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CD JOHANN SEBASTIAN BACH: JOHANNES-PASSION – JORDI SAVALL mit Chor und Orchester von La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations; AliaVox

29.06.2026 | cd

CD JOHANN SEBASTIAN BACH: JOHANNES-PASSION – JORDI SAVALL mit Chor und Orchester von La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations; AliaVox

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Der katalanische Gambist und Grandseigneur von (spanischer) Alter Musik ab dem Mittelalter hat mit den von ihm gegründeten Ensembles eine Neuaufnahme von Bachs „Johannespassion“ herausgebracht. Am 23. Mai dieses Jahres erhielt er den Ernst von Siemens-Musikpreis für „ein Leben im Dienste der Musik.“ Das mit 250.000 dotierte Preisgeld will er in die Nachwuchsförderung stecken. Wer aus der Begründung für die Zuerkennung des Preises zitiert, wird sofort erkennen, dass dieser großartige Künstler, Musikwissenschaftler und Pädagoge ein historisch bewusst interkulturell verbindendes Künstlertum pflegt: „Seit Jahrzehnten verbindet Savall mit unerschütterlicher Leidenschaft und geistiger Offenheit Vergangenheit und Gegenwart, Orient und Okzident, Kunst und Humanität. Sein Schaffen lässt Alte Musik als lebendige, sprechende Kraft erfahrbar werden und zeigt, dass historische Klänge keine Relikte sind, sondern Brücken zwischen Menschen und Zeiten.“

Der katalanische Musiker ist als Dirigent schon länger bei Beethoven angelangt, eine Zeitreise von den ersten Quellen hin zu den breiteren Strömen der Musikgeschichte, die schon mehrere Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis in dieser oder ähnlicher Form absolviert haben.

Was hingegen erstaunt, ist, dass sich Savall mit der Aufführungsserie sowie der vorliegenden Einspielung vom März 2024 zum ersten Mal mit Bachs „Johannespassion“ beschäftigt. Rund um den 300. Jahrestag der Erstaufführung dieser Passion konzipiert, stammen die Aufnahmen aus der romanischen Kollegiatkirche Sant Vicenç de Cardona. Die geplanten Konzerte im vorösterlichen 2020 fielen behördlichen Coronarestriktionen zum Opfer.

Was zu einer weiteren Koinzidenz der Publikation zweier „Johannespassionen“ führte, die in ihren diametral entgegen gesetzten Sichtweisen zwar Extreme abbilden, aber im Grunde wieder einmal den immensen Interpretationsspielraum großer Musik beweisen.

Denn Raphaël Pichon hat mit den Kräften von Chor und -Orchester der Ensembles Pygmalion für Harmonia Mundi eine hochdramatische und ausgetüftelt detailreiche Aufnahme vorgelegt, der Pichons Erweckungserlebnis eines „universalen Schreis“ folgt. Klangtransparent und spannungsreich vorwärtsdrängend ohnegleichen, die Grausamkeit der Leidensgeschichte Jesu Christie nach den Evangelien des Apostel Johannes auf eine Art klanglichen Realismus bauend, dass es in kreatürlicher Schönheit schmerzt und entzückt zugleich. Ein einzigartiger künstlerischer Wurf in einer auch klangtechnisch maßstabsetzenden Perfektion, den nicht wenige für das Non plus Ultra aller bisher erhältlichen Aufnahmen der „Johannespassion“ halten.

In einigem Abstand zu dieser epochalen Referenz lohnt es, sich mit der wesentlich lyrischeren, fluideren, insgesamt verhalteneren, die Rezitative in den Fokus stellenden Lesart Jordi Savalls auf Basis der Neuen Bach-Ausgabe zu befassen. Da toben und rasen keine Emotionen in haushohen Wellen als existenzielles Menschheitsdrama.

Savall setzt vielmehr auf Verfeinerung der musikalischen Texturen und einen hellen, gleichsam von innen vibrierenden und durchleuchteten Klang. Vor allem die ruhig meditative, bisweilen vor Hitze flirrende Instrumentalbegleitung setzt individuelle Akzente.

Der polnische Tenor Jan Petryka erinnert mit seiner noblen und sublim wortausdeutenden, aber auch ein wenig distanzierten Gestaltung seiner Erzählung als Evangelist an Kurt Equiluz. Demgegenüber setzen der sein Schicksal mit Würde färbende Bass des Matthias Winckhler als Jesus und der Bariton Christoph Filler als Pilatus theatralischere Akzente.

Die Ariensolisten Miriam Feuersinger (Sopran), der Countertenor Raffael Pe (Alt) und Ferran Mitjans (Tenor) schlagen sich wacker. Während der fragile lyrische Sopran von Feuersinger in der hohen Lage genügend Licht und empathisches Flimmern auf die Waagschale legen kann (in der Tiefe fehlt es an Volumen, Projektion und generell an Wortdeutlichkeit), gelingt es Pe mit seinem wenig flexiblen Countertenor kaum, in den großen Arien „Von den Stricken meiner Sünden“ und „Es ist vollbracht“ – von Savall an der Gambe begleitet – in emotionale Grenzbereiche vorzudringen, wie dies etwa Lucile Richardot bei Pichon vorführt. Der katalanische Tenor Mitjans, ein Lieblingssänger von Jordi Savall und in zahlreichen seiner Aufnahmen vertreten, lässt mit seiner genuin poetischen Gestaltungskraft und einer federleicht-elastischen Tongebung aufhorchen.

Der professionelle Chor La Capella Reial de Catalunya findet in den Chorälen zu einer mystischen Unmittelbarkeit, einer melodisch transzendierenden Gläubigkeit, die unmittelbar zu Herzen geht. In den Chören, die Savall mit federnder Spannkraft vital und durchgängig flott ausformuliert, herrscht das Prinzip einer Noblesse im Ausdruck, voller spirituell volksgläubiger Naivität, die auf jegliche dramatische Drastik verzichtet. Das kann als expressive Limitierung empfunden werden oder als bewussten Verzicht auf jeden opernhaften Ansatz. Ein genereller Einwand betrifft die nicht gerade vorbildliche Textverständlichkeit des Chors.

Fazit: Jordi Savall ist auch in dieser „Johannespassion“ ungeachtet jedes persönlich bevorzugten Interpretationszugangs eine Klasse für sich. Besonders der Chor und Le Concert des Nations, Evangelist und Jesus sorgen für exquisite Momente, musikantische Kultur, innere Einkehr und erzählerische Wahrhaftigkeit.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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