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CD JOHANN SIGISMUND KUSSER: ADONIS – Jörg Halubek und Il Gusto Barocco; cpo

Göttliche Leidenschaften oder die Rache des schlimmen Cupidos – gar köstliche Weltersteinspielung

16.02.2024 | cd

CD JOHANN SIGISMUND KUSSER: ADONIS – Jörg Halubek und Il Gusto Barocco; cpo

Göttliche Leidenschaften oder die Rache des schlimmen Cupidos – gar köstliche Weltersteinspielung

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„Cousser“ nannte sich der feurige ungarische Musiker während seiner sechsjährigen Zeit in Paris und am Versailler Hof, wo er von keinem Geringeren als dem Hofkomponisten Jean-Baptiste Lully unter die Fittiche genommen wurde. Eine äußerst bemerkenswerte Karriere führte den gebürtigen Preßburger (die heutige slowakische Hauptstadt gehörte zur Zeit der Taufe Kussers 1660 zu Ungarn) und notorischen „Hitzkopf“ u.a. nach Braunschweig, Hamburg, London und Dublin. Von 1698 bis 1704 war Kusser Operndirektor und Hofkapellmeister in Stuttgart am Hofe von Herzog Eberhardt Ludwig von Württemberg.

Und genau da entstand auch „Adonis“ auf ein Libretto des Flaminio Parisetti (Gl’inganni di Cupido). 2005 wurde die verschollen geglaubte Oper an der Württembergischen Landesbibliothek von der neuseeländischen Musikwissenschaftlerin Samantha Owens entdeckt: „Es ist wirklich ein einzigartiger – de facto der einzige vollständige Orchesterstimmensatz, der zu einer deutschsprachigen Oper des 18. Jahrhunderts erhalten ist.“ Aus den vorhandenen zwei Teilen (Instrumentales und Gesangsstimmen plus basso continuo) hat sie unter Rekonstruktion der Chöre eine Partitur für Aufführungszwecke hergestellt, die der für seine barocken Entdeckungsfreuden bekannte Dirigent und Cembalist Jörg Halubek mit seinem Ensemble Il Gusto Barocco einstudiert und im September 2022 im Mozartsaal der Liederhalle Stuttgart aufgeführt hat. Der Live-Mitschnitt ist nun als CD erschienen.

Da für viele Rezitative und Arien „nur“ Continuobegleitung vorgesehen ist, hat sich Halubek dazu entschieden, der Abwechslung und räumlichen Wirkung halber drei „Continuo-Inseln“ im Orchester (Cembalo, Laute; Cembalo, Cello, Fagott, Harfe; Cembalo, Cello) vorzusehen. Stilistisch sind in der in deutscher Sprache gesungenen Oper Elemente der französischen und italienischen Musiksprache auszumachen. Überhaupt stützte sich Kusser auf die italienische Oper „Gl’Inganni di Cupdio“ von Giuseppe Fedrizzi, die er von seinem Braunschweiger Engagement her kannte. Da ist es nach den Erkenntnissen des Musikwissenschaftlers Andreas Münzmay sehr wahrscheinlich, dass der geschickte Wiederverwerter eigener Stücke den damaligen Gepflogenheiten entsprechend auch Teile der Musik des Kollegen übernahm und für seine Zwecke adaptierte.

Musikalisch äußerst geklungen gelöst wurde die Frage der französischen bzw. italienischen Verzierungen, wo „basierend auf einem gemeinsamen Verständnis“ viel Improvisation ins Spiel kommt.

Die Handlung gibt uns einen Einblick in die versträhnt-verstrahlte Erotikszene unter den Göttern. Nicht unschuldig daran ist der von Boshaftigkeit und Verschmitztheit triefende Cupido, seines Zeichens Sohn der Venus. Und weil der Kleine mit seinen Liebespfeilen lustig durch die Gegend schießt, trifft es halt auch Apollo, der daraufhin Daphne nachstellt. Die beschwert sich bei Venus, Cupido soll bestraft werden. Er ist sauer und schwört Rache. Wer wäre für Cupidos und Apollos Plan besser geeignet als Adonis, der am liebsten jagt und von Liebe nichts wissen will. Gleich bestellt Cupido bei Vulcanus, der Pallas begehrt, besonders harte Pfeile. Der freche Schütze trifft und Venus und Adonis verbringen eine nette Nacht miteinander. Als Adonis am nächsten Morgen dann sofort wieder jagen gehen will, nimmt das Drama seinen Lauf. Daphne hat sich Apollo in Gestalt eines Lorbeerbaums entzogen und der von den Anstrengungen der Liebe ausgelaugte Adonis – von Venus vorgewarnt – hat gegen den plötzlich auftauchenden Eber keine Chance. Der schöne Adonis stirbt in den Armen der Göttin. Als Moral der Geschichte erscheint Jupiter und ausgerechnet dieser Schwerenöter warnt davor, irdischen Genüssen nachzugeben.

Die Besetzung mit dem virilen Bariton des Yannick Debus als Adonis, den lyrischen Sopranistinnen Ulrike Hofbauer, Anita Rosati und Nina Bernsteiner als Venus, Cupido und Daphne, dem großartigen Countertenor Nils Wanderer als Apollo, der Altistin Seda Amir-Karayan als Pallas, sowie den veritablen Bässen Morgan Pearse und Dominik Wörner als Vulcanus und Jupiter ist mit Temperament und Freude an Verzierungen, Gestaltung, Text und Wortwitz bei der Sache.

Jörg Halubek und dem fantastischen Ensemble Il Gusto Barocco, allesamt Instrumentalvirtuosen der Basler Schule, ist zu verdanken, dass die Partitur lebendig, kontrastreich und erzählerisch bunt in Szene gesetzt wird. Dass nebstbei durch Halubek auch weitere Bewegung in die Aufarbeitung des Erbes an deutschen Barockopern kommt, ist auch zu begrüßen. Im Vergleich zu den auf diesem Gebiet extrem rührigen französischen Initiativen aus Frankreich besteht jedenfalls noch Luft nach oben.

Tipp: Wie Jörg Halubek im Interview mit Paul Tarling ankündigt, soll eine szenische Aufführung von „Adonis“ im Theater Heidelberg in der Reihe „Winter in Schwetzingen“ noch in diesem Jahr über die Bühne gehen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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