CD JOACHIM RAFF: DAME KOBOLD – Komische Oper nach einem Libretto von Paul Reber, basierend auf ‚La dama duende‘ von Pedro Calderón de la Barca; Naxos

Joachim Raff ist ein spezieller Fall der Musikgeschichte. Persönlich schwierig soll er gewesen sein, sagt man. Aber ebenso ehrgeizig und offenkundig auch anpassungsfähig, sieht man sich seine Beschäftigung als Sekretär und Assistent von Franz Liszt sowie seine künstlerisch vielseitige Entwicklung, den mehrfachen Wechsel „seiner stilistischen und ästhetischen Positionen“ (Werner M. Grimmel) an. Nach Misserfolgen mit der Grand Opera („König Alfred“, „Samson“) und der übermächtigen bis erdrückenden Konkurrenz in der Person Richard Wagners betreffend Musikdramen verlegte sich der in der Schweiz geborene Komponist zuerst auf Symphonien, sodann ganz auf Komische Opern. „Dame Kobold“; am 9. April 1870 in Weimar uraufgeführt, war die erste dieser Komischen Opern. Drei weitere sollten folgen: „Die Parole“, „Benedetto Marcello“ und „Die Eifersüchtigen“.
Wie schwer es deutsche komische respektive Spielopern des 19. Jahrhunderts bis heute in Anbetracht der übermächtigen italienischen Konkurrenz haben, zeigt sich schon an den bescheidenen Aufführungszahlen etwa der Werke des absoluten Superstars in diesem Genre, Albert Lortzing oder dem ebenso selten gespielten „Der Barbier von Bagdad“ von Peter Cornelius. Und, Hand aufs Herz, wer kennt schon Lortzings „Caramo oder Das Fischerstechen“, „Hans Sachs“, „Casanova“ oder „Rolands Knappen“. Immerhin feiert die Oper Leipzig mit einem „Lortzing 26“-Festival den 225. Geburtstages und 175. Todestages dieses von mir sehr geschätzten grandiosen Spielopern-Tonsetzers.
Als wirklich verdienstvoll ist die Initiative von Dirigent Dario Salvi einzustufen, mit den Kräften des Chors des Theaters der nordböhmischen Stadt Ústí nad Labem und dem Westböhmischen Symphonieorchester diese musikalisch spritzige, sentimental koboldisch ansprechende und höchst vergnügliche komische Oper wieder einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Joachim Raff absolvierte zuerst eine Ausbildung als Lehrer und unterrichtete vier Jahre lang in Rapperswil im schweizerischen Kanton St. Gallen. In Basel machte Raff die Bekanntschaft des von ihm überaus verehrten Franz Liszt, der ihm in Köln zu einer Anstellung verhalf. Die Anfänge als Komponist gestalteten sich mühsam. Erst in Wiesbaden und später in Frankfurt stellte sich der ersehnte Erfolg und Anerkennung ein. Mit seiner ersten Symphonie „An das Vaterland“ errang Raff 1861 bei dem Musikwettbewerb der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien den ersten Preis. Die pädagogische Schiene sollte aber zeitlebens ein wesentlicher Bestandteil seines musikalischen Wirkens bleiben. So wurde er 1878 erster Direktor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main.
Als überwiegend autodidaktischer und fruchtbarer Tonsetzer schrieb er Opern, Symphonien, Instrumentalkonzerte, Suiten, Ouvertüren, Klavier- und Kammermusik. Musikhistorische Verdienste erwarb sich Raff nicht zuletzt als professioneller Instrumentierer der Erstfassungen einiger Sinfonischen Dichtungen Franz Liszts.
„Dame Kobold“ (= „Die Phantomfrau“) basiert auf einer Mantel- und Degen-Komödie Calderóns aus dem 17. Jahrhundert. Sie handelt von der Liebesgeschichte zwischen der jungen Witwe Donna Angela und Don Manuel, bei der der Bruder der Schönen, Don Juan, kurz dazwischenfunkt. Der ehemalige Militärkamerad Manuel, hat nämlich nach einer kleinen Fechterei verwundet, aber schließlich als Freund erkannt, inzwischen samt seinem Diener Rodrigo im Hause Juans Unterschlupf gefunden. Da wohnt zwangszurückgezogen auch dessen Schwester Angela. Um die Ehre der Schwester zu schützen – nur Juan darf ihren ‚Zukünftigen‘ bestimmen, sonst landet sie im Kloster – hat Manuel eine Geheimtür installieren lassen, damit er genau das Kommen und Gehen von Angela und deren durchtriebener Zofe Beatrice beobachten kann.
Und genau diese Tür ist der Angelpunkt der Komödie, denn die beiden Frauen wissen um deren Existenz, während die im angrenzenden Raum untergebrachten männlichen Gäste keine Ahnung davon haben. Als sie einen Brief, anonym von einer Frau unterzeichnet, und ihr Gepäck durchwühlt im fest verschlossenen Raum vorfinden, glauben Manuel und Rodrigo, dass hier ein Gespenst am Werk sein müsse. Nach einigem nur für den Angsthasen Rodrigo gruselig nächtlichen Hin und Her mit noch mehr Briefen, Ständchen und sonstigem Firlefanz können die listige Angela und der forsche Manuel einander mit dem Segen Juans in die Arme schließen. In ausgelassener Feierlaune endet die Oper.
Die Aufnahme besticht durch das flott flüssige Dirigat des von Naxos gerne engagierten Dirigenten und Musikwissenschaftlers Dario Salvi, die formidable Tonqualität und die Besetzung der männlichen Protagonisten mit dem deutschen Bariton Matthias Lika (Don Juan), dem 29-jährigen dänischen, samtig timbrierten, besonders in den Piani exzellierenden lyrischen Tenor Gustav Wenzel Most (Don Manuel) sowie dem taufrischen Bassbariton Lukas Krimmel (Rodrigo), seines Zeichens zunftbegabter Buder des bereits die Karriereleiter hoch aufgestiegenen Lied-, Konzert- und Opernsängers Konstantin Krimmel. Lara Rieken setzt ihren etwas spitz geführten Sopran als Donna Angela charaktervoll und mit einigem Spielwitz ein, Julia Surushkina hat als Beatrice Soubrettenkeckes und manch scharfe Höhe im Gepäck.
Raff hat die Partitur mit empfindsam seelenvollen Melodien romantischen Zuschnitts und virtuos gedrechselten bzw. wirbelwindigen Ensembles à la Rossini ausgestattet. Der Hörer merkt überdies, dass der Komponist seinen Figuren mit Sympathie und Liebe begegnet. Zu bewundern ist zudem die leichtflüssige und temporeiche musikalische Aktion, der gekonnte und dramaturgisch motivierte Einsatz von Kontrapunkt und Chor.
Hinweis: Naxos führt auch Raffs letzte Oper „Die Eifersüchtigen“ auf ein Libretto des Komponisten, dessen Symphonien und Violinsonaten in seinem Katalog. In der Oper musizieren unter der musikalischen Leitung von Joonas Pitkänen das Orchestra of Europe sowie ein Ensemble mit Matthias Bein, Balduin Schneeberger, Raisa Ierone, Mirjam Fässler, Serafina Giannoni und Martin Roth.
Dr. Ingobert Waltenberger

