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CD JEAN SIBELIUS: SYMPHONIEN Nr. 3 und 5, Pohjolas Tochter – Santtu-Matias Rouvali dirigiert das Gothenburg Symphony Orchestra; alpha classics

14.01.2023 | cd

CD JEAN SIBELIUS: SYMPHONIEN Nr. 3 und 5, Pohjolas Tochter – Santtu-Matias Rouvali dirigiert das Gothenburg Symphony Orchestra; alpha classics

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„Der finnische Dirigent Santtu-Matias Rouvali bewegt sich am Pult wie ein Tänzer. Die langen blonden Locken fliegen, von den muskulösen Schultern zu den Fingerspitzen bewegen sich die Arme flexibel wie Tentakel, musikalische Inhalte spiegeln sich in jeder Regung seines schmalen Körpers, in jedem Gesichtsausdruck wieder“, konnte man bei der DW nach seinem Debüt mit den Berliner Philharmonikern im September 2019 lesen. Der kecke Exzentriker Rouvali, finnischer Schlagzeuger und charismatischer Pultstar, ist Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Tampere, der Göteborger Symphoniker und seit 2021 Principal Conductor des London Philharmonia Orchestra. Er bringt mit geschmeidigen Bewegungen und seinem musikalischen Hitzkopf tatsächlich neuen Wind in seinen Berufsstand als auch die von ihm interpretierten Stücke. Von seiner Erfahrung als Perkussionist profitiert er insoweit, als die rhythmische Seite des Dirigierens völlig automatisch abläuft, während er mit der linken Hand den Subkontext in Dynamik, Artikulation etc. freier gestalten kann. Hemdsärmelig ist er, völlig natürlich er selbst und passioniert in dem, was er tut. Also hält er sich nicht lange mit Traditionen auf. Beim Betrachten des Videos im Interview könnte man auf die Idee kommen, so in etwa dürfte Mozart gewesen sein.

https://www.youtube.com/watch?v=1wBx5UY_2QU

Das vorliegende Album markiert den dritten Teil der Einspielung aller Sibelius-Symphonien mit den Göteborger Symphonikern für das Label alpha. Nach den Symphonien Nr. 1 und Nr. 2 enthält diese CD die Symphonien Nr. 3 und 5, als auch die sinfonische Fantasie „Pohjolas Tochter“. Infolge des Umzugs auf das Land nach Abschluss der Zweiten Symphonie an die Ufer des Tuusula-Sees ließ sich Sibelius sofort von den harzigen Wäldern und allerlei Getier, dem unendlichen Nachthimmel und den Polarlichtern inspirieren. Durchaus selbstironisch merkt der Finne Rouvali an, dass vom stereotypen Bild des durch die Wälder streifenden besoffenen Volks durchaus etwas in der Musik von Sibelius zu merken sei. Die extremen Stimmungsschwankungen, die vielfältig atmosphärisch und rhythmisch abgestuften Klangbilder, all das scheint Rouvali in der C-Dur Symphonie, Op. 52 und mehr noch in der „Fünften“ in Es-Dur Op. 82 luftig schwebend und frei pulsierend in geriffelte Rinde zu schnitzen, als einen glühenden Naturhymnus in räumlicher Weite, Herzschlagsrasanz und kantigen Orchesterschlägen kulminieren zu lassen, dies ganz nach Sibelius‘ Überzeugung, dass der Mensch mit Hilfe der Natur die Agonie des Lebens überwinden kann.

Natur und finnische Volksdichtung: Der zweite Pol des vorliegenden Albums schließt mit der Vertonung der achten Rune des finnischen Nationalepos Kalevala. Der alte Barde und Zauberer Väinämoinen kommt ins Nordland und erblickt die schöne „Tochter des Nordens Pohjola“. Sie sitzt auf einem Regenbogen und webt ein goldenes Tuch. Pohjola will sich ihm nur anschließen, wenn Väinämöinen eine Reihe von schwierigen Aufgaben erfüllen kann, wie ein Ei in unsichtbare Knoten binden oder aus den Splittern der Spindel ein Schiff bauen. Von bösen Geistern gestört, verletzt sich Väinämöinen schließlich mit einer Axt. Aus mit dem Traum, Väinämöinen reist mit seinem Schlitten alleine weiter. In der 1906 fertiggestellten Fantasie „Pohjolas Tochter“ ist ein Riesen-Orchesterapparat zugange. Rouvali zeigt sich hier als ein findiger, strukturell denkender, hoch präziser Musiker, der die Magie der Musik in rauschhaften Orchesterfluten bei stupender Durchhörbarkeit der Stimmen erstehen lässt.

Beim direkten Vergleichshören mit der „Dritten“ unter der Stabführung des zweiten jungen finnischen Stardirigenten Klaus Mäkelä (letztes Jahr in einer Gesamtausgabe aller Sibelius Symphonie mit dem Oslo Philharmonic bei DECCA erschienen) fällt die wesentlich betontere Rhythmik, der größere Kontrastreichtum, die feinere und gezieltere Abtastung der Klangräume sowie die höhere Transparenz, eine elastischere Phrasierung bei Rouvali auf. Mäkelä lässt bei der C-Dur Symphonie ebenso hochromantisch schwelgen wie das bei den Symphonien Nr. 1 und 2 durchaus angebracht ist, bei der Dritten jedoch weniger.

Dieser Santtu-Matias Rouvali, ein moderner Musikertyp abseits aller Klischees, ist jedenfalls einer der bedeutendsten nordischen Dirigenten der Jetztzeit. Ob der werdende Sibelius-Zyklus eine runde Sache wird? Auch wenn vieles Geschmacks- und Ansichtssache bleibt, für mich hält die Kombination aus dem Göteborger Spitzenorchester und dem quirlig umtriebigen Rouvali Hörerfahrungen bereit, die ich nicht missen möchte. Empfehlung.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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