Neun Saiten: Bach zwischen Freundschaft und Klangfantasie

Zwei Violoncelli piccoli stehen im Mittelpunkt dieser Aufnahme. Eines mit vier, eines mit fünf Saiten. Zusammen also neun. Das klingt erst einmal nach einer Rechenaufgabe, entpuppt sich aber schnell als akustisches Abenteuer. Denn was Mario Brunello und Mauro Valli hier machen, ist weit mehr als ein kluger Kunstgriff. Es fühlt sich an, als hätten sie ein neues Instrument erfunden. Eine Art Streich-Orgel, die atmet, flüstert, donnert und sich mit erstaunlicher Beweglichkeit durch Bachs Polyphonie windet.
Ausgangspunkt sind Gustav Leonhardts Klavier-Transkriptionen der Sonaten, Partiten und Suiten. Doch wer hier an trockene Übertragungsarbeit denkt, liegt völlig falsch. Brunello selbst wehrt sich gegen den Begriff Transkription. Er spricht lieber von einer Erscheinung, von etwas, das plötzlich da ist, wenn die Bedingungen stimmen. Wie ein Regenbogen. Man hört sofort, was er meint. Diese Musik klingt nicht „bearbeitet“, sondern selbstverständlich, als hätte sie immer schon so existieren wollen.
Die Sonate Nr. 3 in C-Dur BWV 1005 zeigt das gleich zu Beginn. Das Adagio kommt schwer daher, klagend, mit einem dunklen Atem, der sich weit in den Raum gräbt. Die beiden Celli scheinen sich gegenseitig zu stützen, als müssten sie gemeinsam durch dieses Lamento hindurch. In der anschließenden Fuge wird es ernst und gewichtig, aber nie pedantisch. Die Stimmen greifen ineinander wie Zahnräder, präzise und doch lebendig.
Das Largo ist ein Höhepunkt der Aufnahme. Hier sprechen die beiden Instrumente miteinander, nicht im Wettstreit, sondern im vertrauten Austausch. Man hat das Gefühl, einem Gespräch zu lauschen, bei dem nicht jedes Wort gesagt werden muss, um verstanden zu werden. Das abschließende Allegro bricht dann los wie ein kontrollierter Sturm. Furios, spannungsgeladen, voller innerer Reibung.
Die Partita Nr. 3 in E-Dur BWV 1006 beginnt mit einem virtuosen Feuerwerk. Die Phrasen jagen sich auf und ab, atemlos, aber immer klar artikuliert. In der Loure wird es ruhiger, verspielter, mit viel Raum für Verzierungen und kleine klangliche Gesten. Die Gavotte wirkt leicht unbehaglich, als zögen am Horizont dunkle Wolken auf. Kein sonniges Tänzchen, sondern eine Szene mit Schatten.
Die beiden Menuette halten sich wunderbar die Waage. Nichts kippt, nichts drängt sich in den Vordergrund. Bourrée und Gigue schließlich zeigen, dass Virtuosität und Lebensfreude keine Gegensätze sein müssen. Hier blitzt Spielfreude auf, ohne dass die Musik ihre Tiefe verliert.
Besonders reich an Farben präsentiert sich die Cellosuite Nr. 5 in c-Moll BWV 1011. In der Fassung für zwei Celli entsteht ein ständiges Wechselspiel aus Nähe und Distanz, aus Spannung und Auflösung. Die Musiker kosten die Kontraste aus, wechseln Artikulationen, Farben und Stimmungen mit großer Sensibilität. Viele kleine Zwischentöne halten die Musik in Bewegung, nichts wirkt statisch oder vorhersehbar.
Was diese Aufnahme so überzeugend macht, ist das hörbare Miteinander. Brunello und Valli spielen nicht nebeneinander her. Sie hören einander zu, reagieren, geben nach, setzen Akzente. Zwei Freunde, die jeweils eine starke eigene Stimme haben und genau deshalb so gut zusammenpassen.
Der Klang ist weit, offen und atmend. Man hat das Gefühl, mitten im Raum zu sitzen, umgeben von Schwingungen und Resonanzen. Eine Bach-Aufnahme, die neugierig macht, die unterhält und die zeigt, wie viel Neues in scheinbar vertrauter Musik noch zu entdecken ist.
Dirk Schauß, im Februar 2026

