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CD JOSEPH HAYDN: Streichquartette Nr. 81 & 82 (op.77 Nr.1 & 2) & Folk Music aus Schottland; Linn

15.01.2025 | cd

CD JOSEPH HAYDN: Streichquartette Nr. 81 & 82 (op.77 Nr.1 & 2) & Folk Music aus Schottland; Linn

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Das Tonträgerdebüt 2019 des Maxwell Quartetts war Haydns drei Streichquartetten Op. 71 gewidmet. Schon damals verwirklichten die vier Herren des Quartetts ihre Idee, die Quartette mit eigenen Arrangements schottischer Volksmusik zu einer sinnstiftenden Einheit zu verbinden. Was gut passte, diente ja auch Joseph Haydn Volkstümliches oftmals als Ausgangsmaterial für die Musik seiner aristokratischen Auftraggeber. 2021 folgte der zweite Streich des programmatischen Erfolgsrezepts mit Joseph Haydns Streichquartetten Op.74 Nr.1-3. Dazwischen waren traditionelle Titel aus den Highlands, den Shetlandinseln sowie Musik von Niel Gow, Jean Finlayson und Isaac Cooper gestreut.

Aller guten Dinge sind drei. Die vier aus Schottland stammenden Freunde, die sich 2010 zum Maxwell Quartett zusammengeschlossen hatten, bleiben auch bei dieser Publikation bei ihrer Kombination aus „Klassischem“, geschmackig gewürzt mit schottischer Folklore. Nun sind es Joseph Haydns zwei Quartette Op. 77, die sich gut mit dem „Captain Campell’s March“, „Master Francis Sitwell – The Marquis of Tullibardine – Miss Cameron of Balvenie“ und „Hector the Hero“ vertragen.

Wer daran interessiert ist, welche Laute ein Streichquartett etwa bei „Captain Campbell`s March“ erzeugen kann, der höre. Das tönt nach Fidel, Dudelsack und Flöten, dabei sind „nur“ diese vier Könner (Colin Scobie Violine 1, George Smith Violine 2, Elliott Perks Viola, Duncan Strachan Cello) mit ihrem ausgeprägten klanglichen und agogischen Vorstellungsvermögen am irdischen Werk.

Ein wenig muss ich an Helmut Qualtingers „Wilden auf der Maschin“ denken, wenn ich dem energiestrotzenden Spiel der vier Musiker lausche. Natürlich wissen Sie ganz genau, wohin sie wollen. Aber das Maxwell Quartett verkörpert musikalisch unsere Sehnsucht nach einer (imaginären) Verwegenheit und sich jeder Geradlinigkeit entziehenden Lebensgier, zu einem wunderlich feinziseliertem, stets viril zupackendem Miteinander modelliert. „Ihr Haydn“ folgt einer abenteuerlichen Fährtenspur des Originären, oder wie sie es selbst sagen, empfinden sie diesen Ausflug nicht an jeder Ecke als alarmierend, sondern vielmehr als „familiär, vertrauensvoll, erhellend“ und mit immer neuem Lachen, neuen Tränen sowie tiefgreifenden Fragen an jedem Schritt des Wegs verbunden.

Haydn hat seine letzten Streichquartette Op. 77, dem Prinzen Lobkowitz gewidmet im Jahr 1802 veröffentlicht. Der musische Adelige hatte bei Beethoven und Haydn zugleich jeweils sechs Quartette bestellt, Haydn hatte nur zwei davon geliefert. Das erste der beiden Quartette in G-Dur („brillant, rätselhaft, jugendlich und licht“) beginnt mit einem frechen Marsch, also hat das Maxwell Quartett als Einstimmung einen alten schottischen Dudelsackmarsch in D-Dur gewählt. 

Imponierend an der Interpretation sind ein Verstärkereffekt, eine stete, in Kontrasten zugespitzte Intensivierung im Allegro moderato, aber auch eine poetische Sanglichkeit im Adagio, einem der schönsten Sätze aus Haydns Feder überhaupt. Der Bezug zu dem langsamen schottischen Strathspey („Master Francis Sitwell“) von Nathaniel Gow findet sich im hymnischen Thema des zweiten Satzes, während das rasende Finale-Presto mit der Version des Maxwell Quartetts von William Marschalls „Miss Cameron of Balvenie“ korreliert.

Für das zweite Quartett Op. 77 in F-Dur („kontrapunktisch überlegt, nobel, harmonisch zukunftsweisend, flüsternd abschiedstrunken“) findet das Maxwell Quartett seine Linie zwischen bodenständiger Kompaktheit, sublimer Balance zwischen den vier Playern, geschärften Rhythmen und akkuratem Bogenstrich.

Auf jeden Fall erweisen die „Maxwells“ dem Widmungsträger des Albums, gleichzeitig also ihrem Lehrer, Hatto Beyerle, alle Ehre. Zur Erinnerung: Dieser begnadete Kammermusiker, Dirigent und Pädagoge hat 1970 gemeinsam mit Günter Pichler das Alban Berg Quartett gegründet, deren Zyklen ich jahrelang im Wiener Konzerthaus begeistert gefolgt bin.

Den Abschluss des Albums bildet James Scott Skinners „Hector the Hero“. Dieser schottische Geiger, Komponist und Tanzmeister hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen besonderen Freund, den Generalmajor Hector MacDonald, nach dessen Selbstmord betrauert. Die einfache Melodie soll ein Echo auf das Andante in Op. 77, Nr. 2 bilden und kann als Hommage auf den eigenen Helden des Quartetts, unseren „Papa Haydn“, gedacht werden.

So gut und aromatisch wie ein alter Single Malt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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