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CD: Johannes Brahms Klarinetten Sonaten: Nicola Boud, Klarinette, Anthony Romaniuk, Klavier. Fuga Libera, FUG855

20.11.2025 | cd

CD: Johannes Brahms Klarinetten Sonaten: Nicola Boud, Klarinette, Anthony Romaniuk, Klavier. Fuga Libera, FUG855

Zwischen Atem und Erinnerung

bram

Es gibt Aufnahmen, die wirken wie ein geöffnetes Fenster. Man lehnt sich hinaus, hört zwei Menschen musizieren und fragt sich, weshalb diese Musik so lange im Schatten lag, obwohl sie doch seit über einem Jahrhundert existiert. Genau dieses Gefühl stellt sich bei der neuen Fuga Libera Veröffentlichung ein. Die späten Werke von Johannes Brahms, geschrieben in der Stille von Bad Ischl, scheinen hier nicht aus einer fernen Epoche zu sprechen, sondern aus einem Raum ganz in unserer Nähe. Man hört eine Musik, die sich nicht aufdrängt, sondern den Hörer hineinzieht. Eine Musik, die etwas erzählt, ohne laut zu werden.

Es sind die beiden Klarinettensonaten op. 120 und die drei Intermezzi op. 117, Werke aus jenen letzten Jahren, in denen Brahms sich eigentlich schon verabschiedet hatte. Dass er es nicht tat, verdankt sich Richard Mühlfeld. Der Ton dieses Klarinettisten traf Brahms so unmittelbar, dass der alte Komponist seine Rückzugspläne über Bord warf. Innerhalb weniger Jahre entstanden mehrere späte Meisterwerke, darunter die Sonaten von 1894, die die letzten wichtigen Kammermusikwerke vor seinem Tod sein sollten.

Nicola Boud und Anthony Romaniuk wenden sich dieser Musik mit klarem Blick und viel Liebe zum Detail zu. Beide spielen auf Instrumenten, die den Klang der damaligen Zeit nicht nur andeuten, sondern erfahrbar machen. Bouds Klarinette aus hellem Buchsbaumholz besitzt eine milde Wärme und einen biegsamen Kern, der sich sofort vom heutigen Standardinstrument unterscheidet. Romaniuk sitzt am Steinway von 1875. Dessen Klang ist rund, farbig und nie harsch. Zusammen schaffen sie eine Atmosphäre, die eher an einen privaten Salon erinnert als an einen Konzertsaal. Man hört das direkte Gespräch zweier Musiker, nicht die große Geste.

Die historisch informierte Spielweise wird hier nicht wie ein Regelwerk behandelt. Rubato ist kein Effekt, sondern ein natürlicher Atem. Kleine Verzögerungen, feine Arpeggierungen und flexible Linienführungen wirken wie spontane Regungen eines Dialogs. Genau das passt zu diesen Sonaten, die von Anfang an als gleichberechtigter Austausch gedacht waren. Brahms wollte kein Solostück für Klarinette mit Klavierbegleitung, sondern ein Miteinander. Boud und Romaniuk setzen dies so selbstverständlich um, dass man nach wenigen Takten vergisst, wie schwer es eigentlich ist, solche Balance zu halten.

Die Aufnahme beginnt mit der Es-Dur-Sonate op. 120 Nr. 2. Ihr Grundton ist weich und hell. Nichts drängt, nichts wird überbetont. Das Allegro passionato trägt seinen „passionato“-Charakter vor allem in der Phrase, nicht im Lautstärkepegel. Boud spielt mit schlanker Eleganz, Romaniuk hält die Struktur klar und bleibt doch farbig. Der finale Satz wirkt wie ein Wanderweg durch offenes Gelände. Licht fällt herein, aber ohne Glanzgestus. Die beiden Musiker scheinen denselben Atem zu teilen. Das gibt der Musik eine Beweglichkeit, die man nur selten so unverkrampft hört.

Mit den drei Intermezzi op. 117 wendet sich die Aufnahme nach innen. Brahms nannte sie „Wiegenlieder meines Schmerzes“. Romaniuk nimmt diese Worte ernst, aber nicht wörtlich. Er setzt keine Schwermut, sondern Klarheit. Das erste Intermezzo wirkt wie eine stille Elegie, getragen von weichen Anschlagsnuancen, die der alte Steinway großzügig anbietet. Das zweite Intermezzo hat erzählerische Bögen, hebt sich, sinkt ab, findet zu neuer Ruhe. Romaniuk spielt es mit präziser Agogik, dabei immer sängerisch. Das dritte Stück zeigt jene zarte Melancholie, die man im Spätwerk von Brahms so oft findet. Hier schwingt eine kleine Hoffnung mit. Die Musik bleibt offen, nichts wird verschattet.

Die f-Moll-Sonate op. 120 Nr. 1 bildet den dramatischeren Gegenpol. Der erste Satz stürmt nach vorne, als müssten alte Energien noch einmal ausbrechen. Doch die Klarinette bremst das Klavier punktgenau ab und schafft damit jene innere Reibung, die dem Satz seine Spannung verleiht. Das Adagio ist ein Moment reiner Kontemplation. Boud gestaltet ihre Linie ruhig und gerade, ohne Pathos, aber mit viel Wärme. Romaniuk trägt sie mit einer Klarheit, die nicht kühl wirkt. Das Allegretto tanzt leicht, ohne Gewicht. Das Finale hat eine vitalere Bewegung und zeigt, dass Brahms selbst im hohen Alter noch eine frische, positive Kraft in sich trug. Die beiden Musiker lassen diese Energie frei, ohne sie zu übersteigern.

Zum Schluss steht „Wie Melodien zieht es mir“ aus den Liedern op. 105. Ein schlichtes, aber bewegendes Nachspiel. Hier singen Klarinette und Klavier ihre Melodien wie zwei Stimmen, die einander seit Jahren kennen und wissen, wann die andere atmet. Das Ende ist leise, aber erfüllt.

Auch die Klangqualität der Aufnahme trägt viel zum Eindruck bei. Sie ist nah, natürlich und transparent. Man fühlt sich, als säße man zwischen den beiden Spielern, ohne Studioglanz und ohne Distanz.

Diese Einspielung zeigt, wie lebendig Brahms’ Spätwerk sein kann, wenn man ihm Raum gibt. Boud und Romaniuk vertrauen auf die Kraft eines feinen Tons und einer gut gesetzten Pause. In dieser Ruhe liegt die große Stärke der Aufnahme. Sie lädt ein, diese Musik nicht als Denkmal zu hören, sondern als lebendigen Austausch zweier Menschen. Genau so wirkt sie am stärksten.

Dirk Schauß, im November 2025

 

Johannes Brahms
Klarinetten Sonaten Op. 120
3 Intermezzi Op. 117
Wie Melodien zieht es mir Op. 105 Nr. 1
Nicola Boud, Klarinette
Anthony Romaniuk, Klavier
Fuga Libera, FUG855

 

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