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CD JOHANN SEBASTIAN BACH „DIE KUNST DER FUGE“ FILIPPO GORINI Klavier; alpha classics

03.09.2021 | cd

CD JOHANN SEBASTIAN BACH „DIE KUNST DER FUGE“ FILIPPO GORINI Klavier; alpha classics

Ein Musiker und Dichter auf dem Mount Everest – Irre gut, ein legitimer Nachfolger von Glenn Gould

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In der Oper spricht man bei einem Teil des potentiellen Publikums von Schwellenangst, weil es wegen imaginierter Steif- und Stockigkeit den entscheidenden Schritt nicht wagt. Aber auch in der klassischen Musik gibt es Werke, die solch eine turmhohe Aura vor sich herschleppen, dass Respekt nicht selten in Distanz kippt. Das war etwa bei Bachs „Kunst der Fuge“ zumindest für mich persönlich der Fall. Da mischen sich kompositorische Brillanz, Metaphysisch-Spirituelles und eine eigentümliche Sprödheit zu einem nicht leicht zu überwindenden Klettersteig. Jeder Bergfex kann sich glücklich schätzen, seine Grenzen zu (er)kennen. Wo Mut hinzukommt, kann mit einem erfahrenen Guide dann doch noch der nächste Schwierigkeitsgrad angepackt werden.

Für mich ist der 26-jährige Filippo Gorini aus Bergamo solch ein bei extremsten Witterungsbedingungen kundiger Fährtenleser, der den Hörer nicht nur mit seinem trotz aller kontrapunktischen Vertracktheiten sinnlichen Spiel verzaubert, sondern ihn mittels poetischer Kraft auch über alle Klippen der Partitur hinweg hievt.

„Die Triumphe des Intellekts und der Kunst, die Symbole und Bedeutungsschichten, die in der Konzeption dieses Werks verborgen sind, bilden eine Einheit mit den gesanglichen Linien, die sein eigentliches Herzstück sind. Wer es nur als theoretisches Wunderwerk betrachtet, liegt falsch: In dem Maße, in dem die Kontrapunkte und Kanons an formaler Komplexität gewinnen, wächst auch die emotionale Spannung, bis hin zum herzzerreißenden Geheimnis der unvollendeten Fuga XIV.“ Mit diesem Bekenntnis ist schon sehr viel über die unglaubliche Fähigkeit des Pianisten gesagt, die vokale Gestik der horizontalen Melodiebögen mit den mathematisch gedachten vertikalen Schichtungen in Balance zu halten. 

Gorinis technische Bravour mischt sich mit einem präzisen Anschlag sowie der Gabe, den roten Faden bei komplexestem kontrapunktischem Flechtwerk nachvollziehbar zu halten. Aber nicht nur das. Zur Veranschaulichung der Musik war es dem vielbegabten Italiener ein Anliegen, allen Kontrapunkten und Kanons der „Kunst der Fuge“ bildhaft lyrische Wort-Präludien voranzustellen. So ist parallel zu den Aufnahmen ein Zyklus von Sonetten und Haikus in englischer Sprache, inspiriert von T.S. Eliots „Four Quartets“, entstanden, die auch in einer hervorragenden deutschen Übersetzung vorliegen.

Damit will Filippo Gorini der Gefahr entgehen, Bachs „Kunst der Fuge“ ein weiteres Mal nur als „Monument der Vergangenheit“ zu betrachten. Deshalb hat er auch auf einer eigenen Web-Projektseite www.TheArtOfFugueExplored.com Gespräche mit Komponisten, Musikern, bildenden Künstlern, Architekten, Mathematikern, Regisseuren und Tänzern dokumentiert, die sich zu Bach äußern. Auf der zitierten Website finden sich auch ausführliche Erläuterungen zu den Gedichten.

Das schöne Album ist ein Meilenstein in der Bach-Diskographie. Gorini holt Archaisches in unsere Zeit, souverän, vielschichtig, unverkrampft natürlich, mit der Stimme dessen, der kosmische Einsamkeit in luzide Erfahrung transponiert. Und sich nicht in einen Elfenbeinturm verschanzt, sondern in ein offenes genreübergreifendes Gespräch mit seinem Publikum tritt. Stupend!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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