Ava Bahari beschwört den Schamanen herauf

Es gibt Augenblicke in der Musikgeschichte, die aus purem Scheitern geboren werden. Jean Sibelius träumte zeitlebens davon, als gefeierter Geigenvirtuose die Konzertsäle der Welt zu erobern. Nach einer vernichtenden Aufnahmeprüfung bei den Wiener Philharmonikern begrub er diesen Traum endgültig. Was als persönliche Katastrophe begann, wurde zu einem der großen Werke der Gattung: seinem Violinkonzert in d-Moll.
In der neuen Einspielung bei Alpha Classics widmet sich der finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali gemeinsam mit den Göteborger Symphonikern und der jungen Geigerin Ava Bahari diesem nordischen Monument. Rouvali, längst einer der eigenwilligsten Dirigenten seiner Generation, befragt die Partitur jenseits aller Routine und findet zu einer rohen Unmittelbarkeit, die den Hörer vom ersten Takt an gefangen nimmt.
Schon die Eröffnung weben die Streicher eine hauchzarte, flirrende Eisfläche. Darüber tritt Ava Bahari mit einer Intensität auf, die an eine Schamanin erinnert – eine Geschichtenerzählerin aus einer mythischen, längst vergessenen Welt. Ihr Spiel kennt keine Eitelkeit. Sie scheint die Melodien nicht zu spielen, sondern sie aus einem tiefen, dunklen Brunnen heraufzubeschwören. Rouvali formt den Orchesterpart nicht als Begleitung, sondern als gewaltiges, langsam verschiebendes tektonisches Gefüge, das die Solistin immer wieder in neue, schattige Klangräume taucht.
Im zweiten Satz entfaltet Bahari auf der G-Saite eine dunkle, zähe Kraft, die das finnische Ideal von Ausdauer und stillem Trotz in Töne fasst – unterstützt von den Holzbläsern, die mit warmer menschlicher Zärtlichkeit den Weg bereiten. Das Finale hingegen explodiert in mitreißender Spielfreude: Hier werfen sich Solistin und Orchester die Motive mit einer spielerischen Leichtigkeit zu, die vergessen lässt, wie tückisch dieses Werk eigentlich ist. Die rhythmische Präzision der Göteborger bildet dabei ein stählernes Fundament für Baharis virtuose Kapriolen, ohne dass der große, melancholische Erzählbogen je verloren ginge.
Ebenso überzeugend gelingt der zweite Teil der Aufnahme: die vier Legenden aus dem Kalevala-Epos. Hier zeigt sich Sibelius als Meister der sinfonischen Erzählkunst, der die mythische Identität Finnlands in kühne Klangbilder gießt. Rouvali kostet die atmosphärische Dichte dieser Stücke voll aus. Wenn der Schwan von Tuonela auf dem schwarzen Fluss des Todes erscheint, getragen von schweren, dunklen Akkorden und dem einsamen Gesang des Englischhorns, steht die Zeit still. Im Kontrast dazu entfesselt die Rückkehr Lemminkäinens eine stürmische, rauschhafte orchestrale Wucht, bei der Rouvali seine Liebe zu scharfen dynamischen Gegensätzen auslebt.
Die Göteborger Symphoniker präsentieren sich in allen Lagern als hochkonzentrierte, klanglich fein ausbalancierte Einheit. Jede Geste, jedes Detail der komplexen Partitur wird mit einer luziden Klarheit beleuchtet, die Sibelius’ modernes, radikales Denken neu hörbar macht.
Diese Aufnahme ist weit mehr als nur eine weitere Sibelius-Einspielung. Sie ist ein lebendiges Plädoyer für eine Musik, die tief in Sage und Natur verwurzelt ist und dennoch in jedem Takt zeitlos und gegenwärtig wirkt. Ava Bahari und Santtu-Matias Rouvali gelingt es, die nordische Seele in ihrer Zerrissenheit, ihrem Stolz und ihrer schamanischen Kraft spürbar zu machen. Ein starkes, unverbrauchtes Zeugnis vom Geist des finnischen Meisters.
Dirk Schauß, im April 2026
Jean Sibelus
Violin Concerto
Lemminkäinen Suite
Ava Bahahri, Violine
Gothenburg Symphony Orchestra
Santtu-Matias Rouvali, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha1215

