt. Das Menuett hat etwas Behäbiges, liebevoll gezeichnet und gerade deshalb sehr bildhaft. Es zeigt Charakter und wirkt wie eine kleine Szene, ohne in Klamauk abzurutschen. Das Finale bringt dann ein quirliges Katz- und Mausspiel, bei dem das Orchester agil durch die Motive flitzt und dabei die Farben lustvoll gegeneinander ausstellt. Man ist bestens unterhalten, ohne dass die Musik je zum Selbstzweck wird.

Zum Schluss folgt das überlieferte Finale aus Franciszek Lessels Fünfter. Ein Satz, der sofort brennt. Molto presto ist hier keine Floskel, sondern musikalische Dringlichkeit. Das Kammerorchester Basel steht im Feuer, aber nie im Chaos. Die Energie rast durch den Raum, und man versteht schnell, warum Antonini diesen Satz gern als Zugabe in dieses Programm setzt. Es ist ein wilder, unbekannter Verwandter der Haydn-Stürme aus den 1770ern, und er bekommt hier eine Bühne, die ihm gut tut.

Was bleibt nach diesem Programm? Vor allem das Gefühl, dass diese Serie ihren Erfolg nicht Zufall nennt. Antonini und das Kammerorchester Basel schenken Haydn Farbe, Geist, Humor und klare Kanten. Sie spielen nicht brav historisch informiert, sondern hellwach und mit Lust. Jedes Werk bekommt Profil, jedes Detail Aufmerksamkeit, aber nichts wird überladen.

Diese 18. Folge ist ein Volltreffer. So engagiert, so lebendig und so direkt macht Haydn echten Spaß. Eine CD, die man gern weiterreicht. Unbedingte Empfehlung.

Dirk Schauß, im Dezember 2025

 

Joseph Haydn Vol.18

Il Maestro di Scuola

Kammerorchester Basel

Giovanni Antonini, musikalische Leitung

Alpha Classics, ALPHA1092

 

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