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CD JOSEPH HAYDN: PARISER SYMPHONIEN Nr. 84, 85, 86, 87, 1. Violinkonzert. LES ARTS FLORISSANTS; William Christie, harmonia mundi

25.09.2023 | cd

CD JOSEPH HAYDN: PARISER SYMPHONIEN Nr. 84, 85, 86, 87, 1. Violinkonzert – LES ARTS FLORISSANTS, WILLIAM CHRISTIE; harmonia mundi

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Dank der Tätigkeit der französischen Verleger Imbault und Sieber standen Symphonien deutscher Komponisten im ausgehenden 18. Jahrhundert in Paris hoch im Kurs. Besonders Haydns universelle, finessenreiche, kulinarisch-getrüffelte und humorvolle Art des Komponierens traf offenbar mitten ins musische Herz des wählerischen französischen Musikgeschmacks. Wie anders wäre es zu erklären, dass die berühmte Pariser Konzertveranstaltungsreihe Concert spirituel mit den exquisitesten Interpreten Europas regelmäßig Haydns Symphonien oder dessen „Stabat mater“ programmierten. Zwischen 1777 und 1790 sollen laut Constant Pierre alleine in den Concerts spirituels insgesamt 256-mal Haydn Symphonien aufgeführt worden sein. Aber auch andere weniger elitäre Konzertveranstalter schlossen sich unverdrossen dieser Mode an.

Eine besondere Rolle spielten in diesem Zusammenhang die an gesellschaftlicher Bedeutsamkeit zunehmenden Freimaurer, und im Besonderen die Loge Olympique, die sich ab 1782 auf die Fahnen geheftet hatte, „die Musik zu pflegen und vorzügliche Konzerte zu geben.“ Die Veranstaltungen fanden in für damalige Verhältnisse äußerst großen Besetzungen mit bis zu 65 Orchestermitgliedern vorwiegend im „Saal der hundert Schweizer“ in den Tuilerien statt.

Comte Claude-François-Marie Rigoley d’Ogny, einer der beiden Gründer der Loge und selbst Cellist, bestellte alsbald unter Vermittlung des Komponisten und Konzertmeisters Chevalier de Saint-George bei Joseph Haydn sechs Symphonien für die Musikgesellschaft „Le Concert de la Loge Olympique“. Haydn erhielt für jede davon 25 Louis d’or plus fünf Louis d’or extra pro Werk für die Rechte. Haydn, der 1786 selbst der Wiener Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ beitrat, lieferte seine sechs Meisterwerke, i.e. die Sinfonie Nr. 82 in C-Dur „L’Ours“ (Der Bär), die Sinfonie Nr. 83 in g-Moll „La Poule“ (Die Henne), die Sinfonie Nr. 84 in Es-Dur, die Sinfonie Nr. 85 in B-Dur „La Reine“ (Die Königin), die Sinfonie Nr. 86 in D-Dur und die Sinfonie Nr. 87 in A-Dur  im Lauf der Jahre 1785 und 1786 ab.

William Christie, seit 1979 Chef des auf historischen Instrumenten oder entsprechenden Nachbauten spielenden Ensembles „Les Arts Florissants“, führte in zwei Konzerten 2020 und 2022 die letzten vier dieser „Pariser Symphonien“ in der Cité de la Musique Paris auf und ergänzte sie um das von ihm besonders geschätzte Violinkonzert Nr. 1. Bei letzterem übernahm der junge Geiger Théotime Langlois de Swarte vom Bogen aus die musikalische Leitung.

Bei der Besetzung des Orchesters orientierte sich Christie an derjenigen, die Joseph Haydn auf Esterhàza zur Verfügung stand, d.h. eine Flöte, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner, erste und zweite Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe, bei der Symphonie Nr. 86 kamen zusätzlich zwei Trompeten und Pauken zum Einsatz.

Kleine Kostprobe gefällig? https://www.harmoniamundi.com/de/alben/haydn-paris-symphonies-violin-concerto-no-1/

William Christies musikalisch anmutig-elegante und doch von neugierigem Hinterfragen geprägte Reifezeit beschert uns eine ausgesprochen strukturell ausbalancierte, feinsinnlich höfische Haydn-Exegese, den lautmalerischen Gestaltungsübermut Haydns präzise, mit lockerer Hand und einem Lächeln auf den Pariser Salonlippen auskostend. In den Tempi vor allem der Kopfsätze auffällig flotter als Nikolaus Harnoncourt in seiner berühmten Einspielung mit dem Concentus Musicus Wien, wirkt Christies Ansatz fluider und subtiler phrasiert andere, primär kontrastverhafteten, rhythmisch kantigeren Sichtweisen. Christie setzt auf knusprig geschichtete Pastelltöne und freier schwingende Rhythmen. Das Album überzeugt mit einem duftig pointierten Haydn, der zauberische Phantasmen mit dem Flair der französischen Hauptstadt feudalpannonisch vor unseren Ohren erstehen lässt.

Wahrlich vergnüglich!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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