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CD JOSEPH BEER: DER PRINZ VON SCHIRAS – Live-Mitschnitt aus dem Theater Regensburg 2023, cpo

10.02.2026 | cd

CD JOSEPH BEER: DER PRINZ VON SCHIRAS – Live-Mitschnitt aus dem Theater Regensburg 2023, cpo

beer

Da hat sich das Raritätengourmetlabel cpo ein weiteres Mal um das Operettenschaffen von Joseph Beer verdient gemacht. Nach der nicht nur von mir empfohlenen Live-Aufnahme aus dem Prinzregententheater München der „Polnischen Hochzeit“ 2015 (u.a. mit Nikolai Schukoff als Graf Boleslav Zagorsky) ist nun der im Stadttheater Zürich am 31. März 1934 aus der Taufe gehobene „Prinz von Schiras“ dran. Im April 1934 zog das anfänglich zögernde Theater an der Wien unter Direktor Hubert Marischka nach. Meines Wissens sind die beiden Beer-Alben die einzigen im Katalog überhaupt.

Der Bühnenerstling des Komponisten Joseph Beer auf ein Libretto von Fritz Löhner-Beda & Ludwig Herzer „Der Prinz von Schiras“ stand nach anfänglichen großen Erfolgen und der Verbannung von den Spielplänen durch die Nazis tatsächlich erst wieder im Theater in Regensburg 2023 auf deutschen Spielplänen. Dem Haus und der Inszenierung von Sebastian Ritschel wurde dafür von der Sendung Operetten-Boulevard der BR-Klassik „Frosch“ verliehen. Dieser Preis wird für Operetten-Mut verliehen und würdigt originelle und zeitgemäße Produktionen. Am Theater Regenburg kommt übrigens im Februar 2026 auch Beers „Polnische Hochzeit“ (Regie Ronny Scholz) zur Aufführung.

Der 1908 geborene und in Lemberg (heute Ukraine, Lwiw) aufgewachsene Joseph Beer wurde in Wien Schüler von Joseph Marx. Die Meisterklasse schloss er 1930 mit Auszeichnung ab. Er lebte leider in einer schrecklichen Zeit der politisch-rassistischen Radikalisierung und des künstlerischen Umbruchs im Musiktheater. Im Zuge des Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 musste Joseph Beer seine Heimat Österreich zuerst in Richtung Paris verlassen, dann nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die französische Hauptstadt weiter nach Nizza fliehen. Dort überlebte er zwar, versteckt, aber sein Vater, seine Mutter und seine Schwester kamen im KZ Auschwitz ums Leben, ebenso wie sein Förderer und Librettist Fritz Löhner-Beda.

Musikalisch war Joseph Beer ein frühreifer, von seiner Mutter geförderter Junge. Im Heranwachsen entschloss er sich dazu, der Operette in der spätromantisch, genre- und stilmultiplen Form der symphonischen Singspiel-Operette huldigen zu wollen.

„Der Prinz von Schiras“ ist ein Stück über eine ungleiche, über Kulturen hinweg sich beweisende Liebe mit gewaltigen Komplikationen. Auf einem Luxusliner treffen die Amerikanerin Violet Coltan und der persische Prinz von Schiras in Champagnerfeierlaune aufeinander. Mit im ‚Gepäck‘ der Amerikanerin: ihr Verlobter Harry Hastings sowie ihre Gesellschafterin Nell Anthony, die wiederum mit dem Oberstewart Jimmy Winterstein verbandelt ist. In des Prinzen Nadir Entourage begegnen wir seiner Schwester Jasmine, dem Haushofmeister Hassan und dessen Frau Fatme. Dann gibt es noch den ehemaligen französischen Botschafter Vicomte de La Motte-Latour, der zusammenbringt, was sich von alleine nicht fügen will.

Als dem Schiff von der japanischen Marine (kleiner Putsch eines Admirals) ein unfreundlicher Besuch abgestattet wird, der es auf die amerikanischen Passagiere abgesehen hat, nimmt Nadir Miss Violet als vermeintliche ‚Prinzessin von Schiras‘ in Schutz und gleich nach Hause mit. Auch die anderen Protagonisten vom Schiff sind auf einmal vor Ort.

