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CD JEAN SIBELIUS: Violinkonzert, Lemminkäinen Suite, SANTTU-MATIAS ROUVALI dirigiert das Gothenburg Symphony Orchestra; Alpha

19.04.2026 | cd

CD JEAN SIBELIUS: Violinkonzert, Lemminkäinen Suite, SANTTU-MATIAS ROUVALI dirigiert das Gothenburg Symphony Orchestra; Alpha

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Santtu Matias Rouvali hat als musikalischer Chef des Göteborger Symphonieorchesters bereits die sieben Symphonien, die sinfonischen Dichtungen Pohjolas Tochter, Der Sturm, En Saga, Die Waldnymphe, die König Christian II Suite sowie die Valse triste des finnischen Komponisten Jean Sibelius aufgenommen. Jetzt legt er mit Sibelius‘ Violinkonzert in d-Moll, Op. 47 und der „Lemminkäinen Suite“ bzw. – nur eine andere Bezeichnung – den „Vier Legenden von Kalevala“, Op. 22, weitere Juwelen in der umfangeichen Sibelius-Rezeption auf Tonträgern vor.

Das Violinkonzert von Sibelius hat Santtu-Matias Rouvali bereits 2015 mit seinem damaligen Tampere Philharmonic Orchestra und der Solistin Baiba Skride für das Label Orfeo eingespielt. Zehn Jahre später hat er sich für das im April 2025 in der Gothenburg Concert Hall auf Band festgehaltene Konzert die junge schwedische Geigerin Ava Bahari als Partnerin am Soloinstrument gewählt. Bahari, an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin sowie an der Accademia Stauffer in Cremona Bahari ausgebildet, war und ist in den Saisonen 2024/25 and 2025/26 Artist in Residence beim Göteborger Symphonieorchester.

In den ersten beiden Sätzen geringfügig rascher als 2015, gefällt mir die neuere Aufnahme insgesamt besser als die 2015 erstandene. Das liegt u.a. an der dunkler wallenden Unruhe und dem orchestralen nervenzerfasernden Flirren im ersten Satz, den agogisch exzessiveren Verzögerungen und Beschleunigen, aber vor allem an der weitaus differenzierter die dynamischen Zeichen und klanglichen Valeurs mit zart sehnsuchtsvollen Streicherkantilenen bis zu stumpf gläsernen Flageoletttönen auslotenden Solistin Ava Bahari.

Viel ist über die Genese des Violinkonzerts – Sibelius hat das Konzert 1904/1905 nochmals einer auf das Rhapsodische des Stücks abzielenden Bearbeitung unterzogen – geschrieben worden. Dabei sind vor allem immer wieder die autobiografischen Frusterlebnisse des Komponisten als eben nicht zu großem Geigenspiel befähigten Sibelius für das Verständnis der Musik betont worden. Das kann so gesehen werden, muss aber nicht.

Besonders der dritte Satz spricht eine völlig andere, an Enthusiasmus und spielerischer Kunstfertigkeit nicht zu überbietende Sprache. Denn natürlich kamen dem Komponisten seine Fertigkeiten – mögliche Enttäuschungen über das Auseinanderklaffen von Wunsch und Realität hin oder her – für dieses fantastisch fabulierende Konzert mit atemberaubendem virtuosem Anspruch zugute. Ich höre viel an poetisch und frühromantisch Inspiriertem in der Nachfolge von Mendelssohn, aber auch das gelungene Bestreben, die emotionale Expressivität reflexiv auf die Spitze zu treiben, sie neu zu erfahren, in und mit ihr mutig verschlungenen Pfaden lustvoll ins Ungewisse zu folgen.

Das so Moderne daran, die tektonisch-thematische Inkongruenz zwischen Violine und Orchester, wird von Santtu-Matias Rouvalis Göteborger Symphonieorchester und der einer große Zukunft als Solistin entgegen gehenden Ava Bahari besonders im rhythmisch satanischen Allegro, ma non tanto, vom Komponisten nicht zufällig als danse macabre bezeichnet, tänzerisch schwindelerregend wirbelnd bis zur finalen Apotheose rauschhaft ausgereizt. Eine Offenbarung!

Der programmatische Zyklus „Vier Legenden von Kalevala“, 1895/1896 geschrieben, besteht aus den sinfonischen Dichtungen ‚Lemminkäinen und die Mädchen auf der Insel‘, ‚Der Schwan von Tuonela‘, ‚Lemminkäinen in Tuonela‘ sowie ‚Lemminkäinen zieht heimwärts‘. Merklich von den harmonisch-musikalischen Inventionen Richard Wagners beeinflusst, geht es in dem populärsten der vier Sätze, dem auch oftmals alleine aufgeführten „Schwan von Tuonela“ überhaupt nicht zufällig um das gleiche mythische Tier, das in „Lohengrin“ und „Parsifal“ auftaucht und in beiden Opern die mythische Legende sowie das Symbolische profiliert.

Denn auch der 30-jährige Sibelius wollte ursprünglich eine Oper mit dem Titel „Veneen luominen“ (=„Das Bauen des Bootes“) schreiben, besann sich aber rechtzeitig seiner Talente und der politischen Schwierigkeiten der Entscheidung für eine einzige Sprache in einem dreisprachigen Land. Denn das Stück sollte ja in nationaler Pose den Stolz auf Finnland besingen. Daher verfasste Sibelius eine den erzählerischen Faden fieberatmosphärisch dicht ausleuchtende, bildhaft dramatische Instrumentalmusik.

Eigentlich als Ouvertüre konzipiert, handeln der enigmatische zweite und der dritte Satz vom waghalsigen Helden Lemminkäinen, der, um die Tochter der Louhi, der Herrin des Nordlandes, zu erobern, drei Prüfungen bestehen muss. Eine davon besteht darin, mit einem Pfeil den heiligen Schwan, der die Toteninsel Tuonela umkreist, zu töten. Er scheitert, wird selbst vom Pfeil erwischt, zerstückelt und ins Wasser geworfen. Wenn da nicht die im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Mama gewesen wäre, die den nach Liebe und Abwechslung Dürstenden mittels Salben und guten Sprüchen vom Tod erlöst, sie hätte den Buben nach all diesen Abenteuern wohl nicht zurückbekommen.

Santtu-Matias Rouvali und der bedeutenden Klangkörper aus Göteborg reüssieren mit klanglich bildhaften, in ihrer Hochdramatik aufgepeitscht heroischen Erzählungen. Ihrer wüstromantischen Attitüde mit riesig besetztem Orchester ungeachtet, bedient sich Rouvali einer farbenkräftigen Klangpalette mit irisierendem Grundflimmern des Fin-de siècle, ohne je ins plakativ Pompöse abzugleiten. Die den sinfonischen Dichtungen zugrunde liegende Opernhaftigkeit reizt Rouvali mit dramaturgischem Zunder, theatralischer Gestik und rhythmischer Akkuratesse aus.

Wer Musik in der Nachfolge von Richard Wagner, aber mit völlig eigenständiger Aneignung und Fortentwicklung, liebt, kommt mit diesen fast 50-minütigen Lemmingkäinen-Klanggemälden in der aufwühlenden Lesart des begnadeten Dirigenten und Ex-Schlagzeugers Rouvali voll auf seine Kosten. Mich spricht die freie Musikalität und das Vordringen zu seelischen, tiefenpsychologisch relevanten Geheimnissen in den Interpretationen dieses jungen finnischen Dirigenten besonders an. Daher ist mir auch sein Sibelius-Sinfonien-Zyklus wesentlich lieber als der pauschalere des mit mehr Starglamour brillierenden Landsmanns Klaus Mäkelä mit dem Oslo Philharmonic Orchestra.

Mein Tipp: Zugreifen und sich in der Musik Fallen lassen!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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