CD: Johann Strauss Perpetuum Mobile, Münchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn, musikalische Leitung. BR-Klassik, 900353
Patrick Hahn fordert den Walzerkönig zum Dauertanz heraus

Wer glaubt, den Kosmos von Johann Strauss Sohn in- und auswendig zu kennen, wird bei der Lektüre gängiger Konzertprogramme meist enttäuscht. Dort regieren mit sturer Verlässlichkeit die üblichen Schlachtrösser, vom Donauwalzer bis zum Radetzky-Marsch, garniert mit dem ewig gleichen Schlagobers aus Wiener Gemütlichkeit. Das Label BR-Klassik geht auf einer neuen Studioeinspielung mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Patrick Hahn erfreulicherweise einen anderen, klügeren Weg. Bis auf die omnipräsente Ouvertüre zum Zigeunerbaron und das titelgebende Perpetuum mobile versammelt das Album jene Stücke, die im schier unerschöpflichen Oeuvre des Wiener Walzerkönigs oft unberechtigt im Schatten stehen. Das Ergebnis ist keine sentimentale Postkartenidylle, sondern eine erfrischende, stellenweise wunderbar sperrige Gehörschulung.
Das Album eröffnet sogleich mit dem Musikalischen Scherz op. 257, dem Perpetuum mobile. Hahn lässt dieses Paradestück meisterhafter Instrumentationskunst keineswegs akademisch durchexerzieren, sondern führt das Münchner Rundfunkorchester mit unbändiger Spielfreude, atemberaubender Brio und messerscharfer Rhythmik durch das unendliche Schleifenmotiv. Da wird nichts zugeschmiert, da verschwimmt kein einziges Staccato im orchestralen Brei. Der Aufnahmeklang dieser Studioproduktion präsentiert sich erstaunlich trocken und analytisch. Das mag jene Hörer irritieren, die das plüschige Halbdunkel des Wiener Musikvereinssaals gewohnt sind, entpuppt sich jedoch schnell als immenser Vorteil. Jede Pizzicato-Nuance, jede schroffe Akzentuierung der Holzbläser dringt glasklar ans Ohr. Diese Musik braucht kein goldenes Patina, sie verlangt nach Präzision.
Dass Strauss keineswegs nur für schunkelnde Ballsäle komponierte, beweisen die Nordseebilder op. 390. Wer hier nur nach Wiener Seligsprechungen sucht, schaut unversehens auf eine kühle, wogende Meeresfläche. Hahn beschwört zu Beginn feinste Nebelschwaden herauf, lässt die Streicher in einer geheimnisvollen, beinahe sinfonischen Weite atmen, ehe sich die Wogen im charakteristischen Dreivierteltakt brechen. Das ist subtil ausgemalte Programmmusik von beträchtlichem Format. Genauso konsequent bürstet der junge österreichische Dirigent den Revolutions-Marsch op. 54 gegen den Strich. Statt militärischem Säbelrasseln hört man hier eine verblüffend leichtfüßige, fast schon ironische Auseinandersetzung mit dem turbulenten Jahr 1848. Man meint beim Zuhören das Schmunzeln des Komponisten zu sehen, der wohl ahnte, dass sich die Wiener die Barrikaden am Ende lieber sparen, um stattdessen im Prater anzustoßen.
Besonders mitreißend gelingt dem Ensemble der Csárdás aus der unglückseligen, vom Schicksal gebeutelten Oper Ritter Pásmán. Strauss wollte es damit bekanntlich der großen Oper konkurrenzfähig machen, scheiterte am Libretto, schuf aber fantastische Einzelstücke. Hahn kostet die extremen Kontraste dieses Stücks mit sichtbarem Vergnügen aus. Nach zartem, hochmusikalischem Schmachten zu Beginn schlägt das Orchester binnen Sekunden um in ein wildes, ungezügeltes Finale. Das ist kein artiges Musizieren mehr, das hat echten, unverschämten Schmäh und eine Dringlichkeit, die man in diesem Repertoire nur noch selten antrifft. Auch bei den beiden Stücken aus dem Carneval in Rom, dem Walzer Carnevalsbilder und der Schnellpolka Vom Donaustrande, besticht die Interpretation durch geschmackvolle Agogik. Die Rubati kommen nicht aus dem Lehrbuch für Wiener Walzer-Standards, sondern entstehen organisch aus der Phrase.
Die Ouvertüre zum Zigeunerbaron bildet das logische, strahlende Zentrum des Programms. Patrick Hahn verfällt auch hier nicht der Versuchung, die Partitur mit opulenter Süße zu erdrücken. Er nimmt die ungarischen Rhythmen scharf, betont die dunklen Farben der Oboen und Klarinetten und verleiht dem Ganzen ein lustvolles, opernhaftes Drama. Man hört auf einmal wieder, wie kühn diese Musik in ihren besten Momenten instrumentiert ist. Dass Strauss auch im späten Werk die Melancholie beherrschte, zeigt das seltene Vorspiel Klänge aus der Raimundzeit op. 479. Hier weht der Geist einer untergehenden Epoche durch das Studio, filigran, leise und mit jenem Anflug von wehmütiger Nostalgie, die nie in Kitsch abgleitet.
Ein solch durchdachtes Album könnte man nun mit vollem Recht als rundum gelungen zu den Akten legen. Doch die Macher der CD hielten es für eine herausragende Idee, dem Hörer zum Abschluss noch einen Bonus-Track zu servieren, der für Gesprächsstoff sorgen wird. Es handelt sich um eine zweite Version des Perpetuum mobile, diesmal unterlegt mit Rap-Einlagen! Man mag das für einen gelungenen, zeitgemäßen Scherz im Scherz halten oder für einen etwas bemühten Versuch, das ewig gestrige Klassikpublikum mit der Brechstange aufzufrischen. Ein peinlicher Unfall ist es glücklicherweise nicht geworden, dafür agiert das Orchester auch hier viel zu präzise und knackig. Dennoch bleibt nach dem Verhallen der letzten Takte ein leises Kopfschütteln nicht aus. Strauss hatte die Ironie bereits vollkommen in seine Noten hinein komponiert, er brauchte dafür eigentlich keinen Sprechgesang.
Das Münchner Rundfunkorchester erweist sich über die gesamte Distanz als fabelhafter, enorm beweglicher Partner für seinen jungen Dirigenten. Die musikalische Abstimmung wirkt atemberaubend dicht, das Spiel ist auf den Punkt. Was diese Aufnahme von vielen routinierten Neujahrskonzert-Auszügen unterscheidet, ist die ständige Wachheit. Hier wird nicht auf Autopilot geschwelgt, sondern strukturiert, gedacht und mit leidenschaftlichem Ernst gespielt. Die Wiener Musiktradition ist eben keine Ansammlung von Staub, sondern ein lebendiges, hochkomplexes Geflecht, das ständige Pflege verlangt. Patrick Hahn und den Münchnern ist ein vorzügliches Plädoyer für einen unverstellten, frischen Strauss gelungen. Wer wissen will, wie viel Substanz abseits des „An der schönen blauen Donau“ in diesen Partituren steckt, sollte hier dringend hinhören.
Dirk Schauß, im September 2026
Johann Strauss
Perpetuum Mobile
Münchner Rundfunkorchester
Patrick Hahn, musikalische Leitung
BR-Klassik, 900353

