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CD JOSEPH HAYDN „MISSA CELLENSIS“, NICCOLO JOMMELLI „TE DEUM“, „MESSE IN D-DUR“; ORFEO

16.05.2021 | cd

CD JOSEPH HAYDN „MISSA CELLENSIS“, NICCOLO JOMMELLI „TE DEUM“, „MESSE IN D-DUR“; ORFEO

 

Budget-Neueditionen zweier Perlen geistlicher Musik aus dem Katalog von Orfeo

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Neben Leonard Bernstein war es wohl Rafael Kubelik, der es wie kaum ein anderer vermochte, den meisterlichen Messkompositionen Haydns jene spirituelle Glut, aber auch opernhafte Dramatik einzuhauchen, die es bedarf, um die Qualität dieser wahrlich himmlischen Musik voll auszukosten zu können. Orfeo veröffentlicht nun den 1982 in der Basilika Ottobeuren entstandenen Live-Mitschnitt der „Missa Cellensis in honorem Beatissimae Virginis Mariae“ (oder Große Mariazeller Messe) mit dem luxuriösen Solistenquartett Lucia Popp, Doris Soffel, Horst Laubenthal und Kurt Moll, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Chor des Bayerischen Rundfunks unter der musikalischen Leitung von Rafael Kubelik als preisgünstige Doppel-CD, gepaart mit Niccolò Jommellis „Te Deu“ in D-Dur und seiner „Messe in D-Dur“ mit Judy Berry, Marta Benackova, John la Pierre und Nikolaus Meer als Solisten, den Virtuosi di Praga unter der Stabführung von Hilary Griffiths aus dem Jahr 1997.

 

Rafael Kubelik und seinen exzellenten Mitstreitern (welcher lyrische Sopran glänzte je mehr mit einem mitreissenden Jubelton als die junge Lucia Popp?) verdanken wir eine auf Tonträgern erhaltene, nun digital restaurierte Sternstunde dieser 70 Minuten langen, fünften Messe, die Haydn hochwahrscheinlich für die Mariazeller Prunkwallfahrten geschrieben hatte. Besonders das 30 Minuten lange Gloria ist ein himmeljauchzendes Gotteslob, das aber auch Gefühlen wie Furcht, Demut und Dankbarkeit in lange geflochtenen melodischen Bögen, kunstreich dicht gedachten kontrapunktischen Verarbeitungen wahrlich seligen Ausdruck verleiht. In der ausladenden Fuge „In gloria dei patris“ glänzt der Chor des Bayerischen Rundfunks durch großen Ton, präziseste Diktion, eine beispielhafte Ausgewogenheit der Stimmgruppen. Gegen Ende der Fuge puscht Lucia Popp ihren Sopran zum Chor in lichte Höhen. Wer so einen Sonntag beginnt, dem kann nichts mehr etwas anhaben. Aber auch der großartige Tenor Horst Laubenthal ist hervorzuheben, der im „Et incarnatus est“ einmal mehr zeigt, wie eine top sichere Technik und ein intensiver Ausdruckswillen abseits jeglichen Startums zu berührenden Höchstleistungen führen können. Mit dunkel samtig leuchtenden Tönen vervollkommnen Doris Soffel und Kurt Moll eine Solistenschar ohne Fehl und Tadel.

 

Der ab 1753 am württembergischen Hof wirkende Niccolò Jommelli ist Barockmusikbegeisterten längst aufgrund seiner originellen Opern wie „Armida abbandonata“ und „Il Vologeso“ (siehe meine Online-Merker Besprechung vom 28.4.2018), die in hervorragenden Aufführungen konserviert sind, bekannt. Von nicht minder individueller Pracht in einem wohldosiert gemixten italienisch-französisch-deutschen Stilhybrid zeugen sein 1756 entstandenes „Te Deum“ und die späte „Messe in D-Dur“ aus dem Jahr 1766. Die Prager Aufnahmen aus 1997 unter der gediegenen musikalischen Leitung von Hilary Griffiths lohnen das Kennenlernen. Besonders das „Te Deum“ mit seinen prunkvollen Trompetenfanfaren dürfte aufgrund seiner noch kompakteren Konzeption als Bruckners Meisterwerk für Überraschungen sorgen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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