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CD JOSEPH HAYDN „Die letzten drei Streichquartette“ – Pražák Quartet; Praga Digitals

14.01.2022 | cd

CD JOSEPH HAYDN „Die letzten drei Streichquartette“ – Pražák Quartet; Praga Digitals

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Das legendäre tschechische Pražák Quartet in beinahe komplett neuer Zusammensetzung legt sein Tonträger-Debüt mit den letzten Streichquartetten von Joseph Haydn vor. Nur Urgestein Bratschist und Gründungsmitglied Josef Klusoň – er wird 2022 sein 50-jähriges Jubiläum mit Pražák begehen können – ist noch immer mit von der Partie und garantiert so zumindest partiell den alten, in unzähligen CDs legendär gewordenen besonderen und unverwechselbaren Klang des in der Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufenen Ensembles. Primgeigerin ist seit 2015 Jana Vonášková (bekannt vom Smetana Trio), die zweiten Geige ging 2021 an Marie Fuxovà (eh. Pavel Haas Quartett) und das Cello spielt seit Kurzem Jonáš Krejči (u.a. eh. Petersen Quartett). Aber auch beim Label Praga Digitals tat sich viel. Das vom instinktgetriebenen genialen Pierre-Emile Barbier 1991 gegründete Label ging nach dessen Tod 2018 im Herbst 2020 an den Tontechniker Nicolas Bartholomée. Das nunmehrige Album wurde an Barbiers bevorzugten Aufnahmeort, dem Studio Domoniva  in Prag mit dem Tontechniker Karel Soukenig aufgenommen. 

Also haben wir es jetzt mit einer zumindest halb neuen Formation zu tun, bei deren jüngsten Mitgliedern es sich jedenfalls um keine begabten Newcomer, sondern um lauter in der Wolle gefärbte, erfahrene Kammermusiker handelt. Die Frage ist natürlich, wie tut sich Vonášková im Vergleich zum übergroßen Václav Remeš, und wie gut sind die neuen vier schon aufeinander eingespielt? Sie haben sich für diesen Einstand kein einfaches Repertoire gewählt, sondern haben sich sogleich in den Olymp des das Genre stiftenden Gründungsvaters Joseph Haydn begeben.

Fürst Lobkowitz hat Haydn 1799 mit einem Zyklus von sechs Quartetten beauftragt. Allerdings war der siebenundsechzigjährige Meister mit den Oratorien „Die Jahreszeiten“ und der „Die Schöpfung“ so ausgelastet, dass er nur zwei der sechs Quartette vollenden konnte. Die Quartette in G-Dur und F-Dur wurden im September 1802 als Op. 77 zusammengefasst bei Artaria veröffentlicht. Zum Zeitvergleich: Beethoven veröffentlichte die Streichquartette Op. 18 ebenfalls Lobkowitz gewidmet, im Jahr 1801. Haydn begann das dritte Quartett 1802, dann kam wiederum die „Harmoniemesse“ dazwischen. 1803 schrieb er die beiden Mittelsätze des unvollendeten Streichquartetts in d-Moll, die als Op. 103 veröffentlicht wurden. 

Das „alte“ Pražák Quartet war ein zu Recht mit allen Ehren dekorierter Botschafter der Streichquartette u.a. von Joseph Haydn. Nachzuhören ist das etwa auf der fantastischen Box „30 Years Praga Digitals“, wo nicht nur die Streichquartette Op. 76, Nr. 3-6 uneingeschränkt als Referenzeinspielungen gelten dürfen. Aber auch die neue Aufnahme weist das neu zusammengesetzte  Pražák Ensemble auf Anhieb als eines der aktuell interessantesten seiner Art aus. Ich habe Haydn zwischen Pražák „alt“ und Pražák „neu“ quergehört. Schluss: Es lässt sich natürlich nichts wiederholen. Die dominante, wie unter Hochspannung stehende Energie und zugleich emphatische Herangehensweise des Primgeigers Remeš ist wie diejenige von Günter Pichler beim Alban Berg Quartett einzigartig in der Musikgeschichte. Da kommt nichts anderes auch nur annähernd heran. Punktum. 

Dies gesagt, sind die beiden Streichquartette Op. 77 und das Fragment Op, 103 in der Lesart des neuen Pražák-Quartetts gediegene, sehr gute Beispiele dafür, wie beispielhaft  harmonisch und im Detail feindynamisch abschattiertes Quartettspiel funktionieren kann. Was Binnenspannung und Drive anlangt, bestünde allerdings noch Spielraum nach oben. Die kraft- und charaktervolle leading role des Primgeigers besteht so nicht mehr, was der demokratischen Legitimierung im Ensemble vielleicht gut tut, aber nicht der Spannung und individuellen Unverwechselbarkeit des Klangs.

Fazit: Wir hören Quartettspiel auf höchstem Niveau, allerdings nicht im Jahrhundert-Ausnahmerang des alten Pražák Quartets. Um mich nicht falsch zu verstehen: Unter den heutigen Ensembles würde ich nicht zuletzt ein Abo mit den Pražáks bevorzugen. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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