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CD JOHANN DAVID HEINICHEN: FLAVIO CRISPO – Weltpremiere; Mitschnitt aus dem Konzertsaal der Musikhochschule Stuttgart vom 20. Juni 2015; cpo

Kastratendiven-Zickengeplänkel mit Folgen

25.12.2018 | cd

CD JOHANN DAVID HEINICHEN: FLAVIO CRISPO – Weltpremiere; Mitschnitt aus dem Konzertsaal der Musikhochschule Stuttgart vom 20. Juni 2015; cpo

Kastratendiven-Zickengeplänkel mit Folgen


Hätten sich der erste und zweite Sopranist Senesino und Matteo Berselli nicht mit Heinichen während einer Probe zu Flavio Crispo über eine Arie (ob die Musik nun optimal zum Text passt oder nicht) so wenig vornehm gestritten, dass unser Divo Senesino einfach die Noten zerrissen und dem Kapellmeister vor die Füße geworfen hat, hätte die Welturaufführung wohl vor 300 Jahren und nicht erst 2016 in Stuttgart stattgefunden. August der Starke, der von der peinlichen Szene erfuhr, ließ sofort alle „wälschen Sänger abdancken“. Der eitle Sängertrupp zog wohlgemut nach London weiter, die Oper „Flavio Crispo“ hingegen versank noch vor der ersten Aufführung in den schlammigen Fluten der Operngeschichte.


War die ganze Auseinandersetzung nun – wie dies der ehrenwerte Johann Joachim Quantz in seiner Autobiographie berichtet – ein inszenierter Theaterdonner, gar eine Intrige der Sonderklasse? Belegt ist, dass Senesino rasch dem Ruf Händels nach London folgen wollte, um bei dessen Londoner Opernakademie seine goldene Gurgel zu produzieren. Es wird ihm schon recht gewesen sein, rasch aus dem unliebsamen Vertrag auszusteigen.


Johann David Heinichen, der bis zu seinem Lebensende 1729 Hofkapellmeister in Dresden blieb, schrieb nach diesem Eklat keine weitere Oper mehr. Vielmehr hatte er sich gemeinsam mit Jan Dismas Zelenka um die musikalischen Rahmen der katholischen Hofgottesdienste zu kümmern.


Zum Glück für die stets nach Neuem gierenden Melomanen aller Länder liegt „Flavio Crispo“ nun in einer großartigen Aufnahme vor. Dirigent Jörg Halubek landet nach der Ausgrabung von Giuseppe Antonio Brescianellos „Tisbe“ (ist ebenfalls bei cpo auf CD erhältlich) nun abermals einen Volltreffer. Gemeinsam mit dem von ihm 2008 gegründeten Stuttgarter Barockorchester „Il Gusto Barocco“ und einer mehr durch Stimm- als durch Starglanz reüssierenden Sängerschar realisierte er nicht weniger als die wohl bedeutendste Welturaufführung einer Barockoper überhaupt. Zumal es sich bei „Flavio Crispo“ nicht um irgend ein C-Werk eines in Schablonen badenden Tonsetzers an einem unbedeutenden Duodezfürstentum handelt, sondern um die Hauptoper eines der originellsten Komponisten am Dresdner Hof.


Bei dem für den Karneval 1720 bestimmten „Flavio Crispo“ handelt es sich um eine frühe Opera seria im galanten Stil, den Hasse später perfektionieren sollte. Heinichen erhielt sein Rüstzeug in Sachen italienischer Oper in Venedig, wo zeitgleich Komponisten wie Antonio Lotti und Antonio Vivaldi am Zenit ihrer Schaffenskraft standen. In seiner erst jetzt zu CD-Ehren kommenden prächtig-klangbunten Oper auf ein antikes Sujet steht einer klein dimensionierten Personenkonstellation und schrecklich komplizierten Handlung eine Menge an exquisiten melodienseligen Arien gegenüber. Das Orchester untermalt die abwechslungsreichen Sangespiècen der sieben Solisten neben den obligaten Streichern mit Hörnern, Block- und Traversflöten, Lauten, Harfen, Fagott, Oboen und Kontrabass in raffinierten Kombinationen. Was für ein Flöten und Geigen! Da gibt es die wundervolle Arie des Crispo im zweiten Akt „Perdonate sembianze leggiadre“ mit Flöten, Lauten und Cembalobegleitung. Heinichen beherrscht aber ebenso dramatische Bravourstücke à la „Arda fiera in ciel‘ cometa“ des Gilimero. Sanft schmeichelnd auf melancholischem Grund darf Elena in dritten Akt ihr „Io vorrei saper d‘amore“ schmachten. Auch ein prächtiges Duett und Schlussensemble dürfen nicht fehlen.

Über die Besetzung ist Wundersames zu berichten. Allen voran überzeugt die junge Österreicherin Nina Bernsteiner in der Hosenrolle des zweiten Sopranisten als Gilimero, Heerführer und Freund Flavios. In ihren sechs vom Affektengehalt her eine Kaleidoskop menschlicher Regungen umfassenden Arien kann sie ihren sonnig leuchtenden lyrischen Sopran mit einer gehörigen Portion Virtuosität und blitzenden Koloraturen aufs beste zur Geltung bringen. Wie Silber auf Samt gebettet, erlebt der Hörer einen obertonreichen Sopran, dessen glutvoll flimmerndes Timbre zum Träumen einlädt.


Nicht minder rund und in bronzener Klangspiegelung fließt der Altus des Leandro Marziotte in der Titelpartie. Seit dem jungen Cencic hat man nicht mehr einen so kraftstrotzend virilen, in den Legati ebenso wie in den aberwitzigsten Verzierungen versierten Sänger in diesem Fach gehört. Seine von ihm angebetete englische Prinzessin Elena wird von der Israelin Dana Marbach stimmlich mit champagnergleich perlenden Koloraturen veredelt. Die in ihrer Liebe zu Crispo zurückgewiesene und nach Rache dürstende Fausta (sie biedert sich auch als heimliche Geliebte an), ihres Zeichens Gemahlin Konstatins, findet in der Altistin Alessandra Visentin eine die Tiefe der Emotionen wie die üppig rauchige Stimme gleichermaßen beherrschende Interpretin. Ihr Bruder und erbitterter Gegner Flavios, Massiminiano, wird vom lyrisch-hellen Tenor Tobias Hunger mit Präzision und Verzierungskunst verkörpert. Da wäre noch der männlich körnige Bass des Isamel Arróniz in der Rolle des von Fausta gehörnten römischen Kaisers Konstatins. Staatstragend orgelt er sich durch die intrigenreiche Handlung. Bleibt die exzellente Altistin Silke Gäng in der Rolle der gefangenen gallischen Prinzessin Imilee, auch sie in Crispo zum Nachsehen Gilimeros verliebt, zu erwähnen.

Jörg Halubek dirigiert und katapultiert sich mit dieser Aufnahme in die allererste Reihe an international renommierten Dirigenten von Barockopern wie Petrou, Fasolis oder Minasi. Wir stimmen zu, das das gesamte Ensemble mit dieser vielleicht wertvollsten italienischen Barockoper, die im 18. Jahrhundert für einen deutschen Hof komponiert wurde, einen eigenen Standard setzt. Wäre die Bezeichnung nicht derart von subjektiven und objektiv kaum überprüfbaren Kriterien getragen, ich würde sie (ganz still für mich) dieser Aufnahme zuerkennen: Opernpublikation des Jahres 2018. Die Tonqualität ist ebenfalls vom Feinsten.


Dr. Ingobert Waltenberger

 

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