CD JOSEPH HAYDN: HARMONIEMESSE, MISSA BREVIS SANCTI JOANNIS DE DEO; harmonia mundi
WILLIAM CHRISTIE und Les Arts Florissants mit einer knapp geatmeten, spirituell unterkühlten Interpretation

In der 1802 in der Eisenstädter Bergkirche uraufgeführten Harmoniemesse in B-Dur fuhr Haydn dank des glorios fürstlichen Orchesters zur höheren Ehre Gottes mit vollem Streicher- und vor allem Bläserapparat auf. Flöte, je zwei Oboen und Klarinetten, Fagotte, dazu Hörner, Trompeten, Posaunen, Pauke und Orgel ermöglichten Haydn neben den obligaten Streichern samt Kontrabässen eine besonders festliche wie klangprunkende Messvertonung. So ist es kein Wunder, dass eine Art symphonischer Duktus die Komposition leitet. Die in neapolitanischer Manier überschwänglich frohlockende, mit einer strikten Formgebung gesegnete Messe schrieb der 70-jährige Haydn zu Ehren Namenstages der Frau des Fürsten Nikolaus II, Maria Josepha Hermengilde.
Ich liebe die späten Haydn-Messen neben Beethovens „Missa Solemnis“ sehr. Die Kombination aus kunstvoll strengen Fugen im Gloria und Credo – welch Wonne für jeden Chor – ihre „heitere Lieblichkeit versetzt mit einer chromatischen Unruhe, die die gesamte Messe durchzieht“ (Richard Wigmore), die immer wieder in den höfischen Glanz hereinbrechenden Dramatik, das himmlische, vom Solosopran angeführte Agnus Dei, das Gegenüber von glückseligem Aufschrei und meditativer Reflexion, lassen auch die Harmoniemesse als ein klingendes Abbild des von Gott geschaffenen Universum funkeln.
Man kann den sagenhaften Prunk in der musikalischen Ausgestaltung mögen oder nicht und damit die für das Rokoko so typische Mehrdeutigkeit aus genüsslicher Sinnlichkeit und intimeren Individualismus. Haydn pflegte gerade aus dem Wissen um Vanitas und die letzten Dinge heraus eine hoffnungsfrohe, versöhnliche, das Leben in seiner Unendlichkeit bejubelnde Religiosität, die meinem Empfinden genau dem katholischen Wesen (der damaligen Zeit) Rechnung trug und so neben der metaphysischen Ebene auch einen kunst- und gesellschaftshistorischen Aspekt bedient.
Zur Interpretation des William Christie: Mit dem vorzüglichen Chor und Orchester von Les Arts Florissants als auch dem homogenen, ansprechend timbrierten Solistenquartett Mélissa Petit Sopran, Beth Taylor Alt, Bastien Rimondi Tenor und Andreas Wolf Bassbariton standen künstlerisch optimale Kräfte zur Verfügung.
Allerdings lassen die Nüchternheit der musikalischen Exekution, die atemlos knappe Phrasierung schon im Poco adagio des Kyrie als auch so manch durchpeitschtes Tempo im Gloria und Credo meinen Emotionshaushalt außen vor. Dort, wo mich diese Musik normalerweise bewegt und seelisch in himmlische Sphären katapultiert, bleibt hauptsächlich die kognitiv kühle Feststellung und bewundernde Registrierung der technischen Brillanz der Interpreten.
Die sachliche Verknappung hinterlässt bei mir den Eindruck der moralisierenden Zügelung. Zudem habe ich durch das rhythmisch starre Korsett das Gefühl des bei aller dramaturgischen Turbulenzen bewussten Verzichts auf flexible Freiheiten, die gerade bei Haydn eine so eminente Rolle spielen.
Wenn man sich im Vergleich dazu etwa die Interpretation von Leonard Bernstein mit Judith Blegen, Frederica von Stade, Kenneth Riegel, Simon Estes, dem New York Philharmonic Orchestra und Westminster Choir anhört, um wieviel existenziellere Fragen und versuchte Antworten geht es da doch bei aller theatralischen Maskierung und sicher geringeren klangtechnischen Qualitäten. Hymnischer Mut, Humanitas und Gebet.
Auch die das Album beschließende über 20 Jahre vor der Harmonienmesse entstandene, 13-minütige Missa brevis Sancti Joannis de Deo in B-Dur, vulgo „Kleine Orgelsolomesse“ für Sopran (Mélissa Petit), Chor, Violinen, Cello, Kontrabass und William Christie höchstselbst an der Orgel darf im Auf- und Abphrasieren, in den melodischen Bögen nicht agogisch elastisch ausschwingen comme il fallait.
Mit ist da die in ihrer kindlichen Innigkeit und volkstümlichen Einfachheit ehrliche Aufnahme unter George Guest mit dem St. John’s College Cambridge Choir und der Academy of St. Martin-in-the-fields lieber.
Dr. Ingobert Waltenberger

