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CD JOHANN SEBASTIAN BACH: RENAUD CAPUCON spielt Sonatas & Partitas, BWV 1001-1006; Deutsche Grammophon

23.02.2026 | cd

CD JOHANN SEBASTIAN BACH: RENAUD CAPUCON spielt Sonatas & Partitas, BWV 1001-1006; Deutsche Grammophon

Hoher Wunsch und allzu glatter Versuch

bing

Lobet den Herrn! Lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Lobet ihn mit Saitenspiel! Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Lobet den Herrn!“ Psalm 150

Die drei Sonatas und drei Partitas für Violine solo, die Bach 1720 während seiner Funktion als Kapellmeister in Köthen finalisierte, sind Meisterwerke barocker Polyphonie. Mittels Akkordbrechungen und Doppelgriffen gelingt es Bach, auch für ein Soloinstrument spielerisch Mehrstimmigkeit zu erreichen. Harmonisch und polyphon den damaligen Entwicklungsstand und Zeitgeist abbildend, folgen die Sonatas formal den viersätzigen Sonate da Chiesa bzw. die Partitas als freie Tanzsuiten den (französischen) Tänzen Allemande, Courante, Sarabande, Gigue, Bourrée, Gavotte und Chaconne samt Variationen. Im Kern handelt es sich um „Übungsstücke“, die laut Bach Sohn C.P.E Bach in ihrer Vollkommenheit dazu dienen „ein guter Geiger zu werden“.

Musik von dermaßen universellem Zuschnitt erlaubt es, sehr persönliche Empfindungen bzw. Projektionen aus den Klängen herauszuhören bzw. in sie zu legen. So hat sich der französische Geiger Renaud Capuçon mit dem in den Berliner Teldex Studios eingespielten Doppelalbum zu seinem „Fünfziger“ einen Wunsch erfüllt. Er hätte sich allerdings, wie seinem Vorwort zu entnehmen ist, noch zehn Jahre Zeit gelassen. Schließlich hörte er auf seine Frau Laurence, die ihn zu der Aufnahme ermutigte.

Herausgekommen ist eine vom Bogenstrich her soft dahin spintisierende, romantisierende Bach-Sicht. Sie bewegt dort, wo Melodie, kontemplative Ruhe und Innigkeit vorherrschen. Allerdings gelingen in den virtuosen Passagen nicht alle Verzierungen akkurat, manche Läufe klingen sogar eigentümlich verschliffen. Wir glauben Capuçon natürlich, wenn er höchstpersönlich kommentiert, „Bachs Musik hat mich seit jeher getröstet und beruhigt – und mir gleichzeitig stets Freude und Energie gegeben“. Das heißt aber nicht, dass er mit seiner zu wenig klar konturierten Interpretation allen Bach-Freunden gleichermaßen aus dem Herzen spricht.

Außerdem navigiert Capuçon stilistisch unentschieden zweifachen den Welten einer historisch informierten, Kante zeigen wollenden Erzählstruktur und einer, ganz aus individueller Aneignung resultierenden Bekenntnismusik. So geschmeidig und „schön“ er an Presto und Allegro herangehen will und so viel lockere Beschwingtheit er den tänzerischen Sätzen auch angedeihen lassen mag, mir fehlt die in kühles Blau getauchte kosmische Dimension der mathematischen Konstruktion, kurz und gut die Spannung in der Zuspitzung der Kontraste, das Aufgeraute und letztlich das Geheimnis. Kein metaphysisches Erschauern, wie ich es abseits aller Zahlen- und Symboltheorien vor allem bei Antje Weithass‘ singulärer Interpretation der Chaconne (fünfter Satz der Partita Nr. 2 in d-Moll) erahne.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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