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CD JEAN SIBELIUS „THE TEMPEST“- OKKO KAMU dirigiert das Royal Danish Orchestra & Opera Chorus; Naxos

26.11.2022 | cd

CD JEAN SIBELIUS „THE TEMPEST“- OKKO KAMU dirigiert das Royal Danish Orchestra & Opera Chorus; Naxos

Live Aufnahme vom 10.10.2021 aus dem Opernhaus Kopenhagen

„Wir sind vom Stoff, aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben beginnt und schließt ein Schlaf.“ (Prospero)

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Wie eng Jean Sibelius dem dänischen Musikleben verbunden war, ist anhand der vorliegenden Aufnahme gut nachzuvollziehen. Nicht nur war Sibelius im Dänemark der O-er bis Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts der am meisten aufgeführte ausländische Komponist, sondern bemerkenswert ist auch Sibelius‘ Zusammenarbeit mit dem dänischen Musikverleger Wilhelm Hansen. Zudem dirigierte Sibelius 1912 die Vierte Symphonie mit dem Royal Danish Orchestra, dem Klangkörper unserer CD-Aufnahme.

Das schon bei Adam Oehlenschlägers „Aladdin“ am Königlich Dänischen Theater erfolgreiche Produktionsteam Kay Nielsen (Kostüme) und der Schauspieler Johannes Poulsen nahm sich 1925 Shakespeares „The Tempest“ vor. Als zielgenaue Wahl für die musikalische Zusammenarbeit beauftragte das Management des Theaters Jean Sibelius. Wer wäre besser geeignet gewesen, die magische Welt des auf eine Insel vertriebenen Zauberers Prospero, des Luftgeists Ariel und des Monsters Caliban, Sohn der Hexe Sycorax, als auch die stürmischen Naturelemente in Shakespeares Drama kongenialer abzubilden als der finnische Tüftler und Ringer um einen spezifisch neuen symphonischen Klang.

Sibelius ließ sich nicht lumpen und fuhr einen großen symphonischen Apparat auf, mit dem er in den 34 Szenen die Herausforderung expressiver Klangballungen bei den Hörnern nahm, die Gewitter krachend blitzen ließ und Meereswogen zum Schäumen brachte. Anstelle der ersten Szene hatte Poulsen Sibelius nämlich gebeten, eine die Naturgewalten illustrierende Ouvertüre zu schreiben. Das wohl beeindruckendste Sturm-Tongemälde nach Wagners wütendem Geisterchor im „Fliegenden Holländer“ setzt auf wogende chromatische Bewegungen der Streicher, transponierte Ganzton Passagen im Holz und aggressiv wütende Blechbläser. Eine irre brausende Elementenschlacht. Im wortlosen Chor der Winde beschwört Ariel mit unheimlichen Harmonium- und Harfenklängen den Untergang des Schiffes.

Der geschlechtslose Ariel, auf der Bühne oft männlich besetzt, wird hier von einem Mezzosopran (Hanne Fischer) gesungen. In den zwei ersten Songs, wiederum mit avantgardistischen Chorvokalisen untersetzt, besingt sie das Leid Ferdinands, der glaubt, sein Vater Alonso sei ertrunken und liegt nun auf dem Meeresgrund, von Meerjungfrauen willkommen geheißen.

Das Vorspiel zum zweiten Aufzug ist Prospero und der in tiefen Schlaf versetzten Schiffsmannschaft gewidmet. Prosperos Diener Ariel schafft dazu in „The Oak Tree“ mit seiner Flöte eine meditativ-somnambule Atmosphäre. Caliban (Bassbariton Palle Knudsen) singt sein derbes Lied „Farewell, master, farewell, farewell“, bevor das Zwischenspiel zum dritten Akt die unschuldige Miranda vorstellt und ihre Zukunft mit Prinz Ferdinand imaginiert. Mit einem orientalisch anmutenden Geistertanz und ebensolcher Ballettmusik, über das elegische Intermezzo zum vierten Akt („Alonso trauert“) und Ariels kurzem viertem Lied (Before you can say ‚come‘ and ‚go‘) geht es weiter zur „Regenbogenmusik“, die Ähnlichkeiten mit dem Beginn der Vierten Symphonie aufweist. Dazwischen fliegt immer mal der wirbelnde Ariel herein oder darf sich in Gestalt einer Harpyie am Banketttisch niederlassen. Für Juno, Göttin der Ehen und Geburt (Kari Dahl Nielsen), hat Sibelius auch ein kleines Lied komponiert

Eine feierlich hispanisierende Ouvertüre zum fünften Akt führt zu einem dissonant einleitenden Instrumentalteil, der in versöhnlichen Parsifal-ähnlichen Klängen endet. Ein feierlicher Hochzeitszug beendet die Schauspielmusik. Als Anhang erklingt ein Wiegenlied für Miranda.

„The Tempest“ war das letzte Orchesterwerk, das Sibelius vor seiner „Stille von Järvenpää“, die bis zu seinem Tod andauern sollte, schrieb. Altmeister Okko Kamu – 2016 dirigierte er für BIS Records seinen letzten Sibelius-Zyklus mit der Sinfonia Lahti – gilt als einer der verständigsten und versiertesten Dirigenten für das Klanguniversum des Jean Sibelius weltweit. Diesem Ruf wird Kamu auch mit dieser Aufnahme voll gerecht. Vor allem die Passagen, die der unberechenbaren, das Menschliche übersteigenden Natur gelten, den aus meiner Sicht inspiriertesten der Partitur, sind in all ihrem faszinierenden Schrecken erlebbar. Dazwischen gibt es Musik, vor allem diejenige zum vierten Akt, die tänzerisch einfach, mit Anleihen aus der Musikgeschichte durchsetzt wirkt, wäre da nicht dieses trauernde Gefühl der Endzeit des Klangmagiers Sibelius, das mitschwingt und sprachlos macht.

Fazit. Eine bereichernde Ergänzung unseres Verständnisses des Symphonikers Sibelius, aufgepeitscht bis elegant melancholisch dargebracht. Das Solistenteam agiert werkgerecht.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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