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CD: Johannes Brahms Violin Sonatas 1 – 3 Andrew Wan, Violine Charles Richard-Hamelin, Klavier ANALEKTA, AN29027

13.07.2026 | cd

Samtener Brahms im Sommerlicht

Andrew Wan und Charles Richard-Hamelin rücken den Violinsonaten mit feinem Bogen zu Leibe

brah

Johannes Brahms verbrachte seine Sommer am liebsten weit weg von der Wiener Brutzelhitze, irgendwo am Wasser, wo die Gedanken frei fließen und die Melodien wie von selbst aus dem Gebüsch kriechen. Man hört es diesen drei Violinsonaten an: die ländliche Idylle, das Aufatmen eines Mannes, der die Zwangsjacke der großen Sinfonik für ein paar Wochen gegen die Bequemlichkeit des bürgerlichen Sommers eingetauscht hat.

Das kanadische Duo aus Geiger Andrew Wan und Pianist Charles Richard-Hamelin hat sich diese Partituren für das Label Analekta vorgenommen. Man merkt der Aufnahme in jedem Takt an, dass hier zwei Seelenverwandte am Werk sind, die sich nichts mehr beweisen müssen. Sie kennen die Fallstricke dieser Musik, die so leicht im deutschen Bildungsbürgermief versinken kann, wenn man sie mit zu viel falscher Ehrfurcht anpackt. Wan, der sonst als Konzertmeister in Montréal den großen Streicherapparat leitet, sucht im Zusammenspiel mit Richard-Hamelin das feine, fast private Gespräch unter Freunden – bei dem man auch mal die Füße auf den Tisch legen darf.

Die G-Dur-Sonate op. 78 macht den Anfang. Wan stupst das erste Thema so leise und unaufgeregt an, als wolle er den Hörer in ein intimes Geheimnis einweihen. Es strömt mit kantabler Eleganz dahin und senkt dem Zuhörer augenblicklich den Puls. Richard-Hamelin erweist sich als Begleiter der Luxusklasse: Er bettet die melodischen Eskapaden seines Partners in ein Kissen aus weichen, harmonisch klug austarierten Akkorden. Die beiden zelebrieren die berühmte Regensonate (so genannt, weil Brahms im Finale das Motiv seines „Regenliedes“ op. 59 Nr. 3 verarbeitet hat) als langes, wehmütiges Erinnern an vergangene Zeiten.

Allerdings übertreibt Wan im Finale etwas mit der harmonischen Glückseligkeit. Brahms hat dort das rhythmische Motiv seines eigenen Regenliedes versteckt – ein zickiges, punktiertes Gebilde, das nach Präzision verlangt. Wan bügelt diese Ecken und Kanten mit einem sehr breiten, glatten Legato-Strich einfach weg. Das klingt wunderschön, nimmt der Musik aber die existenzielle Unruhe, die unter der schönen Oberfläche brodelt. Hier hätte man sich manches Mal einen Funken mehr Schärfe gewünscht, ein leises Aufbegehren gegen die allzu große Harmonie.

Glücklicherweise wendet sich das Blatt bei der A-Dur-Sonate op. 100, diesem Prachtstück alpiner Heiterkeit, das Brahms am Thunersee aufs Papier warf. Hier passt Wans flüssiger, warmer Ton wie die Faust aufs Auge. Das Allegro amabile verströmt pure Lebensfreude, die kurzen, fast militärisch dreinschauenden Rhythmen kommen mit herrlich knackigem Zugriff. Im zweiten Satz gelingt den Kanadiern ein wahres Kabinettstückchen: Sie spannen den Bogen zwischen schwebender Ruhe des Andante und spritzigem, nervösem Witz des Vivace mit einer spielerischen Leichtigkeit, die man in dieser Form selten hört.

Richard-Hamelin darf hier zeigen, warum ein Chopin-Preisträger auch die rhythmischen Vertracktheiten der deutschen Romantik im kleinen Finger hat. Sein Anschlag besitzt eine stupende Klarheit, die selbst in den dichtesten Passagen des Finales niemals matschig wird. Die verminderten Septakkorde im Allegro grazioso erhalten eine herrlich theatralische Färbung, die das sonnige Werk im richtigen Moment aufraut.

Die d-Moll-Sonate op. 108 verlässt dann endgültig die pastorale Komfortzone und verlangt nach dem ganz großen Drama. Wer dachte, Wan und Richard-Hamelin könnten nur Lyrik und Sommerfrische, wird eines Besseren belehrt. Im Kopfsatz packen sie die Krallen aus: Die Geige flüstert zu Beginn unter synkopierten Herzschlägen des Klaviers, eine winterliche Kälte kriecht in den Raum, bevor die Emotionen mit Wucht explodieren. Die Kontraste sind scharf, die Dynamik atmet den Geist des Sturms.

Nach dem gemessenen, feierlichen Adagio folgt ein geisterhaftes Scherzo, das wie ein nervöser Tanz auf dem Vulkan wirkt. Geige und Klavier jagen sich gegenseitig durch die Takte und werfen sich die Bälle mit einer Präzision zu, die an blindes Verständnis grenzt. Das finale Presto agitato bricht schließlich alle Dämme – ein wilder, ungezähmter Ritt, bei dem die Musiker das d-Moll-Toben bis zur Neige auskosten, ohne jemals die formale Architektur zu verlieren.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings an der Tontechnik hängen. Während Wans Geige in wunderbar präsentem, plastischem Licht erstrahlt, steht der Flügel von Richard-Hamelin etwas zu weit im Hintergrund. In den gewaltigen Ausbrüchen der d-Moll-Sonate fehlt ihm dadurch die letzte kernige Durchsetzungskraft, um der Geige als absolut gleichwertiger Partner Paroli zu bieten. Das Instrument wirkt phasenweise, als spiele es hinter einem feinen Schleier.

Wer über diese akustische Eigenheit hinweg hören kann, erlebt jedoch ein Brahms-Plädoyer von bemerkenswerter Reife. Diese Einspielung verzichtet auf jede billige Show und sucht die Wahrheit in den Noten. Das ist altmeisterliche Kunst, serviert von zwei Musikern der Gegenwart, die den Geist der Romantik ganz ohne Kitsch und falsches Pathos in unsere Zeit herüberretten.

Dirk Schauß, im Juli 2026

 

Johannes Brahms

Violin Sonatas 1 – 3

Andrew Wan, Violine

Charles Richard-Hamelin, Klavier

ANALEKTA, AN29027

 

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