CD: Joseph Haydn: DIE SCHÖPFUNG • Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini

Eine stark akzentuierte Sicht der Schöpfung
Im Rahmen des Projekts Haydn 2032 haben Giovanni Antonini und das von ihm mitbegründete Orchester Il Giardino Armonico auch Haydns Meisterwerk «Die Schöpfung» (Oratorium in drei Teilen für Soli, Chor und Orchester, Hob. XXXI:2) eingespielt. «Zur Edition Unter dem Motto Haydn 2032 nimmt Giovanni Antonini seit mehr als fünf Jahren beim Label alpha die kompletten Sinfonien von Joseph Haydn auf. Mit Haydns »Schöpfung« wird die Serie durch einen weiteren musikalischen Meilenstein des österreichischen Komponisten bereichert» (https://www.haydn2032.com/).
«Die Schöpfung» zählt zu Haydns Spätwerk, das mit dem Tod von Fürst Nikolaus I. der «Prachtliebende» am 28. September 1790. Nikolaus Nachfolger Paul Anton II. entliess innert kürzester Zeit das musikalische Personal. Nur Haydn blieb formell in Diensten der Esterhazys, hatte aber keine konkreten Aufgaben mehr. Haydn war nun frei und ging nach Wien, wo er ein Angebot von Impresario Johann Peter Salomon (1745–1815) nicht ablehnen konnte. Für 5000 Gulden verpflichtete er sich eine italienische Oper, sechs neue Sinfonien sowie weitere Stücke zu komponieren. Wie damals üblich sollte er deren Einstudierung und Uraufführungen leiten. Diese beträchtliche Summe konnte Haydn nicht ablehnen und so betrat er 1791 mit knapp 60 erstmals englischen Boden, wohin ihm, auch durch Salomon, sein Ruf vorausgeeilt war. Ende Mai 1791 besuchte Haydn das seit 1784 jährlich in der Westminster Abbey und im Pantheon in der Oxford Street unter dem Patronat des Königs stattfindende Händel-Festival. Dort erlebte er Aufführungen von «Israel in Egypt», «Esther», «Saul» und «Messiah». Diese Aufführungen wurden für Haydn zur Inspiration: zu seiner «Schöpfung» und damit zum Durchbruch des der Landessprache verpflichteten Oratoriums. Von Januar 1794 bis September 1795 reiste Haydn erneut nach England. Vor seiner Rückreise erhielt er von Salomon das angeblich für Händel entstandene Libretto der «Schöpfung». Zurück in Wien zeigte er den auf dem ersten Kapitel des Buches Genesis und freien, von Miltons «Paradise Lost» inspirierten, dichterischen Passagen basierenden Text seinem Freund und Gönner Gottfried Freiherr van Swieten. Van Swieten, kaiserlicher Hofbibliothekar und führender Kopf des zeitgenössischen Wiener Musiklebens, überzeugte Haydn, das von ihm übersetzte und bearbeitete Libretto zu komponieren. Bedeutendster Einfluss der Aufklärung auf die zwischen 1796 und 1798 entstandene Komposition ist der Verzicht auf den Sündenfall (Erbschuld). Weiterer Erfolgsgarant ist Haydns tonmalerische Schilderung der ersten sechs Tage der Schöpfungsgeschichte. Die Uraufführung fand am 29. April 1798 als geschlossene Veranstaltung der hochadligen musikalischen Gesellschaft «assoziierte Cavaliers» im Stadtpalais der Fürsten Schwarzenberg statt und die erste öffentliche Aufführung gut ein Jahr später im alten Burgtheater am Michaelerplatz.
Giovanni Antonini stellt eine hochdramatische, stark akzentuierte Sicht der Schöpfung zur Diskussion und Il Giardino Armonico setzt diese entsprechend um. So tendiert seine Sicht eher zum Opernhaften und entspricht damit vielleicht eher heutigen Hörgewohnheiten. Haydns lautmalerische Schilderung kommen aber auch bei dieser Lesart bestens zur Geltung. Der von Peter Dijkstra einstudierte Chor des Bayerischen Rundfunks schliesst sich dieser Interpretation klangstark an.
Anna Lucia Richter gibt Gabriel und Eva mit glasklarem, in einzelnen Phrasen dramatisch voluminösem Sopran. Maximilian Schmitt singt den Uriel mit hellem, kraftvollen, manchmal fast heldisch klingendem Tenor. Florian Boesch ist mit strahlendem Bariton ein ausgesprochen viriler Raphael und Adam.
Eine charakterstarke Interpretation!
25.04.2023, Jan Krobot/Zürich

