Schattenmann im Rampenlicht: Jean Johnson und Steven Osborne rehabilitieren Gustav Jenner

Von der Fachwelt oft als bloßer Fußnote der Musikgeschichte abgestempelt, tritt Gustav Jenner auf einem neuen Album des Labels Linn endlich aus dem übermächtigen Schatten seines Lehrers Johannes Brahms heraus. Gemeinsam mit ihrem Gatten, dem Pianisten Steven Osborne präsentiert die Klarinettistin Jean Johnson ein Programm, das die romantische Vernetzung von den Schumanns bis zu Weber meisterhaft hörbar macht.
Wenn man über Johannes Brahms spricht, fällt selten der Name Gustav Jenner. Und doch war Jenner der einzige Komponist, dem Brahms über sieben Jahre hinweg das Privileg eines förmlichen Unterrichts gewährte. Dass Jenner den Großteil seines Lebens als Musikdirektor an der Universität Marburg verbrachte und sich eher im Kleinen entfaltete, mag dazu beigetragen haben, dass sein schmales Œuvre lange Zeit unverdient im Archiv verstaubte. Doch wer die neue Einspielung der Klarinettistin Jean Johnson und des Pianisten Steven Osborne hört, begreift schnell: Hier schreibt kein Epigone, sondern ein hochsensibler Geist, der die strukturelle Strenge seines Mentors mit einer ganz eigenen, norddeutschen Melancholie zu kreuzen wusste.
Das Programm dieses Albums ist ein klug konstruiertes Beziehungsgeflecht. Brahms selbst taucht als Komponist zwar nicht auf, fungiert aber als unsichtbares Zentrum, um das alle Werke kreisen. Den Kern bildet Jenners Klarinettensonate in G-Dur op. 5, ein Werk, das 1900 veröffentlicht wurde und – wie so viele Meisterwerke dieser Ära – dem legendären Klarinettisten Richard Mühlfeld gewidmet ist.
Jean Johnson nähert sich diesem Werk mit einer beeindruckenden klanglichen Flexibilität. Im einleitenden Allegro moderato e grazioso spürt man förmlich das Erbe von Robert Schumann; es ist ein sanfter, eher barcaroleartiger Beginn, der den Dialog zwischen Holzbläser und Klavier auf Augenhöhe zelebriert. Johnson und Osborne agieren hier nicht als Solistin und Begleiter, sondern als Kammermusikpartner im wahrsten Sinne des Wortes. Besonders im Adagio wird die natürliche Melodiosität der Klarinette voll ausgeschöpft, während Osborne am Flügel jene harmonischen Untergrund beisteuert, die man sonst nur von den späten Intermezzi des „Lehrmeisters“ Brahms kennt. Erst im finalen Allegro energico zeigt Jenner die Krallen: Hier bricht sich eine rhythmische Vitalität Bahn, die unverkennbar die Handschrift des Brahms-Schülers trägt, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren.
Umrahmt wird diese Entdeckung von den „Großen“ der Romantik. Robert Schumanns Drei Romanzen op. 94, ursprünglich für Oboe konzipiert, erfahren durch Johnsons Interpretation eine interessante Umdeutung. Das dunkle, warme Timbre ihrer Klarinette verleiht diesen „Liedern ohne Worte“ eine zusätzliche Dimension. Besonders die zweite Romanze, „Einfach innig“, gerät unter ihren Händen zu einem Moment des Innehaltens, als säße man als Hörer direkt mit den Musikern am Tisch.
Dass auch Clara Schumanns Drei Romanzen op. 22 (ursprünglich für Violine) in das Programm aufgenommen wurden, ist weit mehr als eine Repertoire-Ergänzung. Es ist eine Hommage an die Frau, die für Brahms Muse, Beraterin und moralischer Kompass war. Die Bearbeitung für Klarinette funktioniert hier erstaunlich gut; die leidenschaftliche Virtuosität des dritten Satzes scheint der Klarinette wie auf den Leib geschneidert. Johnson meistert die weiten Sprünge und die lyrische Intensität mit einer Souveränität, die technisch unangreifbar bleibt, aber niemals kühn wirkt.
Den krönenden Abschluss bildet Carl Maria von Webers Grand Duo Concertant. Hier verlassen die Musiker den Raum der intimen Innenschau und betreten die virtuelle Opernbühne. Weber, dessen Musik Brahms einst dazu bewog, seine Pläne für den Ruhestand zu verwerfen, verlangt von beiden Interpreten alles ab. Während das Klavier im Kopfsatz geradezu orchestrale Wucht entfaltet, antwortet Johnson mit einer Geläufigkeit, die an die großen Belcanto-Arien der Zeit erinnert. Das abschließende Rondo ist ein Kabinettstückchen an Leichtfüßigkeit und Witz, das nach der emotionalen Dichte der Schumann-Werke für die nötige Entspannung sorgt.
Jean Johnson und Steven Osborne ist mit diesem Debüt bei Linn ein großer Wurf gelungen. Es ist ein Plädoyer für die „zweite Reihe“ der Musikgeschichte, die – wenn sie so hochkarätig präsentiert wird wie hier – gar nicht mehr so zweitrangig wirkt. Die technische Brillanz Osbornes paart sich bestens mit Johnsons warmem, wandlungsfähigem Ton. Eine CD, das nicht nur Klarinetten-Liebhaber begeistern wird, sondern jeden, der die feinen Fäden der Romantik neu entdecken möchte. Gustav Jenner hätte sich für seine „Rehabilitation“ keine besseren Anwälte wünschen können.
Dirk Schauß, im Februar 2026
Jenner, Schumann, Weber
Werke für Klarinette und Klavier
Jean Johnson, Klarinette
Steven Osborne, Klavier
Linn, CKD763