In Persien geht es der freiheitsverwöhnten schönen Violet aber alsbald den örtlichen und religiösen Machositten entsprechend nicht wie gedacht prima. Was sie emanzipiert tapfer und ironisch nimmt. Aber die Liebesleiden haben die beiden durchaus beim Krawattl gepackt. Im schwermütigen Duett ‚Sag, dass Du mich liebhast‘ brechen die zivilisatorischen Konflikte auf, derweil Hastings seine ihm versprochene Miss Violet abholen und sie auf keinen Fall freigeben will.

Jetzt kehrt Nadir seine unangenehm autoritäre Seite hervor. Er entführt Violet und steckt sie in seinen Harem. Natürlich schlägt die Liebe Violets in blanken Hass um. Eine kleine Ohnmacht Violets beendet den Gewaltausbruch des Prinzen. Mithilfe des Vicomtes und eines Heiratsversprechens gelingt der amerikanischen Gruppe die Heimreise nach Alibama. Auf der Hazienda sinniert Violet darüber nach, warum sie nicht glücklich sein kann. Trotz allem Vorgefallenen scheint sie noch immer bis über beide Ohren in den Prinzen verliebt. Der taucht plötzlich reumütig auf und einer finalen Verbindung steht nichts mehr im Wege. Garniert mit einigen dramatischen Entwicklungen und Wendungen finden am Ende wirklich alle Liebenden zueinander: Der Vicomte bekommt Jasmin und Nell ihren Jimmy. Ob es sich um wirkliche Happy Ends handelt und wie lange all ihre Liebesverhältnisse dauern, bleibt da wohl offen.

Musikalisch gibt es mit dem Tenor-Hit ‚Du warst der selige Traum‘ des Prinzen Nadir aus dem zweiten Akt einen echten Kracher, der es bei der Wiener Premiere (Tenor Serge Abramovic) inkl. dreier Dacapos auf 17 Minuten Beifall brachte. Darüber hinaus erwarten den kundigen Operettenliebhaber viel Tanzmusik (Charleston, Tango, Quickstep, Foxtrott), Jazziges, liebesschmachtend Tenorales, schwülstige Duette, gefühlvolle Melodramen sowie drei Introduktionen vor jedem Akt, zwei große dramatische Finale-Ensembles nach dem ersten und zweiten Akt und ein Finaletto nach dem dritten Akt.

Zu bewundern ist die schillernde Instrumentierung des jungen Beers, der es vor allem in den Orchester-Vor- und Zwischenspielen zu beachtlicher Meisterschaft und flirrenden Klängen bringt. Zudem kann Beer eine ausgesprochen findige melodiöse Kreativität sein Eigen nennen. Letztlich beherrscht der Komponist den für die Operette adaptierten, im Exotischen schwelgenden ‚Puccini‘ Opernton eines Lehar.

Chefdirigent Stefan Veselka gelingt mit seinem Philharmonischen Orchester Regensburg ein atmosphärisch dichter, rauschender Operettenabend voller Temperament, Schmiss und keckem Liebesgeflüster. Die internationale Besetzung mit dem chilenischen Tenor Carlos Moreno Pelizari (Prinz Nadir von Schiras), der rumänischen Mezzosopranistin Theodora Varga (Jasmine), der deutschen Sopranistin Kirsten Labonte (Miss Violet Colton), Michael Haake (Harry Hastings), Scarlett Pulwey (Nell Anthony), Matthias Störmer (Vicomte de la Motte-Latour), Paul Kmetsch (Jimmy Winterstein), Fabiana Locke (Hassan), Felix Rabas (Fatme) und Roger Krebs (Kapitän) sorgt für Stimmung und Schwung. Für ihrer aller unbedingten Einsatz darf man auch dann dankbar sein, wenn nicht immer alles perfekt gelingt. Prädikat unterhaltsam!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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