Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD JOHANNES BRAHMS Sonaten für Viola und Klavier, ROBERT SCHUMANN Märchenbilder, Op. 113; Gramola

05.05.2026 | cd

CD JOHANNES BRAHMS Sonaten für Viola und Klavier, ROBERT SCHUMANN Märchenbilder, Op. 113; Gramola

THOMAS ALBERTUS IRNBERGER Viola, MICHAEL KORSTICK Klavier

irn

Der Salzburger Geiger und Bratschist Thomas Albertus Irnberger und der aus Köln stammende Pianist Michael Korstick können auf eine beachtliche gemeinsame Diskografie blicken. Darunter finden sich Sonaten von Beethoven, R. Strauss, Elgar, Ivan Eröd, Trios von Schubert oder französische Kammermusik von Fauré, Ravel, Poulenc bis Messiaen. Diese austro-rheinische Allianz hat künstlerisch die reifsten und saftigsten Früchte getragen. 

Die beiden späten Sonaten für Klavier und Klarinette Op. 120, Nr. 1 und Nr. 2 von Johannes Brahms, dem Meininger Klarinettengenie Richard Mühlfeld auf den Leib oder in den Mund geschrieben, sind 1894 in Bad Ischl entstanden. Der Komponist hatte selbst eine Fassung für Bratsche und Klavier mit kleinen Adaptionen erstellt, die der besonderen Individualität des Instruments geschuldet sind. Auf jeden Fall hat Brahms diese klangliche Variabilität jenseits der positiven Wirkungen einer breiteren Rezeption und pekuniären Einträglichkeit sicherlich als lustvolles Experiment betrachtet. Gekoppelt sind die Brahms-Sonaten mit den vier Märchenbildern, op. 113, von Robert Schumann nach einem Gedicht von dem Berliner Dichter Philippe Louis du Rieux.

1851, also fast 50 Jahre vor den Brahms-Sonaten entstanden, setzt Schumann den schwärmerisch schmachtenden Ton aus dem ersehnten Jugend Zaubermärchen in ebensolche Klänge. Hier finden sich Irnberger und Korstick at their best, weil, wie ich finde, die Leichtigkeit und der Schwung des erzählerischen Flusses um Liebe im Tanz des Lebens in den ersten drei Abschnitten sich in einem wie improvisiert wirkenden kämpferisch ringenden Miteinander spiegelt. Da gelingt es Irnberger, den galoppierenden Tonfall des Klaviers in ‚Rasch‘ auf die mit springendem Bogen federnde Bratsche zu übertragen. Ohne jegliche Schwerfälligkeit scheinen beide Instrumentalpartner aus einer energetischen Quelle zu schöpfen, aus einem Atem zu trinken. „Lass von allen Liebeswonnen Dich umgaukeln in dem Traume, der wie Märchen sei gesponnen!“ Gegen Ende schleicht sich in die volkstümliche Weise ein nachdenkliches Lebewohl, in dem die Bratsche liedhaft um atmosphärisch Verlorenes klagt. Diese zarte Melancholie des Vergänglichen berührt ungemein und erinnert mich an Heimito von Doderers Herbstgedicht/Strudlhofstiege II: „Viel ist hingesunken uns zur Trauer und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.“

Bei Johannes Brahms erster Sonate starten Irnberger und Korstick im Allegro appassionato mit einem raubeinig eigensinnigen Grummeln. Wie ein von einem Mundwinkelzucken leicht ironisiertes Granteln durchzieht es immer wieder den Satz. Brahms liebte die permanenten Stimmungswechsel, kleidete der Welt Unvorhersehbarkeit in musikalisch ungestüme Rösselsprünge. Am Tonhimmel flott dahinziehende Wolken mit ihren Schatten und stets sich neu entwickelnden Formationen in kaleidoskopartigen Lichtnuancen nutzen Korstick und Irnberger, um dramatische Spannung in das Hin und her von Klavier und Bratsche zu modellieren. Das Klavier antwortet dem soliloquent aufbegehrenden, manchmal munter drauflos schwadronierenden Streichinstrument mit launenhafter Gestik und klarer Anschlagspranke.

Allerdings webt Irnberger im Andante un poco Adagio mit bisweilen vorhersehbar breitem Pinselstrich manch fahlen Ton in das kostbare Gewirk. Lässiger im Kreis dreht sich das dreivierteltaktige Allegretto grazioso auf der Brettlbühne. Das ausgelassene Vivace gestalten Irnberger und Korstick als gut gelaunten, rhythmisch ins Volle langenden Kehraus.

In der nur dreisätzigen zweiten Sonate verbindet Brahms die Freiheit der Fantasie mit sechs Variationen inkl. kontrapunktischem Fingerzeig. Spintisierender Tagestraum in kunstvollem Kleid. Ich kann’s, also mach ich’s, in gelöster und heiter dialogisierendem Zugewandtsein von Bratsche und Klavier. Ein wenig erinnert mich diese Sonate an den späten Richard Strauss. Es geht eigentlich um nichts mehr Substanzielles. Schluss soll sein mit Welt- und Liebesschmerz. Da mag man an Sir Morosus in „Die schweigsame Frau“ denken, der final die Magie des Augenblicks besingt. „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“ Dann beginnt er ostentativ zu schnarchen. Was gibt es Klügeres, als sich selbst rechtzeitig aus dem Spiel zu nehmen.

Das macht der geneigte Zuhörer natürlich nicht und gönnt sich als Belohnung vielleicht ein Gläschen oder zwei. Dankt den Solisten für ihr schlafwandlerisches Musikantentum und prostet Richard Winter, dem umtriebigen und für die Musik brennenden Chef von Gramola zu, der mit seiner Initiative für dieses Album wieder einmal ins Schwarze getroffen hat. Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken