Les Curiosités Esthétiques befreien Bachs Kammermusik aus dem Museum

Wer sich Johann Sebastian Bach nähert, betritt oft einen ehrwürdigen Sakralraum der Musikgeschichte – wo die Luft vor lauter Pietät fast zum Atmen zu dick wird. Das Ensemble Les Curiosités Esthétiques wagt mit seiner neuen Einspielung beim Label En Phases einen ganz anderen Weg. Jean-Pierre Pinet (Traversflöte), Vincent Roth (Violoncello da spalla) und Vincent Bernhardt (Fortepiano) behandeln die Partituren nicht wie in Stein gemeißelte Gesetzestexte, sondern wie lebendige, atmende Organismen.
In einer Zeit, in der die historische Aufführungspraxis manchmal zur dogmatischen Strenge erstarrt, wirkt diese Aufnahme wie ein Fenster, das weit aufgestoßen wird. Frische Luft strömt herein. Die Transkriptionen der Gambensonaten BWV 1027–1029 sowie ausgewählter Orgel- und Klavierwerke sind hier kein Frevel, sondern ein Akt der Liebe – und eine Rückbesinnung auf die barocke Freiheit, in der Besetzungen oft eine Frage der Laune, der Verfügbarkeit und des Moments waren.
Der erste Eindruck ist von einer erfrischenden Unmittelbarkeit geprägt. Statt künstlichem Kathedralglanz rückt das Klangbild die Intimität eines privaten Salons in den Mittelpunkt. Diese Direktheit stärkt den echten Ensemblegeist: Hier steht niemand im Rampenlicht, alle musizieren miteinander.
In der Sonata Nr. 1 in G-Dur wird das sofort spürbar. Die Verschiebung der Gewichte – weg von der Viola da gamba hin zur silbrigen Traversflöte und dem seltenen Violoncello da spalla – zaubert neue Farben hervor. Das Andante entwickelt sich zu einem zärtlichen, scheuen Duett: Flöte und Cello tasten einander vorsichtig ab, während das Fortepiano ein diskretes, rhythmisches Gespräch führt statt strenger Begleitung.
Das Violoncello da spalla erweist sich als kluger Trumpf. Es singt mit menschlicher Kantabilität und besitzt doch genug Substanz, um der hellen Flöte Paroli zu bieten. In der zweiten Sonate in D-Dur entfaltet sich diese Chemie besonders schön: Das Adagio wächst organisch Schicht für Schicht, das folgende Allegro stürmt mit tänzerischer Leichtigkeit los – ohne jede barocke Schwere. Das Andante wird zum intensiven Dialog: Das Cello eröffnet fordernd und klar, die Flöte antwortet gedämpft und nachdenklich. Das ist Kammermusik im allerbesten Sinne: intelligenter Austausch ohne Pathos.
Zwischen den großen Sonaten wirken die eingestreuten Einzelstücke – wie das Adagio aus dem Orgel-Trio BWV 583 oder die Fantasie BWV 904 – als willkommene Momente der Besinnung. Vincent Bernhardt an den Tasten zeigt ein feines Gespür für filigrane Rhetorik und strukturelle Klarheit, fern jeder virtuosen Effekthascherei. Es geht den Musikern sichtlich um ein gemeinsames Erlebnis, nicht um Solisten-Eitelkeit.
Den krönenden Abschluss bildet die dritte Sonate in g-Moll. Ihr drängender Charakter setzt einen scharfen Kontrast. Der schnelle Kopfsatz verlangt Präzision, die das Ensemble mühelos und fließend liefert. Das leuchtende Adagio wird erneut zum emotionalen Herzstück, und das finale Allegro verabschiedet den Hörer als kecker, schmunzelnder Rausschmeißer.
Was diese CD so interessant macht, ist der mutige Verzicht auf alles Museale. Les Curiosités Esthétiques spielen Bach so, wie man es im 18. Jahrhundert vielleicht wirklich getan hätte: mit Neugier, einer Prise Witz und dem Mut zum Experiment. Wer die vertrauten Sonaten einmal in einem neuen, warmen, lebendigen Licht hören möchte, dürfte an dieser Aufnahme echte Freude haben.
Dirk Schauß, im März 2026
Johann Sebastian Bach
Triosonaten nach BWV 1027-1029
Les Curiosités esthéthiques
En Phases, ENP022

