CD JOSEPH HAYDN: LA CRÉATION DU MONDE – mit Le Concert de la Loge unter JULIEN CHAUVIN; Alpha
Musikalisch triumphal! Doch Haydns französisch gesungene „Die Schöpfung“ funktioniert genauso gut oder vielmehr schlecht wie „Carmen“ in deutscher Sprache

Die hier auf Platten festgehaltene Version der französischen Premiere der „Schöpfung“ vom 24.12.1800 in der Opéra de Paris ist mit einem misslungenen politischen Anschlag verbunden. Alexandre Dratwicki (Palazzetto Bru Zane) nimmt darauf in seinem Exposée „Eine explosive Schöpfung“ Bezug. Die verspätete Explosion der „Höllenmaschine“ in der Rue Saint-Nicaise richtete sich gegen einen gewissen Bonaparte, Erster Konsul der Republik. Der Bombenanschlag royalistischer Verschwörer mittels eines mit Pulver und Metalltrümmern gefüllten Karrens auf Napoleons Weg zur Oper scheiterte daran, dass seine Kutsche „zu flott“ unterwegs bzw. die Attentäter zu langsam waren. Trotz vieler Toten und über ein Dutzend zerstörter Häuser ließe es sich Napoleon nicht nehmen, der französischen Erstaufführung von Haydns „La Création du Monde“ zu lauschen. Freilich war die gigantische Explosion auch im Konzertsaal zu hören.
Ganz ausgeschlossen, dass die zwei Jahre nach der Wiener Premiere des hochverehrten Joseph Haydns neuem Oratorium in Paris erfolgte Erstbegegnung mit „La Création“ in deutscher Sprache stattgefunden hätte. Also verfasste Joseph-Alexandre de Ségur auf Basis einer Übersetzung des deutschen Komponisten Daniel Steibelt ein Libretto in Versform. Letzterer war es auch, der die Rezitative auf einem Hammerklavier begleitete, während Jean-Baptiste Rey die Aufführung mit der Legende nach 313 Musikern (laut dem frz. Musikwissenschaftler François Henri Joseph Castil-Blaze) dirigierte.
Die über das konkrete Ereignis hinausreichende musikhistorische Bedeutung dieser französischen „Schöpfung“ ist jedoch eine ganz andere: Da die Kirche über Ostern die Aufführung banal unterhaltsamer Opern und Symphonien untersagte, sprang die Pariser Oper auf den klugen Zug auf, in dieser Zeit Werke religiösen Zuschnitts aufzuführen bzw. zu bestellen. Dratwicki: „Letztlich verdanken wir Haydn damit die Entstehung von Kalkbrenners „Saul“, Persuis‘ „Jérusalem delivrée“, Lesueurs „La Mort d‘Adam“, Kreutzers „La Mort d’Abel“ sowie Rossinis „Moses“ während der Epoche der Restauration. Sechs Neuschöpfungen zum Preis von einer.“
Gesichert ist jedenfalls, dass dem formidablen Julien Chauvin, einem der interessantesten und innovativsten Orchesterleiter der jüngeren Generation bei seinem Konzert im Rahmen des Festivals de Saint-Denis in der Basilique de Saint-Denis am 6.6.2023 keine so große Anzahl an Mitwirkenden wie am 24.12.1800 zur Verfügung stand. Le Concert de la Loge trat mit 40 Instrumentalisten an, der Choeur de Chambre de Namur in kammerchorischer Formation fand mit 25 Sängerinnen und Sängern das Auslangen.
Der Kritiker findet sich nun in einer doppelt unangenehmen Situation. Obwohl das Französische aufgrund langjähriger beruflicher Tätigkeit in Paris und einer veritablen französischen Sprachbesessenheit zu meiner ersten Fremdsprache zählt, müsste ich theoretisch sozusagen einer derjenigen sein, der diese französische Version zu schätzen weiß. Das ist jedoch nicht der Fall. Die französische Sprache bleibt bei aller Liebe aufgrund der vielen onomatopoetischen Sprachbilder, Rhythmik und Phrasierung, all dem Deutschen im Innersten assimilierten Rezitativen, Arien, Ensembles und Chören ein eigenartiger Fremdkörper.
Davon abstrahiert bildet die musikalische Umsetzung einen veritablen Triumpf an Dramatik, instrumentaler Expressivität sowie erzählerisch anschaulicher Kraft. Julien Chauvin weiß Haydns so einzigartig von drei Solisten und Chor kommentierten Bericht über die sechs Tage der Schöpfung orchestral akzentuiert und vokal berauschend freudvoll zu gestalten. Rein instrumental – natürlich auf das klanglich humorig-Drastische voll ausschöpfenden historischen Instrumenten dargeboten – bilden die Beschreibung des Chaos vor der Schöpfung, der Aufgang der Sonne oder die launig Tierlaute imitierende Erschaffung der verschiedenen Arten vielleicht überhaupt das Äußerste an bildhafter Imagination in der so reichen Diskografie des Werks. Chauvin wählt flüssige bis rasant zupackende Tempi. Seine Interpretation ist damit das Gegenteil von gemütlicher Beschaulichkeit. Da Gott ja auch kreativen Zunder vorgelegt hat in diesen wenigen Tagen, passt das bestens zur biblischen Vorlage.
Die Solisten sind mit der lyrisch überaus liebreizenden Julie Roset als Engel Gabriel und Eva, dem heldischen Stanislas de Barbeyrac als Uriel und vor allem dem balsamischen Wohllaut verströmenden Nahuel di Pierro als Raphael und Adam optimal besetzt. Die den Schöpfungsjubel unglaublich intensiv zelebrierenden Chöre „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ (‚La terre, le ciel sont pleins de tes ouvrages‘), „Vollendet ist das große Werk“ (‚ll est fini l’oeuvre éclatant‘) bzw. „Singt dem Herren alle Stimmen!“ werden unter Chauvins Stabführung zu Gipfeln musikalisch hymnischen Gotteslobes.
Fazit: Eine musikalische Referenzaufnahme. Wen in diesem speziellen Kontext die französische Sprache nicht stört, wird sich daran himmlisch erfreuen. Allen anderen, besonders einem rein deutschsprachigen Publikum, ist von dem Album trotz aller grandiosen interpretatorischen Qualitäten abzuraten.
Dr. Ingobert Waltenberger

